[Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

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Hoib3rgA
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Hoib3rgA »

Kurz vorweg, zum einen danke für all die Glückwünsche, und die lieben Rückmeldungen auf mein Tagebuch. Ich hatte kurz schon geschrieben, dass ich mittlerweile in SdC angekommen, damit sich keiner Gedanken macht ;-)
Die restlichen Tage meiner Wanderung will ich euch aber nicht vorenthalten, ich muss nur immer mal die Zeit und Muse finden, meine stichpunktartigen Notizen in Sätze auszuschmücken.

08.05.26: Feás-> Soutelo de Montes
- 21,5km
- 740hm ⬆️
- 568hm ⬇️
- Unterkunft: „Hotel Millenium“
- Abendessen: „O Lagar“

Während ich mich für den Weg fertig gemacht habe, und meine Sachen im Rucksack verstaute, hat Sergio bereits das Frühstück vorbereitet.
Neben leckerem Apfelkuchen gibt es Obst, Naturjoghurt, eine Avocado aus eigenem Anbau, Toastbrot und natürlich Kaffee.
Sergio ist solch ein liebevoller Gastgeber, der versucht, einem wirklich jeden Wunsch zu erfüllen. Ich hatte zu Hause zwei Muscheln mit Blattgold vorbereitet, eine ist für Juan, einem Hospitalero auf dem Weg nach Finisterre, und die andere wollte ich an einem besonderen Ort zurücklassen. Für mich ist hier dieser Ort, an welchem ich die Muschel gerne zurücklassen möchte. Nachdem ich gezahlt habe, überreiche ich Sergio eine meiner Muscheln, und bedanke mich nochmals vielmals für seine Gastfreundschaft.

Langsam ist es Zeit, sich zu verabschieden. Sergio zeigt mir noch wie ich auf den Camino zurückkomme, welcher rund 150 m vor seiner Haustür abzweigt. Mit der Hand deutet er mir schon an, dass der Weg den Berg hinauf führt. Und mit dieser Prophezeiung wird er mehr als Recht behalten. Die ersten 2 km geht es relativ steil nach oben, bis man an einen Wegweiser des Caminos kommt, welcher von unzähligen aufeinander gestapelten Steinen umsäumt ist. Auch ich trage meinen Teil dazu bei, dass dieser Steinhaufen ein kleines Stück wächst, nehme also meinen Rucksack ab, zücke meine Acrylstifte und bemale zum ersten Mal seit dem Start in Braga einen Stein.
Ab hier geht der Weg ein kurzes Stück flach weiter, um dann wieder steiler zu werden. An dem Punkt, an welchem die Straße dann endlich bergab führen würde, zeigt der nächste gelbe Pfeil nach links auf einen Naturpfad, der, wie soll es auch anders sein, weiter bergauf führt.
Bei kalten 9 °C laufe ich nun durch die tief hängenden Wolken hindurch.
Insgesamt sind es dann 4,5 km von Feás aus, welche sich der Weg um 335 Höhenmeter nach oben schlängelt.
Man folgt diesem breiten Naturpfad für etwa 2 km, um dann nach links auf einen sehr schmalen Trampelpfad entlang einer Steinmauer abzubiegen.
Mittlerweile haben sich die Wolken ein wenig verzogen, und die Sonne schafft es sich hin und wieder am Himmel zu zeigen.
Der felsige, mit Moos bewachsen, und mit Laub bedeckte Pfad ist vom nächtlichen Regen noch sehr nass, und somit auch ziemlich rutschig. Nach einiger Zeit hört man einen Bachlauf, welcher sich einmal quer über den Weg sein Bachbett gelegt hat. Kurz vorher ist auf der rechten Seite ein kleiner Weg, welcher von einem großen Steinquader versperrt wird. Schlängelt man sich hier am Stein vorbei, so kann man den Bachlauf umgehen.
Nach insgesamt etwas über 9 km erreicht man den Ort Beariz, in welchem es direkt am Weg einen Supermarkt gibt. Da mein Rucksack noch reichlich Proviant für den heutigen Tag enthält, lasse ich den Supermarkt rechts liegen, mir lieber eine kleine Bar suchend um „ausnahmsweise“ ;-) ein Bier zu trinken. Fündig werde ich an der Hauptstraße, die parallel zum ausgeschilderten Weg verläuft. Neben dem Bier bekomme ich in der „Café Bar Beariz“ drei Stück Baguette und mehrere Scheiben Chorizo gereicht. Lecker.
Gerade als ich den Ort am verlassen bin, kommt mir ein Auto die schmale Gasse rückwärts fahrend entgegen, fährt an mir vorbei, um dann hinter mir stehen zu bleiben und einmal kurz die Hupe zu betätugen. Ich drehe mich um und sehe, wie der Fahrer noch einmal zu mir zurückfährt, das Fenster runter lässt um mich auf spanisch etwas zu fragen. Da ich es leider nicht verstehe, antworte ich nur, dass ich leider kein Spanisch spreche. Gerade meinen Satz zu Ende gesagt, sehe ich einen Ansteckpin mit der Aufschrift „ ULTREIA“ auf seiner Brust. Da verstehe ich dann auch, was mir der Mann mitzuteilen versucht. Scheinbar ist er der Hospitalero der Herberge am Ende dieser Straße. Ich erkläre ihm, dass ich noch weiter bis Soutello gehe, woraufhin er freundlich nickt, mit einer Handgeste anzeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und mir anschließend noch einen Buen Camino wünscht.
Nach einem kurzem Stück auf Asphalt, wird man nach rechts auf einen Waldweg geleitet. Die Zeit schreitet langsam auf 14:00 Uhr zu, sprich auf die Uhrzeit, zu welcher es bisher immer zu regnen begonnen hat. Und auch jetzt merke ich schon, wie sich das Licht etwas verändert und die Temperatur um ein, 2° zu fallen beginnt. Mit dem einsetzen des Windes spüre ich auch bereits die ersten feinen Regentropfen. Wuhuuu … Ponchozeit …. Hatte ich ja schon lange nicht mehr. 🙈
Nach gut 1,5 Stunden verändert sich das Licht erneut, was eigentlich immer das Ende des Regenschauers vorhergesagt hatte. Und auch heute trübt mich meine Wahrnehmung nicht.

