Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Auf den Spuren des Franz von Assisi und auf anderen Wegen in die ewige Stadt
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Simsim
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Simsim »

Whow, wieder sowas von spannend, Gertrudis! So muss das sein, das mit dem Unterwegs-sein! Und es ist so lebendig zu lesen, dass ich mich fühle, als sei ich mit Euch zusammen auf verschlungenen Pfaden in Bewegung.
In Deiner heutigen Beschreibung liegt soviel Symbolik. Erst ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Absicht, die sich dann aber im Sumpf und auf unübersichtlichen Pfaden verliert. Und am Ende löst sich alles auf völlig eigene und geschenkte Weise auf und das aufgrund der überraschenden Fürsorge fremder Menschen... unvergesslich, nehm ich mal an!
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Ja, tatsächlich war das eine der "besondersten" Etappen und die Begegnung mit Marisa und den Tibetern bleibt auf alle Fälle unvergesslich 🤩 Und Du hast recht, es ist halt wie es sich auf Caminos gehört - der Weg hat irgendwelche Geschenke, aber die werden erst so nach und nach ausgepackt...
So jetzt muss ich noch Fotos raussuchen
andrea+wildgans
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von andrea+wildgans »

Danke, Gertrudis, für Deinen spannenden und lebendigen Bericht! Da ich einige Tage nicht im Internet war, durfte ich heute ganz viel nachlesen! Und fast scheint es mir, als ob Deine Erfahrungen so eine Art Antwort auf das sind, was Simone grad erlebt...
Fein, dass Du uns daran teilhaben lässt!
Liebe Grüße aus dem Norden, Andrea
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Danke, Andrea!
(Ich freue mich natürlich auch über die eine oder andere Rückmeldung 😊)
Aber es ist natürlich anders als bei Simsim, weil meine Geschichten jetzt schon lange zurück liegen und nicht mehr so spontan sind. Wobei ich es schön finde, sich noch einmal an alles zu erinnern, und das funktioniert erstaunlich gut, wenn ich mal so drin bin, mit Tagebuch, Fotos und nochmal ein bisschen auf dem Track durch die Google Maps - Landschaft...
(So jetzt sind noch paar Bilder drin)
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Dienstag, 10. Juni 2025 - Tso Pema - Castelnuovo della Daunia

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Bevor noch der Morgen gedämmert hat, hat man die Mönche mit tiefen Stimmen ihre Mantras singen gehört. Nun gibt es Frühstück aus Marisas Kühlschrank und unseren Rucksäcken. Marisa gesellt sich zu uns, und die Gespräche wandern von einem Thema zum anderen, Themen, die das Leben bereithält, die Situation der Tibeter unter chinesischer Besatzung, die Tiere hier am Hof… Dann lädt sie uns ein, die Mönche zu begrüßen, die sind gerade beim Frühstück im Speisesaal und haben sich einen ganzen Berg Pancakes gemacht. Einer lässt sein Frühstück im Stich, um mit uns die Schweine zu suchen. Die laufen frei herum, es sind wohl besondere, schwarze und sehr dicke, wie wir hören, eine fast ausgestorbene Rasse, aber heute lassen sie sich nicht blicken. Dafür machen wir Bekanntschaft mit Katze und Ziegenbock. Und als wir um halb elf, nach vielen Umarmungen und Glückwünschen, diesen überaus gastlichen Ort endlich verlassen, begleitet uns der anhänglichere der beiden Hunde noch ein gutes Stück des Weges.

Heute erwarten uns ausgedehnte, schattige Wälder und wir werden bis zu unserem Ziel, Castelnuovo della Daunia, keinem Menschen begegnen. Aber ein nichtendendes Vogelkonzert ertönt ringsum! In der Wegbeschreibung ist von einer Quelle die Rede, Fontana Pila del Ladro, wir machen extra einen kleinen Umweg dorthin, aber der Brunnen führt kein Wasser. Gut, dass wir mit vollen Flaschen vorgesorgt haben. Der wunderschöne Waldweg ist mit gelben Pfeilen und Tau-Zeichen gut markiert. Irgendwann bemerke ich, dass das Tau allgegenwärtig ist – ich entdecke das Zeichen als Muster in einem Stein, als Gebilde aus abgefallenen Ästchen auf dem Weg, als Lichtreflex… eventuell wird man beim langen, einsamen Wandern etwas seltsam und fängt an zu halluzinieren?

