Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Pilgerwege in Frankreich
Benutzeravatar
Steven
Beiträge: 152
Registriert: 11. Aug 2022, 13:39
Wohnort: München

Re: Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Beitrag von Steven »

Tag 3- Voie des Piémont-Pyrénées II | Loupian nach Béziers | Römerwege - Per aspera ad astra - Kaninchen & Wein & das erleuchtete Nachtufer| ~ 54 km

Um 7:00 Uhr bin ich startklar, ich habe wunderbar im Zelt geschlafen, geerdet und ich weiß, dass ich heute einen langen Camino-Tag vor mir habe. Ich bin ein großer Freund von meinem X-Mid-1 Zelt geworden, in 2-3 min aufgebaut und fast genauso schnell wieder zusammengepackt. Easy, so wie das sein soll. Für mich ist das Freiheit, eine kleine Lodge mit 700 g, auf dem Rücken trag- und jederzeit entfaltbar.

Béziers möchte ich heute erreichen, weil ich morgen bereits im Zug nach Lourdes sitzen möchte und von dort, die mir noch fehlenden Etappen gehen werde. Im Frühling auf der Via de la Plata habe ich in einer Pilgerunterkunft eine Französin kennengelernt, die aus Béziers stammt und die mir die dortige Pilgerherberge empfohlen hat. Als ich letztes Jahr in Béziers startete, wusste ich nicht, dass es dort eine Pilgerherberge gibt und ich sollte nicht enttäuscht werden, soviel sei jetzt schon gesagt.

Da ist eine Magie und ein große Freude in mir diesen Weg zu gehen und ich denke an Tieck und sein Poem an Novalis. Die blaue Blume als Symbol der Wanderschaft.

So schrieb er (Tieck) denn:

Wer in den Blumen, Wäldern, Bergesreihen,
Im klaren Fluß, der sich mit Bäumen schmücket,
Nur Endliches, Vergängliches erblicket,
Der traure tief im hellsten Glanz des Maien.

Nur der kann sich der heil'gen Schöne freuen,
Den Blume, Wald und Strom zur Tief' entrücket,
Wo unvergänglich ihn die Blüt' entzücket,
Dem ew'gen Glanze keine Schatten dräuen.

Noch schöner deutet nach dem hohen Ziele
Des Menschen Blick, erhabene Gebärde,
Des Busens Ahnden, Sehnsucht nach dem Frieden.

Seit ich dich sah, vertraut' ich dem Gefühle;
Du mußtest von uns gehn und dieser Erde,
Du gingst!

---

Kurz nach Loupian sehe ich die erste Camino - Muschel, und wie ich mich freue, ein Symbol für Heimat, Aufbruch, Bewegung und Ankunft. Ich bin jetzt wieder auf der Via Domitia, auf den Pfaden der Römer:

Bild

Ich lebe noch und ich lebe gerne und gehe vorbei an Weinreben, Felder, Wiesen, ich gehe und gehe und höre aus der Ferne immer wieder Schüsse und kann diese nicht zuordnen. Ein wenig irritiert bin ich da schon, weil sich mir erstmal nicht erschließt warum hier rund um die Weinreben Schüsse fallen. Auf einmal sehe ich einen kleinen Jungen mit seinem Vater und einer Schrotflinte in der Hand. Ich erfahre, dass hier wilde Kaninchen geschossen werden, weil diese die Weinreben zerstören.

Langsam komme ich in meinen mir liebgewonnenen Camino-Modus, Gedanken tauchen auf und verschwinden, eine Art Meditation und Kontemplation, schauen, gehen, Stille in mir, Stille im Außen, wenn nur die Schü... Manche Pilger lieben die Gruppen, die Geselligkeit in den Herbergen, die gemeinsamen Etappen. Für mich ist das nachvollziehbar und ein Austausch mit Mitpilgern ist sehr fruchtbar und Erfahrungen teilen ist wunderbar. Ich kann das genießen und trotzdem sind mir die schönsten Wege die ruhigen Wege, so wie jetzt, wie auf der Tolosana, Rhodana, Via de la Plata, Aragones ...