Wie bei jedem Weg, an jedem Tag, wollen die letzten 3 km mal wieder gar kein Ende nehmen. Wenn ich den bisher Gesamt zurückgelegten Weg Revue passieren lasse, müsste Santiago irgendwo auf drei oder 4000 Höhenmeter liegen. Gefühlt gehe ich ständig bergauf. 🙈
Eine kleine Erheiterung hält der Ort „O Sisto“ bereit. Zuerst passiert man zwei lebensgroße, aus Holz geschnitzte Pilger, um dann kurz darauf über die weihnachtlich geschmückte Brücke zu gelangen. Direkt danach ist rechter Hand ein Platz zum rasten, dessen Weg ebenfalls weihnachtliche Deko aus Holz ziert.
Etwa 1 km später sehe ich dann das Ortsschild von „Soutelo“, und bin nun sehr auf das Hotel Millennium gespannt, in welchem ich heute übernachten darf. Das Hotel ist vermutlich das letzte seiner Art, dass weder eine Internetseite, noch eine E-Mail-Adresse oder eine Mobilfunknummer für WhatsApp hat. Wer hier nächtigen möchte, muss noch ganz klassisch auf der Festnetznummer anrufen, um dann alle seine Spanischkenntnisse auszupacken, da man hier nur die Landessprache versteht.
Wie sich gleich herausstellt, hat alles wunderbar geklappt, und ich beziehe mein Zimmer im 1. Stock. Da ich gerade eben erstmal am Hotel vorbei gelaufen bin, da es so unscheinbar am linken Straßenrand ist, nur gekennzeichnet durch eine große Werbetafel, einem Sonnenschutz mit der Aufschrift "Hotel Millenium" und dem großen gleichnamigen Restaurant 🙈, habe ich so zumindest schon mal eine Bäckerei erspähen können, in der es auch Pizzas gibt. Und da die Karte sehr vielversprechend aussieht, behalte ich mir das gleich mal im Hinterkopf für das Abendessen.
Jetzt geht’s aber erstmal ins Zimmer, duschen und „frische“ Klamotten anziehen. Ich liege noch ein wenig auf dem Bett, schreibe dabei diese Zeilen, bis mein Magen dann irgendwann meint „Ähm Chris, hattest du nicht etwas von Pizza erwähnt gehabt? Weil, also, ich meine, ICH wäre dafür bereit“
Also dann, auf geht’s ;-)
Den Weg die Straße hochschlendernd, halte ich noch eben am Supermarkt um mich mit Proviant für den morgigen Tag einzudecken, und werfe beim weitergehen dann zufällig einen Blick in eine Bar auf der linken Straßenseite. Und wen erblickt mein geschärftes Auge? Die zwei Spanier!
Schon an der Tür vorbei gelaufen, leite ich eine Vollbremsung ein, vollziehe einen „U-Turn“ (woraufhin meine Knie mich kurz beschimpfen) und kehre zum „Hallo sagen“ eben in die Bar ein.
Nun ja, aus dem „kurz“ entwickelte sich ein sehr lustiger Abend, an welchem nicht nur ein Bier über den Tresen den Besitzer wechselte. Einer der beiden spricht ein paar Worte englisch, aber wirklich nur ein paar, der andere ein paar Worte deutsch … wobei sich sein Wortschatz mittlerweile nur noch auf die Zahlen begrenzt. Aber dank Übersetzer App, sowie ein paar Worten die man eh versteht, erfahren wir ziemlich viel übereinander. Die zwei sind seit über 30 Jahren befreundet und gehen seit 14 Jahren jedes Jahr zusammen einen Camino. Wobei Ramon auch öfters noch alleine einen Camino geht. Ich hab selten so viel gelacht, wie an diesem Abend, als dann mein Magen nochmal nachfragt, ob neben Niere und Milz er heute denn auch noch etwas zu tun bekommt.
Na gut, da will ich mal nicht so sein, und bestelle eine Pizza mit Schinken und Käse für uns alle.
Gegen 22:30 Uhr endet dieser gesellige Abend dann, und ich suche mein „trautes Heim“ auf.
Zuletzt geändert von Hoib3rgA am 18. Mai 2026, 02:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

Sehr originell, Deine Texte auch und gerade mit den lustigen Verschreibern. Z.b. dass Du zufällig "einen Block in eine Bar" geworfen hast :lol: , ich stellte mir das bildlich vor!
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Hoib3rgA
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Hoib3rgA »

Simsim hat geschrieben: 13. Mai 2026, 12:20 … und gerade mit den lustigen Verschreibern. Z.b. dass Du zufällig "einen Block in eine Bar" geworfen hast :lol: , ich stellte mir das bildlich vor!
ups 🙈 Ich sollte wohl doch lieber meine Brille zum Schreiben aufsetzen 😂
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Hoib3rgA
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Hoib3rgA »

