Die restlichen Tage meiner Wanderung will ich euch aber nicht vorenthalten, ich muss nur immer mal die Zeit und Muse finden, meine stichpunktartigen Notizen in Sätze auszuschmücken.
08.05.26: Feás-> Soutelo de Montes
- 21,5km
- 740hm
- 568hm
- Unterkunft: „Hotel Millenium“
- Abendessen: „O Lagar“
Während ich mich für den Weg fertig gemacht habe, und meine Sachen im Rucksack verstaute, hat Sergio bereits das Frühstück vorbereitet.
Neben leckerem Apfelkuchen gibt es Obst, Naturjoghurt, eine Avocado aus eigenem Anbau, Toastbrot und natürlich Kaffee.
Sergio ist solch ein liebevoller Gastgeber, der versucht, einem wirklich jeden Wunsch zu erfüllen. Ich hatte zu Hause zwei Muscheln mit Blattgold vorbereitet, eine ist für Juan, einem Hospitalero auf dem Weg nach Finisterre, und die andere wollte ich an einem besonderen Ort zurücklassen. Für mich ist hier dieser Ort, an welchem ich die Muschel gerne zurücklassen möchte. Nachdem ich gezahlt habe, überreiche ich Sergio eine meiner Muscheln, und bedanke mich nochmals vielmals für seine Gastfreundschaft.
Langsam ist es Zeit, sich zu verabschieden. Sergio zeigt mir noch wie ich auf den Camino zurückkomme, welcher rund 150 m vor seiner Haustür abzweigt. Mit der Hand deutet er mir schon an, dass der Weg den Berg hinauf führt. Und mit dieser Prophezeiung wird er mehr als Recht behalten. Die ersten 2 km geht es relativ steil nach oben, bis man an einen Wegweiser des Caminos kommt, welcher von unzähligen aufeinander gestapelten Steinen umsäumt ist. Auch ich trage meinen Teil dazu bei, dass dieser Steinhaufen ein kleines Stück wächst, nehme also meinen Rucksack ab, zücke meine Acrylstifte und bemale zum ersten Mal seit dem Start in Braga einen Stein.
Ab hier geht der Weg ein kurzes Stück flach weiter, um dann wieder steiler zu werden. An dem Punkt, an welchem die Straße dann endlich bergab führen würde, zeigt der nächste gelbe Pfeil nach links auf einen Naturpfad, der, wie soll es auch anders sein, weiter bergauf führt.
Bei kalten 9 °C laufe ich nun durch die tief hängenden Wolken hindurch.
Insgesamt sind es dann 4,5 km von Feás aus, welche sich der Weg um 335 Höhenmeter nach oben schlängelt.
Man folgt diesem breiten Naturpfad für etwa 2 km, um dann nach links auf einen sehr schmalen Trampelpfad entlang einer Steinmauer abzubiegen.
Mittlerweile haben sich die Wolken ein wenig verzogen, und die Sonne schafft es sich hin und wieder am Himmel zu zeigen.
Der felsige, mit Moos bewachsen, und mit Laub bedeckte Pfad ist vom nächtlichen Regen noch sehr nass, und somit auch ziemlich rutschig. Nach einiger Zeit hört man einen Bachlauf, welcher sich einmal quer über den Weg sein Bachbett gelegt hat. Kurz vorher ist auf der rechten Seite ein kleiner Weg, welcher von einem großen Steinquader versperrt wird. Schlängelt man sich hier am Stein vorbei, so kann man den Bachlauf umgehen.
Nach insgesamt etwas über 9 km erreicht man den Ort Beariz, in welchem es direkt am Weg einen Supermarkt gibt. Da mein Rucksack noch reichlich Proviant für den heutigen Tag enthält, lasse ich den Supermarkt rechts liegen, mir lieber eine kleine Bar suchend um „ausnahmsweise“
Gerade als ich den Ort am verlassen bin, kommt mir ein Auto die schmale Gasse rückwärts fahrend entgegen, fährt an mir vorbei, um dann hinter mir stehen zu bleiben und einmal kurz die Hupe zu betätugen. Ich drehe mich um und sehe, wie der Fahrer noch einmal zu mir zurückfährt, das Fenster runter lässt um mich auf spanisch etwas zu fragen. Da ich es leider nicht verstehe, antworte ich nur, dass ich leider kein Spanisch spreche. Gerade meinen Satz zu Ende gesagt, sehe ich einen Ansteckpin mit der Aufschrift „ ULTREIA“ auf seiner Brust. Da verstehe ich dann auch, was mir der Mann mitzuteilen versucht. Scheinbar ist er der Hospitalero der Herberge am Ende dieser Straße. Ich erkläre ihm, dass ich noch weiter bis Soutello gehe, woraufhin er freundlich nickt, mit einer Handgeste anzeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und mir anschließend noch einen Buen Camino wünscht.
