Reichlich spät – aber vielleicht ist es für den einen oder anderen trotzdem interessant – möchte ich hier noch meine Erfahrungen mit dem Winterpilgern auf dem Camino Frances schildern.
Ich war im Zeitraum zwischen Mitte Januar 2023 und Ende Februar 2023 insgesamt etwa fünfeinhalb Wochen unterwegs, inklusive Anreise, ein paar Tagen zum Abschluss in Santiago de Compostela und Heimreise.
Wer weiter vorne im Thread nachlesen möchte, erfährt, dass ich mich schwer damit getan habe, wo ich starte und ob ich evtl. einen Teil des Weges überspringe.
Letztlich habe ich mich dafür entschieden, in Pamplona zu starten und bis Burgos zu wandern, bin von dort aus bis Leon mit dem Bus gefahren und ab Leon nach Santiago gewandert. Für mich persönlich hat das pefekt gepasst. Ich konnte Ruhetage und halbe Ruhetage in interessanten Orten einlegen und mir in Ruhe viele der historischen Stätten anschauen, die im Laufe der Jahrhunderte rund um den Pilgerweg gewachsen sind. Ob ich in der Meseta etwas verpasst habe? Ich kann es natürlich nicht beurteilen, weil ich nicht dort war, aber Einsamkeit habe ich auch auf anderen Wegabschnitten genießen dürfen – und das meine ich wirklich so. Die Entscheidung, mir nicht die gesamte Strecke zwischen Pamplona und Santiago vorzunehmen, war auch ein bewusstes Ausbrechen aus dem beruflichen Hamsterrad, in dem ich regelmäßig vor dem Problem stehe, mehr erledigen zu müssen als eigentlich in die Arbeitszeit passt, und hat zudem dazu gepasst, wie ich den Weg angehen wollte, siehe unten.
Das Wetter war zum Glück auf meiner Seite: Es war zwar knackig kalt, und ich bin über die Montes de Oca und auf der Etappe ab Rabanal im Schnee gewandert, dazu war der Weg von O Cebreiro hinunter völlig vereist, so dass ich froh war, Spikes mitgenommen zu haben. Aber es hat kaum geregnet, und in Galicien war das Wetter richtig frühlingshaft. Der Regen hat erst eingesetzt, nachdem ich in Santiago angekommen war.

Zum Glück war es dann abends kurzzeitig wieder trocken, denn eine Frage von oben kann ich auch beantworten: Am Fastnachtsdienstag findet in Santiago abends ein Fastnachtsumzug statt. Das war wirklich ein denkwürdiger Abschluss der Wanderung.
Was habe ich persönlich von der Pilgerwanderung mitgenommen?
Zunächst einmal die Erkenntnis, dass der Weg – noch mehr als andere Wanderwege – der Inbegriff der Selbstwirksamkeit ist. Sich auf den eigenen Füßen quer durch ein Land auf ein Ziel zuzubewegen, jeden von vielen tausend Schritten unter den Sohlen zu spüren, auf der Landkarte zu bestaunen, wie weit man schon gekommen ist, gibt einem wie kaum etwas anderes das Gefühl, sein Schicksal aktiv zu gestalten.
Ich denke, darüber hinaus muss jeder selbst entscheiden, wie er diese Selbstwirksamkeit für sich selbst am besten erreicht. Für mich stand lange vor der eigentlichen Wanderung fest, dass ich die Wanderung mit vorgebuchten Hotels durchplanen will. Ich hatte immer schon Freude daran, nach einem langen Tag draußen in einem schönen Zimmer einzuchecken und meine Ruhe zu haben, wenn ich das möchte, und das hat sich auch bei dieser Wanderung wieder bestätigt. Das hat zwar einigen Planungsaufwand erfordert, aber auch die Vorfreude gesteigert, und die Vorbereitungen auf die Strecke und die Sehenswürdigkeiten unterwegs haben mich in die Lage versetzt, die Wanderung entspannt zu genießen und mir in Ruhe etwas anzuschauen, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wo ich abends übernachte und ob es dann auch am Folgetag in passender Distanz wieder eine Übernachtungsmöglichkeit gibt. Leider gab es unterwegs ein paar Stornierungen seitens der Unterkünfte, aber zum Glück hat sich jeweils Ersatz gefunden.
Was für mich gilt, muss aber für andere noch lange nicht gelten. Für andere besteht das Gefühl der Selbstwirksamkeit sicher in dem bewussten Verzicht auf langes Vorplanen und in der Möglichkeit, sich abseits der alltäglichen Routinen jeden Morgen auf den Weg zu machen und sich voller Abenteuerlust dem Ungeplanten zu stellen. Andere finden vielleicht einen Mittelweg am passendsten für sich selbst. Für wichtig halte ich es nur, dass man sich bewusst dafür entscheidet, wie man die Wanderung gestalten will und nicht irgendeinem vermeintlichen Pilgerideal hinterherhechelt. Jeder soll - und muss - da sein eigenes Ding machen.
Was ich für mich außerdem mitnehme ist die Erkenntnis, dass jeder Tag eine kleine Reise durchs Leben ist und nicht bloß eine Aneinanderreihung von Sonnenauf- und untergängen in der Erwartung irgendeines größeren Ereignisses. Genauso wie jeder einzelne Wandertag seine kleinen und großen Momente hatte und nicht bloß ein Abspulen von Kilometern auf dem Weg nach Santiago war, gibt es auch im Alltag diese Momente, in denen man sich freut, weil man gerade mit jemandem gelacht hat oder weil einem etwas gelungen ist oder weil man das erste mal seit Monaten mal wieder in der Sonne sitzen kann und und und....Ich versuche, diese Momente mehr wertzuschätzen als früher und habe durchaus den Eindruck, dass mir das hilft, mit Stress umzugehen und mich ingesamt zufriedener zu fühlen.
So, das waren ein paar Gedanken von mir. All denen, die ihren Weg noch vor sich haben: Buen camino!