09.05.2026. Soutelo de Montes - A Estrada
- 32,5km
- 574hm ⬆️
- 924hm ⬇️
- Unterkunft: „PR La Bombilla“
- Abendessen: „Supermarkt“

Heute wird es nochmal ein anstrengender Tag, da, wie ich meine, die längste Etappe des Weges auf der ToDo-Liste steht. Nachdem hier einige Bars schon ab 7 Uhr geöffnet haben, zieht es mich in eine kleine Bar gegenüber der Bar von gestern. Auch das „O Lugar“ hätte schon geöffnet gehabt, aber, man will ja auch immer mal wieder etwas Neues erleben.
Dass diese Entscheidung die richtige war, bestätigt mir das „Schokoladengebäck“, welches ich zu meinem Kaffee dazu bestelle. Selbstgemacht ist es sicher nicht, aber es ist das Beste, welches ich bisher gegessen habe.

Der Weg führt rund 4km lang auf asphaltierten Wegen aus dem Ort heraus, um dann für rund 2km in den Wald abzubiegen. Erst ist dieser Naturweg noch arg felsig, was beim bergab gehen noch in Ordnung ist, solange die Felsen nicht mit Moos bewachsen, oder mit nassem Laub bedeckt sind … was hier zum Glück nicht der Fall ist. Kurz nach diesem Stück darf man in einem Bachlauf auf dem Weg entlang gehen, um dann, falls man bis hierher noch trockenen Fußes gekommen ist, einem begrünten Waldweg zu folgen. Da es heute Nacht erneut geregnet hat, sind die einzelnen Grashalme alle dick mit Regentropfen behangen, welche sich nach und nach auf meinen Schuhen niederlassen. Erneut bin ich von meinen Trailrunnern begeistert, da diese, obwohl sie nicht wasserdicht sind, durchaus eine Zeit lang dem Regen trotzen, oder eben auch in dieser Situation Herr der Lage blieben.