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Trotz der vielen Wegzeichen verlaufen wir uns, wir gehen auf dem Waldweg geradeaus, wo wir hätten in einen unscheinbaren Pfad einbiegen sollen, aber es läuft sich gerade so schön flott abwärts. Als wir es bemerken, sind wir schon zwei Kilometer und hundert Höhenmeter zu weit unten, müssen mühsam wieder zurück. Der Fußpfad, auf den Angelas Beschreibung und unser Track weist, ist nicht einmal bei Mapy eingetragen und begeistert uns zunächst, denn es ist ein besonders abenteuerlicher Indianertrampelpfad durch üppige Vegetation, ein grüner Tunnel, aber schon bald fangen wir an, ihn zu verfluchen, denn es wird immer verwachsener und wir müssen ständig Äste und Dornenranken aus dem Weg räumen, und das letzte Stück finden wir gar keinen Weg mehr und wären froh um eine Machete. Natürlich ist auch diese Herausforderung irgendwann geschafft. Wir treten hinaus ins Freie und erblicken auf der Höhe der anderen Seite des Tals ein paar Häuser als erste Vorboten unseres Ziels, Castelnuovo della Daunia.
Hier ist nun erst einmal eine schöne, ausgiebige Rast angesagt. Vorräte für eine kleine Brotzeit haben wir auch noch im Rucksack, trockenes Brot, Tomaten, Oliven. Wir liegen im hohen Gras, im Schatten einer Eiche, der Wind rauscht leise durch die Ährenfelder. Es ist wirklich gut hier…
Obwohl das ein feiner Platz zum Übernachten wäre, müssen wir dann doch weiter. Heute dürfen wir tatsächlich im Kloster schlafen, und wir wollen nicht zu spät ankommen. Im sanften Abendlicht geht’s noch ein gutes Stück ins Tal hinunter, zwischen goldgelben Feldern und farbigen Blumen, und dann, überm Bach, natürlich auch wieder hinauf, auf einer kleinen Straße, und die Sonne heizt trotz der fortgeschrittenen Nachmittagsstunde noch kräftig ein.

Um 18 Uhr sind wir am Convento Santa Maria Maddalena, es ist das letzte Gebäude am anderen Ende des Dorfes. Pater Michele ist in der Kirche, aber er führt uns sogleich zu unserem Schlafraum, ein Zimmer mit ein paar Stockbetten, aber außer uns sind keine Pilger da. Es kommen selten welche. In dem Gästebuch, das Padre Michele uns gibt, findet sich nur alle paar Wochen ein Eintrag. Der Padre bietet an, uns morgen ein kleines Frühstück in das Speisezimmer zu stellen, und all das gegen eine Spende!

Nach dem Waschen von Leib und Wäsche ist noch Zeit für eine Runde in die Stadt. Viel los ist hier nicht. Die eindrucksvolle romanische Kirche am Hauptplatz, Santa Maria della Murgia, ist schon geschlossen, ich bewundere das verzierte Portal und grüße wieder einmal den Pater Pio, der hier von einem besonders hohen, mit Blumenkübeln geschmückten Standort aus seinen Segen spendet.
Wir gönnen uns ein Abendessen in der „Locanda del Convento“, die Padre Michele empfohlen hat und die wohl irgendwie zum Kloster gehört und außerdem das einzige heute geöffnete Lokal ist. Keine Pasta und auch keine Pizza, denn hier gibt es Spezialitäten aus der Region. Und es ist nicht einmal teuer… wir bestellen prompt mehr, als wir essen können: eine Vorspeisenplatte mit teils warmen, überraschenden Leckereien, wobei ich die Schinken- und Käsestücke gleich einmal beiseite schaffe für morgen. Eine Portion Porcini-Ravioli für den Fritz und für mich „Caciacavallo“- ich habe natürlich keine Ahnung, was das sein wird, und bekomme eine tönerne Schüssel voller gebackenem, heißen Käse, den ich unmöglich aufessen kann! Gut, dass mein Schnappsack dabei ist.
Nach diesem Festmahl schlafen wir in unserem Kloster satt und friedlich ein.