Ich habe entdeckt, dass ich mich gerne mit Mitpilgern austausche, aber nicht tagelang zusammen mit anderen Pilgern gehen möchte, das bringt mich aus der Balance bzw. da bin ich Gruppendynamiken ausgesetzt, die mir nicht gut tuen. Mich lenkt das von meinem Innern ab, von Tiefgang und der Verbindung mit der Natur, ich spüre mich nicht, sehe nicht mehr den Weg, die Natur, die Blumen, Felder, Wolken und Berge, sondern Worte und Schall übertönen die wahre die Essenz, die ich nicht im Außen, sondern nur in mir selbst finden kann. Gut zu wissen, wie ich so ticke und was ich möchte und was nicht. Und das muss nicht das Andere ausschließen, sondern kann verbinden, nur eben so wie jeder das möchte und leben kann.

Ich bin jetzt fast 5 Stunden unterwegs, meine Vorräte sind aufgebraucht und ich habe einen Riesenhunger. Gut, dass in Saint-Thibéry ein Vival Mini supermarche bis 12:30 Uhr geöffnet hat, naja, zumindest steht's so im Netz. :mrgreen: Ich komme an der alte Römerbrücke vorbei, die über den Fluss Hérault führt und Touristen sind hier und lauschen Jazz-Musikern, die hier an der Brücke und der alten Ölmühle spielen und erste Sonnenstrahlen erhellen mein Gemüt. Eine alte gallorömische Stadt erwartet mich, eine Abtei und Heiligenreliquien.

Bild

Auf geht's zum Supermarkt plündern, riesengroße Fromage Blanc Yoghurts, Baguettes und Coke warten auf Steven, yeah:

12:15 Uhr:

Bild

Hmmm, schwer zu beschreiben wie ich mich bei dem großartigen Anblick gefühlt habe. :ugeek: Irgendwie hatte ich damit gerechnet, wollte den Gedanken zuvor jedoch wegen den selbsterfüllenden Prophezeiungen nicht weiter vertiefen. Und wie immer, in jedem dieser Dörfer, wenn alles dicht hat, der Tabakladen mit Gummibärchen und Schokoriegeln (keine Yoghurts!) hat geöffnet. Na gut, so sei es denn. Eingedeckt mit Bärlis, Schokoriegeln & Co. wollte ich gerade weitergehen, als mir ein sichtlich betrunkener Dorfbewohner wild erläuterte wo ein geöffnetes Restaurant zu finden sei. Und genau da saß ich dann 15 min später & gönnte mir ein superleckeres Menü. Ente gut - alles gut, Jakobus lässt niemanden verhungern. :mrgreen:

In Saint-Thibery gibt es eine alte Benediktiner-Abtei und Kirche im Herzen des Dorfes:

Bild.

Wie schade, dass die meisten Kirchen in (Süd-)Frankreich fast immer geschlossen sind und nicht betretbar für Pilger, außer zu Gottesdiensten.

Die Zeit drängt: Ich habe allerdings noch rund 25 km vor mir und mache mich nach einem Double Espresso gestärkt auf den Weg und genieße das nun aufhellende Wetter und die schöne Natur um mich herum:

Bild

Ich bin wieder im Flow und selbst überrascht wie schnell die Stunden vergehen und schon ist der Canal du Midi in Sichtweite und ich stehe staunend am Ufer:

Bild

Béziers ist nicht mehr weit entfernt, in der ersten Boulangerie seit langem schnappt mir eine Familie vor mir das letzte Baguette weg. Ich hatte es schon anvisiert, den Geschmack im Mund und wieder die Befürchtung, Achtung, die Familie... wech isses. So what, weitergehen, ich mag die Wege entlang ds Canal du Midi und ich mag Béziers mit der alten Jakobskirche, der Kathedrale Saint-Nazaire, Pont Vieux und die wunderbare Aussicht auf die Natur, den Fluss Orb und die Geschichte der Katharer, wenngleich diese auch tragisch endete.

