05.05.26: Castro Laboreiro -> Cortegada
- 29,7km
- 510hm

- 1318hm

- Unterkunft: „Casa do Cortegada“
- Abendessen: „Bar Rivera“
Scheinbar benutzt Petrus ein sehr altmodisches Handy, auf jeden Fall eines, ohne App für die Wettervorhersage. Laut App sollte es seit gestern Abend trocken sein, heute war nur für 12Uhr eine 20%ige Regenwahrscheinlichkeit vorhergesagt. Jedes Mal wenn ich nachts wach war, hörte ich die Regentropfen auf dem Dach vor meinem Fenster prasseln. Und auch morgens werde ich mit dem selben Geräusch geweckt. Ein Blick in die App zeigt jedoch ein unverändertes Bild, nämlich "kein Regen".
Egal, es ist wie es ist, jetzt erstmal frühstücken.
Im Speisesaal sind schon einige Tische mit Tellern und Tassen eingedeckt. So wie es scheint, bin ich die erste Person heute Morgen, denn es sind noch alle Tische frei.
Ich suche mir einen Tisch am Fenster, mit Blick über das Tal und den gestrigen Anstieg hierher, aus. Die Dame vom Check-In fragt in bestem Portugiesisch, was ich denn gerne hätte. „Café con Leite“ verstehe ich, nicke und werfe ihr ein freundliches „Si“ zu. Während ich mein Frühstück zu mir nehme, klart der Himmel etwas auf, und der Regen lässt nach, bis er schließlich ganz aufhört. Hat Petrus etwa einen Blick in seine App geworfen und sieht seinen Fehler ein? Dazu später mehr.
Als ich dann aufbreche, frage ich die Dame noch in Zeichensprache, was sie meint, ob es heute denn nochmal regnen wird. Sie deutet mir an „Vermutlich nicht“. Na das wäre ja prima!
Heute stehen etwa 28 km auf der Sollseite, nebst 1200 Meter Abstieg und 400m Aufstieg. Dazu kommt der erneute Grenzübertritt zurück nach Spanien, was bedeutet, dass auf meine Gehzeit nochmal eine Stunde oben drauf kommt.
Ich verlasse den Ort, vorbei an der Bäckerei mit Supermarkt, in welcher ich gestern noch eingekehrt bin, und mir auch gleich ein wenig Proviant für heute gekauft hatte. Gestern hatte ich noch kurz überlegt, ob ich mich heute Früh erst eindecken soll, was ich zum Glück dann doch schon gestern erledigt hatte. Denn eigentlich wird hier um 7 Uhr aufgesperrt, jetzt, um 9:30 Uhr ist jedoch noch alles dunkel und verschlossen.
Kurz hinter dem Bäcker sehe ich aus dem linken Augenwinkel zwei große schwarze streunende Hunde auf der anderen Straßenseite. In der Hoffnung, dass ich sie nicht interessiere, wenn ich ihnen keinen Blick zuwerfe, schreite ich mit den Trekkingstöcken weit nach hinten reichend, an den Hunden vorbei. Aber mein Hoffen verpufft, die zwei Hunde haben ihre Chance gewittert, etwas Liebe und oder Essbares zu bekommen. Beides würde ich ihnen wirklich gerne geben, weiß aber, dass ich sie in diesem Fall nicht mehr loswerde. Ich gehe also einfach weiter, ohne die Hunde zu beachten, halte meine Stöcke aber immer etwas hinter mir … ein wenig unwohl ist mir nämlich schon. Es dauert keine Minute, bis der eine Hund mich überholt, und voraus geht. Die zwei kennen auf jeden Fall den Weg, denn sie wissen genau, wo sie auf welchen Weg abbiegen müssen. Die zwei begleiten mich ein ganzes Stück aus dem Ort raus, vorbei an einer Sportanlage durch einen Park hindurch, bis der Weg dann auf eine Hauptstraße trifft. Der eine Hund hat die Straße schon überquert und wartet auf dem gegenüberliegend weiterführenden Weg auf uns (also mich und den anderen Hund). Und tatsächlich! Genau wo der eine Hund steht, zeigt die Markierung an, dass der Weg dort weiter ginge. Mein Handy sagt mir aber „Ne, geh hier links an der Straße entlang“, was ich dann auch mache. Das war dann auch das Ende der Begleitung meiner beiden allradbetriebenen Pilgerfreunde, die an dieser Wegkreuzung zurückbleiben.
Nachdem ich ein kurzes Stück an der Straße entlang gegangen bin, sehe auch schon rechts den offiziellen Weg hier herunter auf die Straße führen. Wir wären dann also wieder vereint