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Simsim
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Simsim »

Puuuuh.. schön ist das alles ja schon, aber bei solchen Temperaturen käme ich keine 2 km weit. Hier sind es etwa 15 Grad und mir ist schon zu warm beim Laufen :D.
Ich mag Deine Beschreibungen wirklich sehr. Vielleicht haben wir auch einfach eine ähnliche Art der Wahrnehmung unserer Umgebung. Nur mit Deinem Hintergrundwissen, das ab und zu hier einfließt, kann ich nicht mithalten.
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Haha, ja ich bin halt ein Sommerkind und für mich wären Wintercaminos ganz und gar nichts! "Hintergrundwissen" hab ich jetzt auch nicht einfach so, aber ich habe halt schon so einiges gelesen, und wenn mich was interessiert, schau ich es irgendwo nach 😜 Und so bin ich natürlich auch ein bisschen "Tourigrino". Und Urlaubspilger... inzwischen. Aber dazu steh ich 😂
Liebe Grüße!
Caminista
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Caminista »

Caciocavallo ("Pferdekäse", hat aber nichts mehr mit Pferden zu tun) ist ein typischer Käse, der Dir überall im Süden Italiens begegnen kann. Der perfekte Pilgerkäse, könnte man sagen, ähnelt seine Form doch stark der klassischen Kalebasse, weil er zum Trocknen an einem Faden aufgehängt wird. Serviert wird er unter anderem auch gerne als Bratkäse. In der Form finde ich den sehr sehr lecker, während ich mit der rohen Form nichts anfangen kann. Wird Zeit für's Abendessen, fällt mir da gerade ein... :lol:

Danke für Deine Berichte! Ich lese hier sehr gerne mit.
Transalper
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Transalper »

Lese Pilgerberichte immer gerne mit, geben mir immer wieder neue Anregungen.
Bin jeden Abend gespannt, was alles hier im Forum geschrieben wird.
Liebe Grüße
Beate
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Mittwoch, 11. Juni 2025 – Castelnuovo della Daunia - Torremaggiore

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Der Besuch der Laudes gehört für mich dazu, wenn ich in einem Kloster übernachten darf, und das Morgengebet ist ein guter Anlass, etwas früher aufzustehen. Zwei Franziskanerbrüder haben sich in der Kirche versammelt, dazu ein Laienbruder und ein paar Frauen aus dem Ort. Die Gebete werden heute einfach gesprochen, nicht gesungen.
Padre Michele hat uns ein liebevolles Frühstück hergerichtet: Milch, Kaffee in der Thermoskanne und zu den verpackten Keksen eine große Schüssel frische reife Kirschen.
Heute geht’s hinunter in die apulische Ebene. Aber zunächst ist uns noch ein recht reizvoller Abstieg vergönnt, ein Spaziergang im Park sozusagen, denn wir verlassen Castelnuovo durch ein weitläufiges Privatgrundstück mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Obstbäumen, Olivengärten und einer Koppel, auf der ein hübsches hellbraunes Pferd ganz alleine in der Sonne steht.
Hier wird uns wieder einmal bewusst, wie hilfreich es ist, diesen Track des Pilgers Reinhold Fresner zu haben, der seinen Weg bei „Bergfex“ zur Verfügung gestellt hat. Wären wir nur auf die Beschreibung im Buch angewiesen – wir hätten wahrscheinlich sehr viel Zeit mit Wegsuchen verbracht! Nun aber haben wir das schwere Buch einfach zu Hause gelassen.
Der Hügel läuft sacht aus ins flache Land. Gelbe Getreidefelder, Gerste, Weizen, bereit zur Ernte oder schon gemäht. Dazwischen Oliven in Reih und Glied, und Windräder. Etwas abseits der Straße: die Kirche Santa Maria della Stella. Im Giebel gibt es einen aus dem Stein heraus gearbeiteten Stern, dessen achter Zacken zu einem schmalen Schweif verlängert und mit dem Sims darunter verbunden ist, als würde er da herauswachsen. Genau wie der Stern über dem Sarkophag des Apostels in Santiago de Compostela. Und ein ebensolcher Stern tanzt auf der Hand der Maria im Inneren der Kapelle! Auch der Erzengel Michael samt seinem Widersacher steht wieder da, sehr bunt und sehr nahbar.
Bald ist der Moment gekommen, wo es ein Ende hat mit kleinen Feldsträßchen. Es geht auf den Asphalt und schnurgerade auf Torremaggiore zu, noch ungefähr fünfzehn Kilometer ab hier. Die Getreide- und Olivenfelder sind jetzt nicht mehr unregelmäßig und abwechslungsreich geformt, sondern bilden exakte Rechtecke auf der ebenen Fläche. Es wäre gelogen zu behaupten, dass mir das Wandern in dieser Art Gelände wirklich Vergnügen machen würde. Nein, noch dazu bei dieser Hitze, über dreißig Grad im Schatten, aber Schatten ist hier sehr rar. Was es mir aber am allermeisten verleidet, ist der Müll. Er liegt an beiden Straßenrändern. Durchgehend, aber je mehr wir uns der Stadt nähern, desto mehr Müll wird es. Nicht nur ein paar Plastikflaschen oder Snackverpackungen. Nein, der richtige Hausmüll, in Plastiktüten, die sich in der Natur auflösen – "biodegradable“-, ganze Inhalte von Mülltonnen, offenbar einfach vom Auto aus ausgekippt, aber auch Haushaltsgeräte, Kühlschränke, Autoreifen…einfach alles. Der Wind bläst es die Böschung hinunter, wo es sich in den Feldern verteilt.