Heute ist Sonntag und ich finde einen Supermarkt, der noch geöffnet hat und decke mich reichlich ein, leider ist das ein Umweg insgesamt 4 km zur Pilgerherbe gewesen (2 km hin - 2 km zurück) und ich sehne mich nach einer Erholung, einfach nur sitzen oder liegen. Dem Gefühl des Ankommens.

Was mich tief berührt ist die leuchtende Brücke Pont Vieux :

Bild

und die Kathedrale Saint-Nazaire:

Bild.

Schlegel hat mal geschrieben: Tiefer sinket schon die Sonne und es atmet alles Ruhe, Tage Arbeit ist vollendet .. Ja, so ist es, ich bin dankbar als ich vor der Pilgerherbe stehe:

Bild

Anruf beim hiesigen Pilgerverein, Code eingegeben und eine wunderbare Herberge erwartet mich. Ein großes Haus mit 2 Etagen, super ausgestattet, tolles Wohnzimmer, Küche, Camino-Unterlagen, Literatur, Plakate. Wunderbar 10/10. Mit sehr viel Liebe eingerichtet. Donativo.

Stempel Credencial du Pèlerin:

Bild

Ich schreibe meiner Freundin und esse etwas leckeres in der Küche, lege mich eine bequeme Couch, herrlich. Danke Danke Danke.

Nachtgedanken: Kurz nach Loupian habe ich kurz auf der linken Seite das Mittelmeer gesehen und rechte Seite die glitzernden Gipfel der Pyrenäen und da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Kurs bin; Frieden, Durchatmen.
Benutzeravatar
Pilger Franz
Beiträge: 977
Registriert: 13. Okt 2019, 15:59
Wohnort: Freiburg i. Br.
Kontaktdaten:

Re: Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Beitrag von Pilger Franz »

Bon courage, Steven, und möge dir der Fromage Blanc nie ausgehen!
BC
Franz
Benutzeravatar
Simsim
Beiträge: 3867
Registriert: 23. Okt 2019, 11:33

Re: Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Beitrag von Simsim »

Steven, wie immer finde ich Deinen Bericht wunderschön, freue mich an vielem was Du ausdrückst (z.B. zum Allein-Gehen), und finde viel Vertrautes darin. Außer der Sache mit dem Hunger und dem verschlossenen Laden. Ich glaube ich gehe hauptsächlich deswegen inzwischen mit meinem Karren, weil ich immer genug zu Essen dabeihaben will :D.
Benutzeravatar
Steven
Beiträge: 152
Registriert: 11. Aug 2022, 13:39
Wohnort: München

Re: Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Beitrag von Steven »

Tag 4 - Voie des Piémont-Pyrénées II | Béziers - Zug - Lourdes - Sanctuaire de Bétharram | Die heilige Maria und die Gräuel der maskierten Täter unter dem weißen blutgetränkten Kreuze | ~ 20 km

Früh gegen 5:00 Uhr stehe ich auf, weil mein Zug von Béziers nach Lourdes verschoben wurde, mir wurde das online am späten Abend mitgeteilt. Manchmal macht es (doch) Sinn, die eMails zu checken, so konnte ich umdisponieren und noch einen seehr frühen Zug erwischen. 8-)

Ein wenig Wehmut: ein großer Dank an Jean-Louis Doux, Accueil Jacquaire - Rue de Pau - La Ruche, ich war 2024 einer der letzten Pilger die dort vor der Schließung übernachten durften, eine großartige Pilgerherberge mit Blick auf das Heiligtum, einem traditionellen Pilgerabendessen, verschiedenste Nationalitäten am Tisch, viel geplaudert, gelacht und Anekdoten vom Weg ausgetauscht und im Anschluss noch zur Kerzenprozession zur Grotte von Massabielle und in die unterirdische Basilika. Fin. Auf Gronze ist die Pilgerherberge mittlerweile gelöscht. Mir fällt es schwer die Vergänglichkeit zu akzeptieren, so empfinde ich das gerade beim Schreiben dieser Zeilen.

