Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

sowie der Camino Mozárabe und der Camino Sanabrès
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Mario d'Abruzzo
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Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 4. Nov 2019, 14:16

Straßenbezeichnungen können mitunter irritieren. Trotzdem wäre es vielleicht gut, die richtigen Namen zu verwenden, auch wenn es manchmal etwas umständlich erscheint.

Neulich hatte ich auf der B3 ein Schlüsselerlebnis dazu. In meiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau kreuzen sich B3 und B31; die B31 zielt auf den Schwarzwald, die B3 jedoch führt Richtung Frankfurt. Soweit so klar. Dachte ich... Auf der Fahrt zum Pilgertreffen in Buchholz taucht kurz vor dem Ziel die Bundesstraßennummer auf. Immer noch die B3... Ah ja...

Nicht ganz so einfach ist es mit dem Pilgerweg Via de la Plata in Westspanien. Nicht nur die romantische Übersetzung »Silberweg« ist nachweislich falsch (»Wörtlich übersetzt würde der Name "Silberstraße" bedeuten. Die Namensgebung stammt jedoch nicht aus römischer Zeit, sondern ihr Ursprung liegt in der volksetymologischen Veränderung der jüngeren maurischen Bezeichnung Bal'latta für "breiter gepflasterter Weg".« Quelle), sondern jetzt wird die römische Süd/Nord-Plata willkürlich bei Granja de Moreruela nach Westen brachial abgeknickt und genauso muss der Pilgerweg von Málaga/Almería seinen Namen an die Via de la Plata abgeben, wie beim Pilgerführer des Stein-Verlages. Hier ist die Begründung besonders skurril: weil ja die Mozaraber, also die Christen im muslimischen Herrschaftsgebiet in Südspanien, auf ihrem Weg nach Santiago in Mérida auf die Route der Via de la Plata treffen. Witzig: auch in Sevilla soll es Mozaraber gegeben haben; also könnte man den Namen Via de la Plata gleich ganz abschaffen.

Zur Klärung:

Bild

Via de la Plata • Sevilla → Astorga

Camino Mozárabe • Almería oder Málaga → Mérida

Camino Sanabrés • Granja de Moreruela → Santiago de Compostela

Mario
Zuletzt geändert von Mario d'Abruzzo am 4. Nov 2019, 16:19, insgesamt 1-mal geändert.

Bicigringo
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Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Bicigringo » 4. Nov 2019, 16:07

„Was Sie schon immer über die VdP wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ (Abgekupfert bei Woody A.) 🚴‍♀️

PS Immer noch Schlafstörungen? :lol:

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Mario d'Abruzzo
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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 4. Nov 2019, 16:36

Haha,
ne, ne, über dieses Thema hab' ich mich schon vor Jahren im alten Forum mit dem bekannten, ein ganz klein wenig beratungsresistenden Autor spanischer Pilgerführer unterhalten. Wobei ich inzwischen, dank meines Alter Ego Garmin, eigentlich gar keine markierten Wege mehr laufe. Aber wenn sich meine Routen, so wie 2020, dann auf einem in den OSM-Karten definierten Weg durch Berg, Tal und Schlucht dahin winden; dann soll mindestens die Wegbezeichnung exakt benannt sein und nicht nur schwammig aus irgendwelchen oberflächlichen Marketingsgründen oder Pseudoromantik.

Bild

¡Cuidado con un camino de madera!

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Raimund Joos » 4. Nov 2019, 18:08

Eigentlich beginnt der Camino Frances auch nicht in Sait-Jean-Pied-de-Port oder Rocesvalles sondern erst in Eunate .... aber was soll das? Reden wir hier doch einfach so dass es für den heutigen Pilger verständlich ist und nicht für irgendwelche Historiker ... ;) Der Camino Sanabres wird heute als Variante der Via de la Plata verstanden und "Mozarabischer Weg" ist auch nicht falsch, da die Mozaraber dort nach Santiago gepilgert sind.
https://www.spanien-netz.com/165/Jakobs ... abres.html
https://magwood.me/2015/05/22/camino-mo ... a-22-5-km/

BC

Raimund

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Mario d'Abruzzo
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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 4. Nov 2019, 20:33

Hmmh, wie wäre es mit El Itenario de la Sanaplatamoz?