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Wir machen eine längere Pause im seltenen Schatten einer großen Eiche, etwas abseits, an einer Nebenstraße. Außerdem müssen wir noch unser Nachtlager organisieren. Im Verzeichnis der Pilgerunterkünfte haben wir in Torremaggiore nichts entdeckt, also suchen wir über booking.com und finden eine ganz günstige Ferienwohnung. Der Kontakt mit dem Vermieter gestaltet sich etwas holprig, er ist nicht vor Ort, aber bis wir dann, gegen 18 Uhr, an der Haustür sind, sind mittels Whatsapp alle Hürden überwunden und sogar der Code für den Schlüsseltresor kommt irgendwann an.
Die Wohnung wirkt ziemlich verlassen. Die Bettwäsche wurde seit den letzten Gästen ganz sicher nicht gewechselt. Außerdem sind auch diese Räume von der Grau-Pest befallen. Von Italien, überhaupt von mediterranen Gegenden habe ich ja immer die Vorstellung einer gewissen Buntheit gehabt. Leichte, verwaschene Pastellfarben auf malerisch blätterndem Putz, Rosa- und Ockertöne. Nun stelle ich schon seit etlichen Jahren fest, dass die Unsitte, alles in Grau zu gestalten, als Trend oder Lifestyle verkauft, anscheinend in ganz Europa grassiert. Steingraue Wände, aschgraues Sofa, stahlgrauer Teppich, mausgraue Bettwäsche, blaugrauer Lampenschirm, zementgraues Kaffeegeschirr, Loriot lässt grüßen… Welche Art von Zeitgeist drückt sich darin aus? Und warum machen die Leute das mit? Sie wären doch frei, in ihren privaten Räumen andere Farben zu wählen…
Wir entdecken eine kleine Dachterrasse und in einem Bretterverschlag auch den Schalter für die zugehörige Beleuchtung, so dass wir es uns später unterm Sternenhimmel dort mit unserem selbstgekochten Abendessen und ein bisschen Peroni ganz gemütlich machen können.
Vorher drehe ich freilich noch meine Runde durch die Stadt, wieder einmal alleine. Nicht weit von unserer Unterkunft gibt´s eine Burg mit Türmen und Burggraben. Von da aus folge ich einem Boulevard mit schmucken Stadthäusern, mit Bäumchen zu beiden Seiten, mit Cafés und Lokalen. Auch hier sind die „Luminarie“ aufgebaut, die kunstvollen weißen Bögen mit den bunten Lämpchen. Die Straße führt zu einem eingezäunten Rondell mit einer Marienstatue und einer interessanten Verzierung aus Betonbögen, dahinter beherrscht die neoromanische Fassade der Kirche Maria Santissima della Fontana den Platz. Anstatt mich mit dem Heiligtum zu befassen, kaufe ich mir ein Eis und biege in abgelegenere, nicht so fein hergerichtete Gassen ein. Normales Leben hier, zweistöckige Häuser mit geschmiedeten Balkongeländern, abbröckelnde Mauern neben frisch verputzten. Ich gerate in eine Gegend, wo viele Leute mit vielen Kindern einem Rummelplatz zustreben, Buden, Karussells, ein Fahrradparcours für die Kleinen, Musik, Stimmengewirr, laut. Eine Frau brüllt ihr Kind an, mit hysterischer schriller Stimme, völlig ausgerastet, ich bin entsetzt und überlege, ob ich eingreifen soll, aber das Mädchen scheint nicht besonders beeindruckt zu sein, anscheinend ist es diese Art der Zuwendung schon gewohnt.
Mit einer Tüte voll Obst und Gemüse mache ich mich auf den „Heimweg“.
Meine Füße sind heute dick geworden, auf der Fußsohle ist eine Blase entstanden. Wir beschließen, dass wir das Pilgergefühl, welches eine gerade, müllgesäumte Teerstraße durch die sommerliche Ebene Apuliens gewährt, heute bereits ausreichend erlebt haben und dass wir morgen ohne Bedauern ein Stück mit dem Bus zurücklegen können.