Im nächsten Ort, etwa 3,5km nach dem Start, führt der Weg rechts hoch, und mündet dann auf einen Naturpfad. Auf Grund des Regens gehe ich jetzt jedoch keinen Naturpfad entlang, sondern schreite in einem kleinen Bachlauf bergauf.
Der Weg schlängelt sich nun so dahin, bis es dann, nach etwa 6km auf der Habenseite, steil bergab geht. Der Weg wird deutlich schmaler, da nicht zuletzt auf Grund des Regens die mit Wasser vollgesaugten Äste der Büsche und Sträucher weit und tief in den Weg hineinhängen. Das hat schon ein wenig etwas von einem Urwald, eine Machete wäre sicher nicht verkehrt, vor allem da es sich teilweise um Sträucher mit Dornen und Stacheln handelt.
Im Ort Lapeja , rund 8km hinter Castro Laboreiro, versperren mir auf einmal zwei knurrende und kläffende Hunde den Weg! Erneut bin ich froh um meine Trekkingstöcke, welche ich heute eigentlich zum ersten Mal von Anfang an benutze. Jetzt dienen sie aber weniger der zusätzlichen Stabilität beim bergab gehen, sondern dürfen gerade eher meine „Komfortzone“ beschützen. Die zwei Hunde stehen etwas seitlich am Weg, als ich sie, mich mit den Stöcken breitmachend, passiere. Kurz nachdem ich an den beiden vorbei gegangen bin, höre und spüre ich, wie einer der Hunde seinen Standpunkt aufgibt, und mir kläffend nachläuft. Ich drehe mich geistesgegenwärtig um, stoße den einen Stock gerade von mir gestreckt zwischen mich und den Hund in den Boden und rufe „NO“. Kurioserweise verstehen das beide Hunde, und hören zeitgleich auf zu bellen, um wieder von dannen zu ziehen. Warum denn nicht gleich so?
Würde diese Etappe einen Titel bekommen, es wäre sicher irgendwas mit Hunden
Bestand das erste Drittel des Weges noch hauptsächlich aus Naturpfaden, so kommt jetzt die Zeit des Asphalts. Das Mittelstück ist sehr unspektakulär, man geht hauptsächlich auf Asphalt, durch ein paar Dörfer hindurch, natürlich ohne Cafe, Bar oder Supermarkt. Wann genau ich die Grenze zu Spanien überschritten habe, bekomme ich diesmal nicht mit. Beim Blick auf die Uhr bemerke ich irgendwann die Stunde plus, woran ich festmache, dass ich jetzt wohl in Spanien sein müsste. Im Kopf höre ich ein „Bauwauuwaaawauuuuu“, das Geräusch des „Zonks“ … falls jemand diese Sendung noch kennt.
In „Monterredondo“ kommt dann auch das einige Highlight der letzten Kilometer. Hier sind die zwei, lebensgroßen Puppen im Bushäuschen zu finden, die, was einige Bilder belegen, öfters mal umgezogen werden. Nachdem es seit gut einer Stunde regnet, und ich eh eine Pause gebrauchen kann, schieße ich erst noch schnell ein Foto für die Galerie der Outfits der beiden, und geselle mich dann zu ihnen. Während ich an meiner Cola nippe, und die Banane verzehre, denke ich mir, dass die zwei eigentlich einen Eintrag in Googlemaps wert sind. Warum also nicht einen Marker setzen, und einen neuen Eintrag hinzufügen! Zwei Minuten später bekomme ich auch schon die Email, dass mein Eintrag überprüft, und anschließend eventuell frei geschaltet wird. Mal sehen