Im Ort Cachafeiro gibt es, direkt am Camino liegend, zwei Einkehrmöglichkeit, meine Wahl fällt auf die Bar "Cachafeiro“, einfach weil mir den Name gefällt. Böse Zungen behaupten zwar, ich war nur zu faul, auf die andere Straßenseite zu gehen, und hätte mich deshalb für die eine Bar entschieden … aber, wer hört schon auf böse Zungen. 😂
Gestärkt mit Cola und Café con Leche, zu dem eine Scheibe Kuchen gereicht wurde, geht es weiter auf die nächsten Kilometer, an der anderen Bar vorbeigehend sehe ich dann auch, dass diese geschlossen hat. Was soll ich sagen? Mal wieder alles richtig gemacht -;)
Nach rund fünf weiteren Kilometern auf der Habenseite, darf man zuerst nochmal ein kleines Stück bergab gehen, um dann nochmal einen ordentlich Anstieg vor sich zu haben. Ich weiß nicht, wie oft ich mir denke „Jawohl, jetzt bist du oben“ und „Okay, dass muss es jetzt gewesen sein, weiter hoch kann’s ja nicht gehen“, aber 5 bis 6 mal reicht sicher nicht. Irgendwie komme ich mir gerade vor, wie in einem Computerspiel, da fährt man z.B. in dem Spiel „GTA“ irgendwo hin, und sieht am Ende der Straße immer den Horizont, so als würde es nicht wirklich weiter gehen. Und je weiter man fährt, umso mehr Straße baut sich vor einem auf. GENAU SO ist das hier auch! Man sieht, dass nach diesem Anstieg nichts mehr kommen kann, weil das hier die höchste Stelle zu sein scheint, geht um die Kurve, und erfährt dann … es geht doch weiter nach oben, da hat also mal eben jemand einen weiteren Berg hinter den Horizont „programmiert“. Aber irgendwann ist der Anstieg dann doch geschafft, und nachdem man ein Stück eine schmale, aber unbefahrene Straße entlang ging, führt der Camino nach links auf einen Naturpfad, um ein wenig später dann auf eine deutlich stärker befahrene Straße zu münden, welche zum Glück mit einem breiten Seitenstreifen versehen ist. Dieser folgt man ein Teit lang bis zu einer Stelle, an welcher man wischen zwei abgesenkten Leitplanken links auf einen Naturpfad abbiegt. Ab hier geht es auf diesem Weg gemütlich bergab.
Das nächste Erlebnis der anderen Art geschieht dann hier auf diesem Abschnitt des Weges.
Als ich so gemütlich dahinschlenderte, flog mich ein Insekt an. Vom Körperbau her, erinnerte es stark an eine Pferdebremse, aber, der Rücken sah aus wie von einem Käfer! Dieser Bremskäfer, wie ich ihn soeben getauft habe, flog mich also an, und landet auf meinem Arm. Der erste Versuch, den Bremskäfer einfach wegzublasen, scheitert. Im Nachhinein bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob dieses Insekt, beim Versuch es wegzublasen, mich nicht sogar ausgelacht hat. 😂 Da der Versuch klanglos scheitert, folgt meine Abwehraktion Nr. 2: Ich wische es mit der Hand weg. Und das Ding? … bleibt einfach sitzen! Also Plan „C“: Ich forme meine Finger zum Katapult, und schnippe den Bremskäfer mit dem Zeigefinger weg. Und diesmal hat es funktioniert ... dachte ich! Denn das Teil fliegt einfach einen Bogen um mich, und landet diesmal auf meinem linken Unterarm! Ich bin wirklich tierlieb, füge keinem Lebewesen Leid zu, so lange es mir kein Leid zufügt. Aber jetzt, nachdem dieses Kampfinsekt erneut auf meinem Arm gelandet ist, und es kurz darauf zu „beißen“ / „stechen“ / „was auch immer beginnt“, haue ich aus Reflex mit der flachen Hand auf das Ding drauf. Als ich die Hand hebe, denke ich noch „na toll, jetzt hast einen Stahlschild-Bremskäfer getötet“. Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, fängt der „Schmerz“ erneut an! Ja! Das Ding lebt noch, und macht einfach weiter!!!!
Diesmal, mehr aus Schreck als aus Schmerz, haue ich erneut mit der flachen Hand auf das Insekt, aber diesmal so arg, dass mir die Handfläche vom zuschlagen brennt.
Dadurch gibt der Stahlschild-Bremskäfer auf, und fällt von meinem Unterarm auf meinen Schuh. Gerade als ich dann zum „wegkicken“ ausholen will, fliegt das Ding einfach wieder los!!! WIE KANN DENN DAS SEIN??? Im Flug erwische ich den Edelstahlschild-Bremskäfer, der aus einer anderen Welt stammen muss, im Flug mit einem perfekt ausgeführten „Homerun“ Schlag mit meiner rechten Hand. Während ich so die Flugrichtung des Kryptonitschild-Bremskäfers um 90° geändert habe, packe ich meine Beine in die Hand und laufe weg! Nichts wie weg von hier! Ich überlege kurz noch, ob eine Rückkehr des Kryptonitschild-Bremskäfer eine Situation wäre, welche das Benutzen der Warnpfeiffe am Brustgurt meines Rucksacks rechtfertigt, aber soweit kommt es zum Glück nicht.
An einer Stelle, an welcher der Weg eine ziemlich steile Senke hinunter und wieder rauf führen würde, bleibe ich einfach oben mitten auf dem Weg sitzen, um eine kleine Pause zu machen. Es ist jetzt 13:30 Uhr, ein ziemlich kalter Wind weht bereits, und ich befürchte, dass es auch heute wieder pünktlich um 14:00 Uhr zu regnen beginnen wird. Gerade als ich wieder unterwegs bin, finden dann auch schon die ersten Regentropfen den Weg auf mein Haupt. Das ist wirklich zum verrückt werden, man kann ja fast die Uhr danach stellen.
14.00 Uhr = Ponchotime 😂
Gegen 15:30 Uhr laufe ich in den Ort Codesada hinein. Linker Hand sehe ich die „Bar Caminho Geira“, in welcher ich noch mal eine Pause machen möchte. Ich werde gefragt, ob ich denn den CGA gehe, und als ich das bejahe, darf ich noch mal eben mit vor die Türe kommen, um ein Foto von mir vor der Bar zu machen. Zum Glück regnet es noch, wäre sonst ja auch langweilig gewesen. 😂
Die Dame, welche das Foto geschossen hat, erklärt mir, dass ich dieses Jahr der Pilger Nummer 275 bin, der bei ihnen einkehrt. Als sie mir mein kühles Bier bringt, erklärt sie noch kurz etwas zu einem anderen Camino, welcher hier wohl in der Nähe startet, bzw. ebenfalls vorbeiführt. Als ich mich dann finanziell verändert habe, sprich mein Bier bezahlt ist, schenke ich der Dame noch eines meiner Freundschaftsbänder, welches sie zu einem anderen Armband an einen Krug hängt.
Als ich dann losgehe, ist der Regen tatsächlich der Sonne gewichen, welche am nun völlig blauen Himmel strahlt, als wäre nie ein anderes Wetter gewesen.
Leider behält die Sonne nur für 1 Stunde die Oberhand, denn dann kommt der Regen zurück, macht nochmal 15 Minuten Pause um dann so richtig die Schleusen zu öffnen. Es schüttet nun so arg, hat sich völlig eingeregnet, was sich die nächsten zwei Stunden, bis ich am heutigen Ziel ankomme, auch nicht mehr ändert.
Es ist etwa 18:30 Uhr an einem Samstag, als ich in A Estrada ankomme. Obwohl es eine größere Stadt ist, im Vergleich zu den anderen Orten, durch welche ich auf dem Camino bisher durchgekommen bin, kann man A Estrada sogar als Metropole sehen, und dennoch ist hier kein Leben! Alle Geschäfte sind bereits geschlossen, die Straßen so gut wie leergefegt, und in den Bars und Restaurants sind jede Menge freier Plätze.
Als ich dann vor meiner Pension stehe, welche direkt auf dem Camino liegt, finde ich diese verschlossen vor. Das zugehörige Restaurant ist ebenfalls dunkel, kein Mensch ist zu sehen. An der Türe hängt ein Zettel, mit zwei Telefonnummern, und dem Hinweis, man soll doch bitte anrufen, wenn man etwas braucht. Also zücke ich mal wieder mein Handy um in meinem perfekten Spanisch meine zwei wichtig gewordenen Sätze aufzusagen. Angefangen mit „No hablo espaniol“ folgt ein „Me llamo Christian y tengo una reserva“.
Kurz darauf öffnet sich auch schon die Türe, und ich werde herein gelassen.
Duschen - dann will ich mich um die Nahrungsaufnahme kümmern. Zum Glück werfe ich noch eben einen Blick in Googlemaps, um zu schauen, wo man hier in der Nähe denn an einem Sonntagmorgen etwas zu frühstücken bekommt, zumindest ein Kaffee sollte es schon sein. Nicht wenig überraschend ist, dass hier an einem Sonntag nicht viel öffnen möchte, und das was öffnet, hat nicht vor, die Pforten vor 9:30 Uhr zu öffnen. Bei einer Etappe von 30 Kilometern und etwa 1.000 Gesamthöhenmeter, ist mir das zum losgehen aber viel zu spät.
So wird der Plan, hier irgendwo lecker essen zu gehen, mal eben über Board geworfen, und ich statte dem 8 Minuten entfernten Supermarkt einen Besuch ab. Hier decke ich mich mit Baguette, Käse und etwas Wurst ein, was zum einen für das Abendessen ausreichend ist, und auch noch genug für das Frühstück sein wird. Einen Kühlschrank habe ich zwar nicht, aber bei 6°C Außentemperatur reicht das Fensterbrett völlig aus.
Und so verbringe ich dann den Abend im Zimmer, esse ganz gemütlich im Bett meine Brotzeit, und freue mich darüber, dass ich jetzt nicht mehr erst nach Hause gehen muss ;-)
Zuletzt geändert von Hoib3rgA am 18. Mai 2026, 02:34, insgesamt 1-mal geändert.
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