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Caminista
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Caminista »

Ja, die Daunia hat ihren sehr eigenen, spröden Charme. Das ist so etwas wie die italienische Meseta, wenn man das so grob vergleichen darf.

Eigentlich hätte ich jetzt auch schöne Fotos vom beschriebenen Müll erwartet, von der Geometrie der Land(wirt)schaft und der Orte. Unser Gehirn fokussiert sich statt dessen auf das letzte, vermeintliche, Idyll, die kleine Schönheit am Rande. Und wenn wir fotografieren, noch einmal mehr. Aber werden wir damit dem Land gerecht, durch das wir wandern? Oder ist es nicht sogar so, dass wir damit zeigen, wie wir uns innerlich dem Land verweigern?

Nur so ein paar lose Gedanken, die mir gerade durch den Kopf schossen...
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Simsim
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Simsim »

Ja, das ist ein sehr interessanter Gedanke. Am Camino Frances liegt stellenweise auch viel Müll. Und tonnenweise benutztes Klopapier sowieso. Gestern kam ich kurz vor Najera an einer neuen wilden Müllkippe vorbei, mitten in der Landschaft. Habe sie fotografiert. Aber nie sieht man solche Fotos in Camino Berichten.
Vieles finde ich in Spanien abstoßend. Die Behandlung der Tiere. Eben der Müll überall....und anderes. Sich einem Land nicht zu verweigern heißt dann im Umkehrschluss ja auch, sich dieser Realität genauso zu öffnen, wie der Faszination für das Schöne und auch das Häßliche zu zeigen in Berichten und Bildern.
Wobei ich das übrigens bei Gertrudis schon so wahrnehme, dass sie nicht alles rausfiltert, was nicht ins Idyll passt. Im Gegenteil.
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Caminista hat geschrieben: 3. Mär 2026, 00:52

Eigentlich hätte ich jetzt auch schöne Fotos vom beschriebenen Müll erwartet, von der Geometrie der Land(wirt)schaft und der Orte. Unser Gehirn fokussiert sich statt dessen auf das letzte, vermeintliche, Idyll, die kleine Schönheit am Rande. Und wenn wir fotografieren, noch einmal mehr. Aber werden wir damit dem Land gerecht, durch das wir wandern? Oder ist es nicht sogar so, dass wir damit zeigen, wie wir uns innerlich dem Land verweigern?

Nur so ein paar lose Gedanken, die mir gerade durch den Kopf schossen...
Tja. Da habe ich dann eine Erwartung nicht erfüllt, wenn ich keine Fotos von etwas zeige, worüber ich geschrieben habe.
Ich kann Deine Frage, lieber Caminista,(auch) so verstehen: verweigern wir uns innerlich einem Land, wenn wir das Unschöne nicht in (fotografierten) BILDERN zeigen, sondern "nur" als TEXT beschreiben? ;)
Ehrlich gesagt, habe ich mir schon öfter Gedanken darüber gemacht, ob ich überhaupt Fotos in die Reiseberichte einfügen soll. Auch aus dem erwähnten Grund: das "Gehirn fokussiert sich" offenbar mehr auf Bilder als auf Text, und dann wird der Text, den zu schreiben ja doch einige Mühe macht, zu einer Art Erläuterung der Bilder anstatt umgekehrt.