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 5. Nov 2019, 00:41

Ciao Raimund,
Raimund Joos hat geschrieben:
4. Nov 2019, 18:08
Reden wir hier doch einfach so dass es für den heutigen Pilger verständlich ist und nicht für irgendwelche Historiker ... ;) Der Camino Sanabres wird heute als Variante der Via de la Plata verstanden und "Mozarabischer Weg" ist auch nicht falsch, da die Mozaraber dort nach Santiago gepilgert sind.
im Zeitalter der gefühlten Wahrheit, also der heutigen Neo-Realität, die praktischer Weise ohne Fakten auskommt, hast Du vielleicht sogar Recht.

Mir fehlen gerade die professionellen Quellen zu diesem Thema; vielleicht gibt es da Hilfe im Forum?

Wenn ich einzelnen Info-Splittern glauben darf, dann gilt:

"Der Jakobsweg Camino Sanabrés hat seinen Ursprung den alten Königreichen in Spanien zu verdanken, denn dieser Pilgerweg war der Kommunikationskanal zwischen León und Galicien. Aus den königlichen Chroniken ist ersichtlich, dass König Alfonso IX im Frühjahr 1295 erstmals den Weg nach Santiago de Compostela (Spanien) begangen hat, um das Grab des Apostels Jakobus zu besuchen. Erst einige Jahrhunderte später begannen dann die ersten Pilger auf diesem Pilgerweg in die Jakobsstadt zu pilgern."
Quelle: https://peronegro.com/jakobsweg/jakobswege-spanien/camino-sanabres/

Es scheint offensichtlich so, dass der heutige Camino Sanabrés also frühestens ab dem 14. Jahrhundert begangen wurde. Und da hatten sich die Araber schon ziemlich in den Süden der Iberischen Halbinsel zurückgezogen. Außerdem übernahmen zu dieser Zeit Berberstämme die Macht und wer nicht freiwillig zum Islam konvertierte, wurde nach Marokko deportiert, damit diese 'Rest-Christen' im heutigen Südspanien nicht zu Helfern der aus dem Norden heranrückenden christlichen 'Befreier' werden konnten.

Soweit die Realität. Aber ich gestehe, die Fakenews von Mozarabern auf dem Silberweg, also die klingen irgendwie spannender. Fakten? Viel zu mühsam! Was sagte schon Pipi Langstrumpf?

Lach...

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Winti46 » 5. Nov 2019, 13:19

Wo endet sie und wo beginnt sie, die gepflasterte Strasse? Ursprünglich verlief sie nur von MERIDA nach ASTORGA. Der Verkehr verlängerte sich im Norden zum Teil auf der "Via romana de la Carisa" bis Gijón und im Süden bis Sevilla und weiter auf der "Via Augusta" bis Cádiz. Man könnte mit den heutigen Freiheiten auch sagen, die Via de la Plata beginnt in Cádiz und endet in Gijón.

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Mario d'Abruzzo
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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 5. Nov 2019, 18:05

Winti46 hat geschrieben:
5. Nov 2019, 13:19
Wo endet sie und wo beginnt sie, die gepflasterte Strasse? Ursprünglich verlief sie nur von MERIDA nach ASTORGA.
Das ist ja interessant, hast Du da ne Quelle für. Ich finde nichts Belastbares.

Übrigens ich hab jetzt mal nachgerechnet, welche Unterschiede in der Entfernung es zwischen der Route über Ourense und Astorga gibt. Da gibt's nämlich gar keinen Unterschied !

1. Granja de Moreruela → Ourense → Santiago (Camino Sanabrés): ~375 km

2. Granja de Moreruela → Astorga → Santiago (Via de la Plata & Camino Francés): ~380 km

Also, was soll im Mittelalter der Grund gewesen sein, diese erste Variante als Südiberer zu laufen? Vor allen Dingen als Mozaraber, den es ja im 13. Jahrhundert gar nicht mehr gab, weil die Reconquista schon fast in Granada angekommen war und der heutige Camino Sanabrés angeblich erstmals 1295 durch diesen Alfons begangen wurde?

Egal. Wollte das nur mal geschrieben haben...

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Raimund Joos » 5. Nov 2019, 20:38

Lieber Mario

Es geht mir hier nicht um wissenschaftliche historische Betrachtungen sondern darum, was sich nun einfach im Sprachgebrauch eben so eingebürgert hat.
Es dürfte wohl unumstritten sein, dass die fühere Römerstraße von den Motarabern als Jakobsweg genutzt wurde und daher seinen Namen bekommen hat der aus dem Mozarabischen stammt.