Als Titel für den Eintrag habe ich „Los Eternos del Paradero“ gewählt, was so viel bedeutet wie „Die Ewigen der Haltestelle“.
Etwa eine Stunde später treffe ich dann auch zum ersten Mal auf andere Pilger auf diesem Weg. Ein Mann und eine Frau aus Italien, wie ich später erfahre.
Für den Weg habe ich extra Festivalbändchen designed und mir diese anfertigen lassen. Zum einen um sie anderen Pilgern zu schenken, oder um sie an einem der „Ablegepunkten“ zurück zu lassen. Bisher bin ich weder auf solche Stellen zum Ablegen und zurücklassen von Andenken gestoßen, noch traf ich auf andere Pilger. Freudig überreiche ich den beiden jeweils ein Bändchen, und bin von deren Freude und Dankbarkeit gerührt.
Der dritte Teil dieser Etappe besteht wieder überwiegend aus Naturwegen. Kurz nachdem man den „Rio Miño“ überquert hat, biegt der Camino links von der Straße ab.
Ein gutes Stück nach dieser Abzweigung, rund 25km nach dem Start der heutigen Etappe, geht man in einem Waldstück bergauf und kommt dann an eine Kreuzung. Der Weg geradeaus führt relativ steil bergauf, der nach links führt an einer kleinen Mauer entlang. Man muss hier links gehen! Leider ist der wegweisende Pfeil hinter einem an der Mauer angebracht, weshalb er beim gehen leicht übersehen wird.
Etwa 3 km vor dem Ziel will es der Weg nochmal so richtig wissen. Hier führt der Weg rechts hoch, und höher, und höher, und nochmals höher. Keine Ahnung wie das sein kann, denn laut Höhenprofil ist hier gar kein Anstieg zu sehen. Auch war nie davon die Rede, dass man hier auf steilem Gelände unter, quer über den Weg wachsender Äste und Bäume hindurch muss. Nachdem ich diese Passage gemeistert habe, bin ich kurz am überlegen, ob ich mich für die nächsten Meisterschaften im Limbo Tanzen anmelden soll … nachdem mir meine Knie jedoch nur fragende Blicke zu werfen und einen Vogel zeigen, verwerfe ich diese Idee dann doch.
Rund 1,5 km vor dem Ziel ist links eine Aussichtsplattform, welche auf den Fluss hinausragt. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Ort, und sieht auch gleich „Oh ne, der liegt ja oben!!!“
Es werden also die letzten Kräfte gesammelt, um ans Ziel zu kommen. Etwa 30 Minuten später stehe ich auch vor dem Tastenfeld an der Tür der Unterkunft, und versuche mein Glück mit dem PIN Code, welcher mir per WhatsApp mitgeteilt wurde. Das "Problem" ist diesmal, dass das Tastenfeld "aus" ist, sprich man muss es erst aktivieren. Jetzt die Preisfrage: "Zählt der erste Druck auf das Tastenfeld schon zum Pin?" - "Ja, tut er" ... stelle ich nach ein paar Versuchen fest. Irgendwann klappt es dann auch mit der Codeeingabe, und die Türe lässt sich öffnen.
Man sieht eine Rezeption mit Gästebuch, daneben ist ein Stempel samt Stempelkissen. Im Raum hinter der Rezeption befindet sich ein riessiger Gemeinschaftsraum, an welchen sich eine sehr große, und gut sortierte Küche anschliesst. Wow, einfach nur wow!
Als Empfehlung für das Abendessen, wurde mir unter anderem eine Bar in fußläufiger Entfernung empfohlen, welche somit mein Ziel des heutigen Abends wird. Auch wenn der Betreiber irgendwie wenig motiviert aussah, als man ihn nach etwas zum Abendbrot fragte, bekam ich dann doch ein wirklich leckeres Essen, und … auch einen Stempel ins Credencial.
Bevor ich zurück im Zimmer bin, telefoniere ich noch kurz mit zu Hause, falle dann kurz darauf, müde aber satt

in mein Bett.