Bei mir ist es so, dass ich gerne "schöne Bilder" mache, weil ich die dann gerne anschaue. Ich fotografiere nicht zur Dokumentation. Oft fotografiere ich beim Gehen stundenlang überhaupt nicht.
Was den Müll angeht -ich habe das am nächsten Tag beim Abendessen mit unseren Gastgebern angesprochen, und es zeigte sich, dass es für die Bewohner der Gegend einfach etwas total Normales ist. Es stört sie nicht besonders, ist einfach so. Ich kann das akzeptieren, aber mich stört es trotzdem. Deshalb verweigere ich mich ja nicht dem Land.
Wisst Ihr noch, wie es Anfang der Neunziger in Spanien war? Die dicke Schicht aus Kippen und Abfallpapierchen in den Bars, die dann am nächsten Morgen raus gekehrt wurde... und je meht Kippen auf dem Boden, desto beliebter die Bar :lol: Ich fand das toll damals und habe mit Begeisterung auch meine Kippen (damals hatte ich auch noch welche) auf den Boden geschmissen :lol:

Das Andere - dass wir die Dinge natürlich immer durch unsere eigenen Filter sehen - das ist ein allgemeineres Problem und betrifft ja nicht nur andere Länder, sondern alles, was uns "fremd" oder nicht gewohnt ist.
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Gertrudis »