Hoib3rgA hat geschrieben: 13. Mai 2026, 18:21
Simsim hat geschrieben: 13. Mai 2026, 12:20 … und gerade mit den lustigen Verschreibern. Z.b. dass Du zufällig "einen Block in eine Bar" geworfen hast :lol: , ich stellte mir das bildlich vor!
ups 🙈 Ich sollte wohl doch lieber meine Brille zum Schreiben aufsetzen 😂
Na dann lies doch nochmal mit Brille Deine vorigen Beiträge!
Ich finde es wirklich teilweise extrem witzig und gerade das macht Deine Beiträge nochmal origineller...zum Beispiel die 60 Grad Außentemperatur ganz unten in Deinem letzten Bericht :lol:
angel2969
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von angel2969 »

aber keine Bange, wir verstehen schon was du meinst, ich bin voller Vorfreude auf die kommenden Berichte.
bc angel
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

angel2969 hat geschrieben: 13. Mai 2026, 21:22 aber keine Bange, wir verstehen schon was du meinst, ich bin voller Vorfreude auf die kommenden Berichte.
bc angel
Absolut!
Ich meine es auch wirklich nicht im Geringsten irgendwie negativ!
Ich lese Deine Berichte mit wachsendem Vergnügen!

Diese seltsamen Insekten kenne ich übrigens auch. Sie sind oft bei Kühen anzutreffen, sehr schwer abzuwehren, noch schwerer zu erschlagen. Zum Glück verirren sie sich selten von den Kühen zu uns....
andrea+wildgans
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von andrea+wildgans »

Ja, die 60 Grad Außentemperatur und der ein oder andere Verdreher haben bei mir auch schon zu netten Schmunzlern geführt! Aber das passiert eben, wenn man schnell oder auf kleinen Tastaturen schreibt - oder wenn die Autokorrektur zuschlägt. Die hat bei mir schon mal von "Totenerweckungen " zu "Tortenerweckungen" geführt - und der "Mitbruder" wurde zum "Mietbruder"...
Danke für Deine Berichte vom Weg - und dass Du uns an Deinen Erfahrungen und Gedanken teilhaben lässt!
Liebe Grüße, Andrea
angel2969
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von angel2969 »

Hallo Simone, das habe ich von Dir auch nicht als negativ aufgefasst, da ich über die lustige Autokorrektur ebenfalls geschmunzelt habe, und wollte nur zu verstehen geben, das wir den Sinn des Textes verstanden haben, du bist so ein feinsinniger Mensch, dass ich deinen Beitrag in keiner Weise negativ bewertet habe, falls dies bei Dir falsch angekommen ist, entschuldige ich mich aufrichtig bei Dir.
bc angel
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

angel2969 hat geschrieben: 14. Mai 2026, 20:49 Hallo Simone, das habe ich von Dir auch nicht als negativ aufgefasst, da ich über die lustige Autokorrektur ebenfalls geschmunzelt habe, und wollte nur zu verstehen geben, das wir den Sinn des Textes verstanden haben, du bist so ein feinsinniger Mensch, dass ich deinen Beitrag in keiner Weise negativ bewertet habe, falls dies bei Dir falsch angekommen ist, entschuldige ich mich aufrichtig bei Dir.
bc angel
Danke angel, nein, nein, keine Sorge, ich wollte nur selber nochmal sicher gehen, dass Chris sich wirklich nicht ausgelacht fühlt oder sowas. Alles gut :)
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Hoib3rgA
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Hoib3rgA »

Simsim hat geschrieben: 13. Mai 2026, 21:31 [
Diese seltsamen Insekten kenne ich übrigens auch. Sie sind oft bei Kühen anzutreffen, sehr schwer abzuwehren, noch schwerer zu erschlagen. Zum Glück verirren sie sich selten von den Kühen zu uns....
Dann rieche ich also nach Kuh? 😂
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Hoib3rgA
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Hoib3rgA »

10.05.2026 A Estrada - Santiago
- 30,5km
- 554hm ⬆️
- 609hm ⬇️
- Unterkunft: „PR Plaza da Galicia“
- Abendessen: „Cuto Salamanca“