Und es wird wohl kaum einer glauben dass damals alle Mozaraber über Astorga gegangen sind weil es sonst keinen Weg gab.

Es geht hier nicht um "gefühlte Warheiten" sonder einfach darum dass die Alltagssprache der Pilger und der Fachjargon von Historikern eben zwei verschiedene Ebenen sind von denen keine richtiger oder falscher als die Andere ist. So meinte ich das.

Würdest du Pilger, die sagen sie seinen den Camino Frances ab Roncesvalles gelaufen als von der "Neo-Realität" gezeichnet bezeichnen?

Im Sinne der Historie ist das aber genauso falsch wie den Camino Sanabres als Teil oder Variante der Via de la Plata zu bezeichnen, denn auch dieser Wegabschnitt hat historisch gesehen rein garnichts mit dem Camino Frances zu tun woran aber nur wenige aberschlaue Historiker Anstoß nehmen können

https://xacopedia.com/img/entries/navarro.fh11.jpg

BC

Raimund

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Winti46 » 7. Nov 2019, 09:17

Winti46 hat geschrieben: 5. Nov 2019, 13:19 Wo endet sie und wo beginnt sie, die gepflasterte Strasse? Ursprünglich verlief sie nur von MERIDA nach ASTORGA.
Das ist ja interessant, hast Du da ne Quelle für. Ich finde nichts Belastbares.
Im spanischsprachigen Wikipedia ist die Strasse als Weg zwischen Merida und Astorga beschrieben und im dort verlinkten Dokument ist dieser Weg nochmals schön detailreich beschrieben http://traianvs.net/textos/delapidata.php - Im Wikipedia im Dokument bei den "Enlaces externos - La continuidad de la Vía de La Plata desde Asturica Augusta hasta el litoral cantábrico asturiano, artículo de la revista Tierras de León" sind die späteren Erweiterungen zum Beispiel nach Sevilla und Cádiz und Gijon beschrieben. LG Walter

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Mario d'Abruzzo
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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 7. Nov 2019, 15:42

Lieber Raimund,
Raimund Joos hat geschrieben:
5. Nov 2019, 20:38
Es geht hier nicht um "gefühlte Wahrheiten" sondern einfach darum dass die Alltagssprache der Pilger und der Fachjargon von Historikern eben zwei verschiedene Ebenen sind von denen keine richtiger oder falscher als die Andere ist.
also um drei Wegnamen auseinander zuhalten braucht es wahrlich keine studierten Historiker.

Und diese sogenannte "Alltagssprache der Pilger" entsteht ja gerade durch Veröffentlichungen wie Deine Pilgerbücher. Wenn Du die richtigen Bezeichnungen verwenden würdest, dann käme wohl niemand auf die Idee den Camino Sanabrés alltagssprachlich Via de la Plata zu nennen. Aber Du bist mit der Entstehung dieses Begriffswirrwarrs ja nicht alleine. Die meisten Veröffentlichungen schreiben lieber ungeprüft von einander ab. Vielleicht kennen diese Schreiberlinge dann nur Deine Buchtitel und denken, »der muss es ja wissen«. Leider ein Irrtum... Und irgendwann heißt es dann, dass aber die Mehrheit richtig liegen muss. Das ist dann die "gefühlte Wahrheit".

Wahrheit entsteht nicht durch das endlose Wiederholen einer falschen Behauptung. Das sind dann lediglich diese berühmt-berüchtigten »Alternativen Fakten«.

Lach...

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 7. Nov 2019, 23:13

Lieber Walter,

ganz herzlichen Dank für den von Dir verlinkten Artikel zum Thema Via de la Plata. Alleine die vielen Fotos erinnern mich an das gerade gelesene Buch »Via Appia • Auf der Suche nach einer verlorenen Straße«. Leider verstehe ich kein Spanisch, aber mit Hilfe von Google Translate werde ich auch von den Texten profitieren. Hab mir die PDF-Version geladen. Klasse!!!

Mario

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Re: Die Via de la Plata endet NICHT in Santiago...

Beitrag von Mario d'Abruzzo » 7. Nov 2019, 23:40

Schöne Via de la Plata-Fotos:

https://via-de-la-plata-fotos.jimdo.com/

Mario

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