Donnerstag, 12.Juni 2025 Torremaggiore - San Marco in Lamis

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Um 9 Uhr 16, nach dem Frühstücken und Rucksackpacken, steigen wir in einen Bus nach San Severo, die sieben Kilometer entfernte nächstgrößere Stadt. Fahrkarten brauchen wir wieder einmal nicht, denn im Bus gibt es keine zu kaufen und also dürfen wir so mitfahren. In der Bahnhofsbar von San Severo treffen wir passenderweise gleich den Busfahrer unseres Anschlussbusses, er hilft uns beim Kauf der Biglietti, und als wir nach einer Stunde Kaffeepause dann unterwegs sind, hält er extra für uns mitten auf der Straße, um uns genau an der Stelle aussteigen zu lassen, wo der markierte Wanderweg abzweigt, den wir nehmen wollen.
Diese Route ist die „Via Francigena del Sud“ bzw. „Michaelica“ und sehr gut ausgeschildert. Wir werden ihr nun mit wenigen Abweichungen bis Monte Sant´Angelo folgen.
Das Bahnhofsgebäude „San Marco In Lamis“ - zwölf Kilometer von der Stadt dieses Namens entfernt - wartet einsam und verlassen auf Reisende, die nicht mehr eintreffen. Die Strecke ist stillgelegt. Wir wandern auf einem staubigen Landwirtschaftsweg und fühlen uns bei gemeldeten 30 Grad im Schatten unter der Mittagssonne ohne Schatten wie in einem Pizzabackofen. Aber vor uns, am Ende der Getreide- und Gemüsefelder, wachsen die Hänge des Gargano aus der Ebene heraus, grün, voller Versprechen, voll Ahnung des Ankommens.
Ein bisschen Schatten gibt es auf dem Grundstück eines Bauernhofs, und einer der Bäume hier ist ein Feigenbaum, ein prächtiges, ausladendes Exemplar, und da wächst – mir quasi in den Mund hinein – eine dicke, weiche, saftig reife Frucht, und das, obwohl wir erst Juni haben und die Feigen eigentlich noch fest und milchig sind… Es ist, jedenfalls in dem Moment, die köstlichste Feige, die ich je genascht habe. Und sie bleibt die einzige auf dem Weg, die schon reif ist.
Wir nutzen den Schatten zur Herbergssuche. Wir erfahren, dass im Kloster Santa Maria di Stignano Flüchtlinge untergebracht sind und deshalb derzeit keine Pilger dort übernachten können. Aber in San Marco in Lamis gibt es eine Familie, die Pilger aufnimmt, und wir haben Glück – sie haben Platz für uns.
Dieser Traktorenweg endet recht bald an einem mit Stacheldraht umzäunten, wilden Gelände. Kein Hinweis, wie es weitergehen soll, und auch unser feiner Track hilft nicht, da die Ersteller desselben nicht auf die VF abgebogen sind. Ratloses Herumsuchen, dann einfach der Nase nach, unterm Stacheldrahtzaun hindurchgezwängt und eine Art trockenes Bachbett entlang, ein paar Gefechte mit Dornengeäst…aber passt. Irgendwann wird’s wieder ein Weg, und gegen halb drei haben wir auch schon das Kloster von Stignano erreicht.
Das Kloster, so lese ich, sei einmal ein bedeutender Marienwallfahrtsort gewesen. Auch Franz von Assisi ist hier eingekehrt, und die Pilger zum Monte Sant´Angelo haben hier noch einmal Kraft geschöpft, kurz vor der Ankunft am Heiligtum des Erzengels. Jetzt ist auf dem Platz vor dem Gebäudekomplex keine Menschenseele unterwegs, und das mit gelb und grün glasierten Ziegelschuppen bedeckte runde Kuppeldach brütet in der Sonne wie ein überdimendionales Reptilienei.
Drinnen, im Kreuzgang, ist Schatten und Kühlung. Und, in einem angrenzenden Raum, eine sehr hübsche kleine Bar, wo uns zwei junge Frauen freundlich empfangen, uns Kaffee kochen und eine Flasche eisgekühltes Wasser und selbstgebackene Cantuccini hinstellen. Sie kümmern sich um junge Flüchtlinge, und jetzt haben sie gerade diese 22 Jungs aus Bangladesh bekommen. Auch wenn sie uns aus diesem Grund keinen Übernachtungsplatz anbieten können, sind sie doch sehr aufmerksam, einen Pilgerstempel gibt’s auch, und wir können uns in aller Ruhe umsehen. Der Kreuzgang – ein freundlicher, ja heiterer Innenhof mit Säulen aus rötlichem Stein, Rosen, Palmen und einer prächtigen rosa Bougainvillea, die schon die Bogengänge des oberen Stockwerks erklommen hat. An den Wänden zeigen Fresken Szenen aus dem Leben des Heiligen Franz. Und auf einem Gemälde ist die Legende abgebildet, die im 13. Jahrhundert zum Bau des Klosters geführt haben soll: einem armen, blinden Pilger erschien im Schlaf eine wunderschöne Frau. Sie schenkte ihm das Augenlicht, und als er erwachte, sah er vor sich, in der Krone eines Olivenbaumes, die Muttergottes. Oder wohl eine Statue der Muttergottes, denn diese bekam ja dann ihren Platz in der eigens für sie erbauten Kirche. Während wir die gemalten Geschichten betrachten, begleitet uns einer der jungen Männer aus Bangladesh. Wir können uns nur schwer verständigen, aber aus seinen Augen blickt uns eine tiefe Traurigkeit an und heftet sich an unser Herz.
Noch ein kurzes Innehalten in der schlichten, dreischiffigen Kirche. Aber dann müssen wir uns doch noch einmal auf den Weg machen, allzu viele Kilometer sind wir ja heute noch nicht gepilgert. Hier bleibt uns freilich nur die Straße, die sich langsam immer höher hinaufzieht, von Büschen oder Olivengärten oder Mauern gesäumt, während der Schweiß an uns herabrinnt.
Unterwegs eine winzige Straßenkapelle, aber eine ganz besondere. Die Wände sind bedeckt mit Bildern, von Maria, Padre Pio, dem Barmherzigkeits-Jesus, aber auch von Familienfotos und Sterbebildchen, eine berührende Sammlung, die unmittelbar aus den Herzen der Menschen entspringt, die Trost und Heil bei denen suchen, die im Himmel und ihnen doch so nah und vertraut sind. Draußen vor der Kapelle steht ein Schild mit der Aufschrift: E severamente vietato gettare rifuti in questo luogo sacro. Es ist streng verboten, Müll an diesem heiligen Ort wegzuwerfen.