Nachdem mich der Regen gestern so richtig durchnässt hatte, bin ich heute Morgen froh um das (erstmal) trockene Wetter, welches ich beim Blick aus dem Fenster erspähe.
Bis zum Frühstück habe ich heute nicht weit, es sind nur fünf Schritte bis zum Fensterbrett. :-)
Leider gibt es keine Möglichkeit einen Kaffee zuzubereiten, weshalb es heute nur mit Brot, Wurst und Käse gestärkt auf den Weg gehen wird.
Da die Socken von gestern noch immer nass sind, ziehe ich ausnahmsweise schon jetzt meine guten „Ausgehsocken“ an. Als ich dann meine Schuhe in die Hand nehme, werden die Socken dann doch nochmal getauscht 🙈 Ich kann nicht wirklich feststellen, was nasser ist, Schuhe oder Socken.
Also rein ins nasse Pilgerglück. Na ja, über heiß gelaufene Füße muss ich mir also erstmal keine Sorgen machen.
Beim ersten Schritt vor die Türe weht mir gleich mal ein eiskalter Wind um die Ohren. Laut App hat es 6°C, gefühlt könnte es glatt schneien. Aber gut, beim gehen wird es dann schon warm.
Nachdem rund 3,5km auf Asphalt zurückgelegt wurden, geht es auf einen Naturpfad weiter.
Eine erste kurze Pause lege ich nach rund 8 km an einer Kirche ein, um dann etwa 3km später in Ort „Couso“ eine Bar zu entdecken, welche kein wirklicher Umweg zu sein scheint. Die Bar liegt oben an der Hauptstraße, der Camino verläuft rechts parallel zur Straße, mit wenigen Metern Abstand. Der Camino würde unten an dieser Straße, kurz vor deren Ende rechts abzweigen, bleibt man jedoch auf der kleinen Straße und geht geradeaus, kommt man direkt an diese Bar. An der Bar kann man dann auch einfach ein paar Meter an der Hauptstraße entlang gehen, um dann wieder auf den offiziellen Weg zu treffen, der von rechts kommend, die Straße quert.
Einen leichten Hunger verspürend, bei der Kälte aber noch nicht an Nahrung denkend, bestelle ich mir mein obligatorisches Pilgergedeck: einen Café con Leche und eine Cola. Da ich heute noch keinen Kaffee hatte, gibt es zudem einen Espresso.
Typisch für Galizien, wird zum Kaffee eine kleine, süße Aufmerksamkeit gereicht. Hier bekomme ich ein Stückchen Zitronenkuchen. Keine Ahnung ob meine Freude so überaus groß war, ob es ein leuchten in meinen Augen gab, oder ich mich zu oft bedankt habe, auf jeden Fall stellt mir die Wirtin ungefragt noch eine Schüssel Suppe mit Einlage auf den Tisch. Und das ist gerade so passend richtig für mich, was man an meinem strahlenden grinsen, und den zu leuchten beginnenden Augen vermutlich ablesen kann. Als ich gehe, nehme ich nochmal einen schnellen Espresso, und bekomme dazu eine kleine Schockolade gereicht. Was für ein Traum 🤗
Als ich meinen Weg fortsetze, kommt von links ein Pferdegespann und zwei Personen auf einer Kutsche, und dahinter ein Reiter auf einem Pferd. Der Reiter, na ja, sagen wir mal so … es sah schon sehr erheiternd aus, wie mit jedem Schritt des Pferdes seine Körpermaßen die Bewegungen aufnahmen. 🙈 Zeitgleich tat mir das Pferd wirklich leid.
Ein Stück weiter begegnen mir nochmals drei oder vier Reiter, die alle auf dem Gehweg ritten. Ich weiß nicht, zählt so ein Pferd nicht zu einem motorisiertem Fortbewegungsmittel? Ich mein ja nur, es hat ja schließlich 1 PS 🙈 und gehört es damit nicht auf die Straße? 😜
Einige Zeit später wird dann auch klar, weshalb es heute, an einem Sonntag, so viele Leite auf die Straße zieht, und sie eben nicht nur mal eben das „Sonntagspferd“ aus dem Stall lassen wollten. In Raris findet heute das „XXIII FESTA DO PICANTON“ statt. Kurz bevor ich am Festplatz bin, lässt ein heftiger Knall die Luft erbeben. Erschrocken zucke ich zusammen, und höre schon den nächsten Knall. Erst dachte ich ja, nur die Portugiesen sind verrückt, fand doch am ersten Tag, als ich Braga verlassen habe, ein Feuerwerk am hellichten Tag statt, so weiß ich jetzt, die Spanier stehen dem in nichts nach, denn auch hier wird gerade ein Feuerwerk gezündet, wobei dies nur aus lauten Knallen besteht. Es ist schon echt ein netter Zufall, dass am ersten Tag beim Verlassen des Startpunktes des Weges ein Feuerwerk abgefackelt wird, und heute, am Tag an welchem ich Santiago erreichen werde, dass selbe passiert.
Was genau das Fest ist, also was man hier feiert, kann ich nicht sagen. Ich habe zwar einige Infos zum Fest gefunden, und dass es dort wohl generell „Huhn“ zu essen geben soll, aber was genau gefeiert wird, bleibt mir ein Rätsel. All zu lange will ich hier auch nicht verweilen, denn heute begann schon um 13:59 Uhr die Poncho-Zeit 😳, sprich ich bin bereits wieder unter der Haube am schwitzen.
In „A Igrexa“ kommt dann in Form von einem Bushäuschen endlich eine trockene Möglichkeit zum sitzen, wo ich dann die letzten Reste meines Abendessen bzw. Frühstücks verzerre.
Der Regen ist die ganze Zeit am Kommen und Gehen. Kaum ist der Poncho soweit abgetrocknet, dass man ihn auf den Rucksack packen könnte, beginnt auch schon der nächste Schauer.
Auf den teilweise doch recht anstrengenden Etappen des CGA, und der häufigen Zeit unter dem Poncho, darf man dann auch irgendwann feststellen, dass Merinowolle ein wirklich tolles Produkt ist. Und obwohl ich meine Sachen durchaus ein paar mal durchs Wasser im Waschbecken - natürlich unter der Verwendung von Wollwaschmittelblätter - gezogen habe, kommt die antibakterielle Wirkung des Materials langsam an seine Grenzen ... sagt mir zumindest mein Gefühl. Mit Sicherheit sagen kann ich es nicht, da ich mit der ersten Coronawelle im Februar 2020 meinen Geruchssinn verloren habe. Ein wenig kam dieser zwar zurück, er ist aber leider bei weitem von "normal" entfernt. Es heisst ja immer "Merino stinkt nicht nicht", bzw. in "Merinowolle riecht man nicht", weshalb ich für mich gerade in diesem Moment beschließe, dass ich nicht "rieche" oder gar "stinke", sondern nach "Merinoschaf dufte" :-)
In Outeiro kann ich einen ersten Blick auf die Kathedrale erhaschen. Normalerweise würde man sie schon viel früher sehen können, aber durch den Regen, und eben den meist dick mit Wolken behangenen Himmel, zeigt sich der große Bau, mit seinen Türmen, erst jetzt am Horizont.