Nach einem kurzem Stück auf Asphalt, wird man nach rechts auf einen Waldweg geleitet. Die Zeit schreitet langsam auf 14:00 Uhr zu, sprich auf die Uhrzeit, zu welcher es bisher immer zu regnen begonnen hat. Und auch jetzt merke ich schon, wie sich das Licht etwas verändert und die Temperatur um ein, 2° zu fallen beginnt. Mit dem einsetzen des Windes spüre ich auch bereits die ersten feinen Regentropfen. Wuhuuu … Ponchozeit …. Hatte ich ja schon lange nicht mehr.
Nach gut 1,5 Stunden verändert sich das Licht erneut, was eigentlich immer das Ende des Regenschauers vorhergesagt hatte. Und auch heute trübt mich meine Wahrnehmung nicht.
Wie bei jedem Weg, an jedem Tag, wollen die letzten 3 km mal wieder gar kein Ende nehmen. Wenn ich den bisher Gesamt zurückgelegten Weg Revue passieren lasse, müsste Santiago irgendwo auf drei oder 4000 Höhenmeter liegen. Gefühlt gehe ich ständig bergauf.
Eine kleine Erheiterung hält der Ort „O Sisto“ bereit. Zuerst passiert man zwei lebensgroße, aus Holz geschnitzte Pilger, um dann kurz darauf über die weihnachtlich geschmückte Brücke zu gelangen. Direkt danach ist rechter Hand ein Platz zum rasten, dessen Weg ebenfalls weihnachtliche Deko aus Holz ziert.
Etwa 1 km später sehe ich dann das Ortsschild von „Soutelo“, und bin nun sehr auf das Hotel Millennium gespannt, in welchem ich heute übernachten darf. Das Hotel ist vermutlich das letzte seiner Art, dass weder eine Internetseite, noch eine E-Mail-Adresse oder eine Mobilfunknummer für WhatsApp hat. Wer hier nächtigen möchte, muss noch ganz klassisch auf der Festnetznummer anrufen, um dann alle seine Spanischkenntnisse auszupacken, da man hier nur die Landessprache versteht.
Wie sich gleich herausstellt, hat alles wunderbar geklappt, und ich beziehe mein Zimmer im 1. Stock. Da ich gerade eben erstmal am Hotel vorbei gelaufen bin, da es so unscheinbar am linken Straßenrand ist, nur gekennzeichnet durch eine große Werbetafel, einem Sonnenschutz mit der Aufschrift "Hotel Millenium" und dem großen gleichnamigen Restaurant
Jetzt geht’s aber erstmal ins Zimmer, duschen und „frische“ Klamotten anziehen. Ich liege noch ein wenig auf dem Bett, schreibe dabei diese Zeilen, bis mein Magen dann irgendwann meint „Ähm Chris, hattest du nicht etwas von Pizza erwähnt gehabt? Weil, also, ich meine, ICH wäre dafür bereit“
Also dann, auf geht’s
Den Weg die Straße hochschlendernd, halte ich noch eben am Supermarkt um mich mit Proviant für den morgigen Tag einzudecken, und werfe beim weitergehen dann zufällig einen Blick in eine Bar auf der linken Straßenseite. Und wen erblickt mein geschärftes Auge? Die zwei Spanier!
Schon an der Tür vorbei gelaufen, leite ich eine Vollbremsung ein, vollziehe einen „U-Turn“ (woraufhin meine Knie mich kurz beschimpfen) und kehre zum „Hallo sagen“ eben in die Bar ein.
Nun ja, aus dem „kurz“ entwickelte sich ein sehr lustiger Abend, an welchem nicht nur ein Bier über den Tresen den Besitzer wechselte. Einer der beiden spricht ein paar Worte englisch, aber wirklich nur ein paar, der andere ein paar Worte deutsch … wobei sich sein Wortschatz mittlerweile nur noch auf die Zahlen begrenzt. Aber dank Übersetzer App, sowie ein paar Worten die man eh versteht, erfahren wir ziemlich viel übereinander. Die zwei sind seit über 30 Jahren befreundet und gehen seit 14 Jahren jedes Jahr zusammen einen Camino. Wobei Ramon auch öfters noch alleine einen Camino geht. Ich hab selten so viel gelacht, wie an diesem Abend, als dann mein Magen nochmal nachfragt, ob neben Niere und Milz er heute denn auch noch etwas zu tun bekommt.
Na gut, da will ich mal nicht so sein, und bestelle eine Pizza mit Schinken und Käse für uns alle.
Gegen 22:30 Uhr endet dieser gesellige Abend dann, und ich suche mein „trautes Heim“ auf.