Schon sind wir in der Stadt, wandern zwischen Häuserreihen mit steinernen Türbögen und eisernen Balkonen bis zu einer Eisdiele, die sich uns erfreulicherweise in den Weg stellt. Ich schreibe, ein Amarenakirscheneis in der Hand, unserer heutigen Quartiergeberin, und Marianna holt uns kurz darauf hier aus der Bar ab.
Diese herzliche Frau bringt uns im Auto zu dem Haus, in dem früher ihre Eltern gewohnt haben. Während der Fahrt erzählt sie, dass sie Krankenschwester sei und ihr Mann Arzt in dem Krankenhaus in San Giovanni Rotondo, das Padre Pio gegründet hat. Leider muss ihr Mann heute arbeiten – er fliegt mit dem Rettungshubschrauber!
Und da sind wir schon - eine Gasse mit schmalen, aneinandergebauten Häusern, mit einer Treppe zum Eingang und einem Fenster in der Tür – dem einzigen Fenster der Wohnung. Marianna schließt uns auf, zeigt uns kurz die Räumlichkeit und ein kleines Gästebuch, in das sie sich etwas Geschriebenes und wenn möglich eine Spende wünscht, und dann verabschiedet sie sich schnell, denn sie möchte kochen und uns zu sich nach Hause zum Essen einladen! Wir machen es uns inzwischen gemütlich in dieser italienischen Großelternidylle: geschnitztes und gedrechseltes Mobiliar, Schränke mit Intarsien und Vitrinen und darinnen kostbar-kitschiges Porzellan, bunt und verschnörkelt, mehrere sauber drapierte Espressoservices, filigrane Balletttänzerinnen und Engelchen… alles ist unverändert vorhanden, auch die bestickte Bettwäsche, die Küchenutensilien. Wir würdigen es als ein großes Zeichen von Vertrauen, dass wir als fremde Pilger hier einfach so in die Familiengeschichte integriert werden…
Hier kommt es noch zu einem Schreckmoment, einem von der Art, wie ich ihn schon mehrmals auf Caminos erlebt habe – meine Fotos sind weg! Der Fritz hat die Speicherkarte meiner Kamera mithilfe eines Adapters an sein Handy angesteckt, um ein paar Bilder zu übertragen. Das hat bisher immer funktioniert, aber jetzt – alles schwarz, kein Foto mehr zu sehen! Kein einziges. Ich packe die Speicherkarte weg und bemühe mich um Zuversicht – dass nur der Zugriff auf die Karte kaputt ist und nicht die ganzen Bilder. So ist es auch, zum Glück, wie sich zu Hause herausstellen wird. Aber sicherheitshalber werde ich die nächsten Fotos nur mit dem Handy machen.
Zwei Stunden später holt uns Marianna ab. Ihre Wohnung in einem neueren Stadtteil ist eher moderner und funktionaler gehalten, aber gemütlich. Sohn Leonardo ist da, er kann englisch, ein großer Vorteil! Leonardo geht noch zur Schule, die drei Töchter sind in der Welt verstreut, aber für die Mamma sind sie ganz nah, wenn sie von ihnen erzählt. Und es gibt wunderbares Essen. Ein Pastagericht mit gebratenem Paprika, dann Falafel, Salat, Mozzarella…Die Herzlichkeit dieser Menschen, das Vertrauen, das sie uns zeigen berührt uns heute wieder ganz besonders. Ja, sicher, wir laden zu Hause auch Pilger zum Essen ein, widmen ihnen unsere Zeit – aber jetzt, wo wir selber unterwegs sind und uns als Gäste so beschenkt fühlen, ist die Erfahrung besonders intensiv.

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Zuletzt geändert von Gertrudis am 4. Mär 2026, 14:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg - Mai 2024 und Juni 2025

Beitrag von Simsim »

Wie offen und freundlich Menschen sein können! Das ist doch das Wichtigste an solchen Reisen. Wichtiger als die Landschaft, das Wetter und die zurückgelegte Strecke. Das sieht man auch z.b. an den Gronze Bewertungen der Herbergen. Es steht und fällt fast alles mit der Qualität der Gastfreundschaft. Es ist so wunderbar, sich als Fremder einfach so willkommen fühlen zu dürfen.
Daher sind auch die freiwilligen Hospitaleros am Camino für mich das Herz des Weges. Und natürlich auch manche private Dauer-Hospitaleros, die diese besondere Gabe haben.
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