Hier geht es dann auch gut bergab, runter zu Bahngleisen auf der rechten Seite. Laut Weg soll ich ein Stück weiter vorne rechts gehen können, sehe von hier oben aber nur Zaun und Bahngleise. Kurz überlege ich, einen Umweg zurück nach ganz oben über eine Brücke zu nehmen, vertraue dann aber einfach dem Weg, und siehe da, es gibt tatsächlich eine kleine Unterführung für Fußgänger. Nachdem es nun lang genug bergab ging, entscheidet sich die Straße dazu, mal wieder etwas für die Wadeln zu tun, und lässt mich bergauf die Straße hoch gehen, auf welcher mir das Regenwasser als breiter Bach entgegen fließt. Kurz darauf geht es durch einen großen Park, dort weiter auf einer Brücke über einen breiteren Bach, und dann unter einer Brücke in einen kleinen Naturpark hinein. Ab hier ist der Weg dann für gut 3km unbeschildert, Ich folge auf einem Naturpfad dem breiteren Bach entlang, suche mir intuitiv den richtigen Verlauf, bis der Weg am Ende wieder auf eine Straße trifft. Hier geht es ziemlich steil bergauf, und ich entdecke nun auch wieder eine offizielle Beschilderung Richtung Kathedrale. Auf diesem steilen Weg setzt mir jemand den musikalischen Flo „The Final Countdown“ ins Ohr, woraufhin ich mein Handy zücke, und das Lied abspiele. Als dann die entsprechende Textstelle kommt, werden meine Augen das erste mal feucht, diesmal aber nicht vom Regen, welcher im Moment seine Tätigkeit tatsächlich mal eingestellt hat.
Die letzten Meter stehen an, und ich weiß gerade nicht, was ich empfinden soll.
Ich bin mehr als dankbar, dass mich meine Beine, diesen doch anspruchsvollen Weg, bis hier her getragen haben. Keine Blase, keine großen Schmerzen, von den „brennenden“ Fußsohlen und Fersen mal abgesehen. Ich ziehe einen imaginären Hut vor meinen Beinen und dem Rücken. Vom Camino CGA kommt man etwas oberhalb der Wegführung des CPs nach Santiago, aber schon bald erkenne ich die Gegend, und weiß nun auch, welchen Weg ich zur Kathedrale einschlagen möchte. Der kürzeste Weg wäre jetzt, von hier nach links abzubiegen, in Richtung der Statue der „zwei Frauen“. Ich wähle aber einen Weg, welcher leicht nach rechts abbiegt, um so auf den letzten Metern des Frances, am Dudelsackspieler vorbei, durch das Tor den Platz vor der Kathedrale zu betreten.
Es ist ein sehr schöner Moment, dieses Jahr wieder hier sein zu dürfen. Ich hab dieses „Ankommen“ auf meiner Weitwanderung letztes Jahr auf dem Fischerweg, bzw. der Rota Vicentina total vermisst. Mein Ziel, das „Wegekreuz“ in der Mitte des Platzes, um einmal die in Stein gemeißelte Muschel zu berühren, ist nur noch wenige Meter entfernt. Und dann … geschafft. Neben dem Rucksack fällt eine wirklich schwere Last von mir ab, die „Last“ ob ich diesen Weg auch wirklich packe. Ich bin unendlich glücklich hier angekommen zu sein, und suche mir erstmal einen Platz auf der, von der Kathedrale aus gesehen, rechten Seite des Platzes.
Als ich dann so hier sitze, einfach alles von mir fällt, kommt ein „alter Bekannter“ hier auf diese Seite des Platzes. 2023 hat er mich das erste Mal angesprochen, und meinte, dass er von Muxia käme und jetzt eben nach Hause müsste, ob ich denn ein paar Euro für ihn hätte. 2024, selbes Prozedere. Nachdem ich 2025 den Fischerweg gegangen bin, war ich mehr als überrascht, als genau eben dieser „Obdachlose“ auch in Lagos ist, und mit genau der selben Masche versucht, an ein paar Euros zu kommen. Und jetzt? 2026? Ist er wieder in Santiago 🙈. Verfolgt der mich etwa?
Ich nutze diesen Moment, und schnalle mir nochmal meinen Rucksack um, um mich im Pilgerbüro zu registrieren. Sehr emotionslos werde ich nur einmal kurz nach meinem Namen gefragt, ohne irgendeinen Kommentar wird der letzte Stempel in den Pilgerpass gesetzt, und bekomme noch die Frage gestellt, ob ich die Distanzia möchte, diese kostet jedoch etwas.
Ja will ich, denn „wenn schon, denn schon“. In den Statistiken des Pilgerbüros sehe ich, dass ich Pilger Nr. 244 bin, der sich für das Jahr 2026 eine Compostela für den CGA hat ausstellen lassen. Wenn man bedenkt, dass aktuell vom Frances etwas über 1.000 Pilger täglich in SdC ankommen, hat man vielleicht einen kleinen Einblick darauf, wie ruhig und einsam der CGA ist.
Als ich das Pilgerbüro verlasse, ist Petrus bereits wieder dabei, all die Pflanzen zu wässern … es regnet. Zum Glück halten sich die Wassermassen in Grenzen, so dass der Poncho zum Glück unbenutzt bleibt.
Während ich mir den Weg zu meiner aktuellen Bleibe suche, beginnt der Regen stärker zu werden, dennoch schaffe ich es noch trocknen Fußes bis zur Pforte der Unterkunft. Aber natürlich nicht, ohne mir vorher ein „Bocadillo“ zu gönnen. Der Gang zum Metzger ist irgendwie Tradition für mich. Mein zweites Ritual ist so leider nicht mehr möglich, da die Bar, in welcher ich sonst immer einen Gin Nordes mit Tonic getrunken habe, einer Eisdiele weichen musste. Na gut, dann gibt es halt ein Eis 😂
Und da stehe ich nun, vor einem elektronischen Zahlenschloss, ohne einen Code zu haben 🙈. Ein Blick in die neuste Nachricht vom Anbieter beinhaltet dann auch zwei Codes, einer für die Türe unten, einer für oben. Während der Regen mich so langsam mit Wasser zu benässen beginnt, versuche ich mein Glück am Zahlenschloss, um dann, als ich endlich den Code richtig eingetippt hatte festzustellen, dass die Türe offen gewesen wäre. 🙈 Nun ja, jetzt wo die Kleidung eh schon nass ist, kann ich sie auch gleich waschen. Nachdem ich eh einen Tag Aufenthalt in SdC habe, haben die Sachen auch gemütlich Zeit um zu trocknen. Gesagt, getan. (Kurzer Plotttwist: die Idee war nicht so gut 🙈)
Mittlerweile bewegen sich die Zeiger der Uhr in Richtung der 8, also 20 Uhr, aber der Regen lässt nicht nach. Ich wäre gerne nochmal zur Kathedrale, um den Pilgerschatten zu besuchen, und auch, um mich auf dem Rücken auf den Platz zu legen, und die Kathedrale über Kopf anzuschauen. Aber bei dem Wetter? Ich mache eine kurze Bestandsaufnahme:
- der Magen ist zufrieden
- zu trinken habe ich
- die meiste Kleidung ist nass
- Füße betteln um Pause
- es regnet
Somit ist die Entscheidung zu Gunsten für "ein frühes zu Bett gehen" gefallen. Morgen steht die Tour auf den Dächern der Kathedrale auf meiner ToDo Liste, mal sehen was Petrus um 14 Uhr zu bieten hat 😂. Nach einem Tag Pause in SdC geht es dann in 3 Etappen weiter nach Finisterre.
Zuletzt geändert von Hoib3rgA am 18. Mai 2026, 13:21, insgesamt 2-mal geändert.
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andrea+wildgans
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von andrea+wildgans »

Moin Chris, danke für Deine so ausführlichen und lebendigen Beschreibungen Deiner Erfahrungen auf dem Weg! (Fällt mir grad auf: Macht man beim Gehen eigentlich wirklich Erfahrungen??? Müsste man das nicht anders nennen?)
Ich lese es mit großem Interesse und bin sehr gerne auf Deinem Weg dabei!
Hoffentlich hat mit der Tour auf dem Dach der Kathedrale alles geklappt - und der 14.00-Uhr-Regen hat Dir keinen Strich durch die Rechnung gemacht...
Ich bin gespannt, ob Du dazu noch was schreibst!
Liebe Grüße, Andrea
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

Danke auch nochmal von mir, Chris!
Hab gerne mitgelesen und freue mich, dass Du die Ankunft in Santiago so glücklich und stolz auf Dich erlebt hast!
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Simsim
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Re: [Tagebuch] Camino Da Geira e Dos Arrieiros - Mai 2026

Beitrag von Simsim »

Danke auch nochmal von mir, Chris!
Hab gerne mitgelesen und freue mich, dass Du die Ankunft in Santiago so glücklich und stolz auf Dich erlebt hast!

Und hab einen schönen Flug über den Dächern der Stadt und hoffentlich mit Sonnenschein!

Hupps....doppelt gemoppelt....sorry
Zuletzt geändert von Simsim am 17. Mai 2026, 19:44, insgesamt 1-mal geändert.
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