Das Leben sollte vorwärts gelebt werden und auch deshalb ist jeder Camino ein sehr weiser Ratgeber. Einfach nur gehen, Schritt für Schritt für Schritt. Beppo der Strassenkehrer, Momo, ja. In Lourdes war es warm, sonnig und der Ausblick herrlich:

Bild

Bild

Die Grotte von Massabielle,ein kurzer Blick:

Bild

Mir sind die Menschenmassen zu viel, teils auch Gehetze, nach einigen Tagen in der Natur habe ich meist Probleme damit umzugehen und so freue ich mich, dass ich mich schon bald auf einem schönen Pfad entlang des Flusses Gaves befinde. Ein angenehmes Rauschen des Gave de Pau als mein Begleiter, Stille in mir und ich bin auf Kurs, da ist eine Melancholie in mir, die nicht unangenehm ist. Zwischendrin packe ich den Gaskocher aus und mache mir einen Kaffee, sitze auf einem Holzstapel. Schaue einfach, nix weiter.

Ziel ist heute das Marienheiligtum in Lestelle-Bétharram. Im 13. Jahrhundert hat die Jungfrau Maria einem jungen Mädchen, die in den Fluss gefallen war, vor dem Ertrinken bewahrt, in dem sie ihr einen Zweig reichte, und „ beth arram “ heißt so viel wie schöner Zweig. Später im 17. Jahrhundert hat ein Geistlicher dann dort ein Hospiz für Pilger und andere Geistliche eröffnet. Der ganze Komplex ist eine sehr große Anlage und einem Kreuzweg (hoch auf den Hang) mit 15 weißen Kapellen (Start der morgigen Etappe).

Das Gebäude ist faszinierend, Alexandre Renoir, dem Bruder des Malers Auguste Renoir, wurde die Renovierung anvertraut, davon zeugt noch der Hochaltar und die Kapellen.

Impressionen:

Bild

Eingang für Pilger / Rezeption (s. Türe rechts):

Bild

Ein sympathischer Empfang von Reegan, einem Novizen (?), der mich durch die Anlage führte und mir mein Zimmer zeigte. € 26 mit Frühstück EZ, Gemeinschaftszimmer hätte 20 € gekostet. Nach dem Duschen klopfte Reegan an der Tür und hat leckere Maroni in der Hand, mei, das hat mich sehr gefreute, eine nette Geste und bei meinem "unersättlichen" Pilgerhunger und dem Fehlen eines Supermarktes sehr willkommen. Ein 1kg Fromage blanc hatte ich allerdings von Lourdes mitgenommen. :mrgreen:

Happy End? Nein, Bétharram hatte eine katholische Schule, die seit den 1950er Jahren im Mittelpunkt von Fällen von körperlicher und sexueller Gewalt von Priestern & Betreuern gegen Minderjährige war und viel wurde vertuscht, nie richtig aufgeklärt, Kommissionen haben nur halbherzig ermittelt und nach meinem Ermessen und was ich so gelesen habe, wurde das Thema nicht ordentlich aufgearbeitet. So ein herrlicher Ort, inmitten der Natur, den Bergen, der Schönheit und Vielfalt der Architektur und dochein Hort der Gewalt und des Missbrauchs. Die Schule verfällt, ich habe mir die verfallenen Gebäude angesehen, den Sportplatz, die halbverottetten Toiletten, Rugbyfeld, den Pelota-Platz, sehr unheimlich & düster. Die alte Sporthalle mit den olympischen Ringen Salle Michel Garicoïtz. Es ist nicht meine Aufgabe hier aufzuklären oder anzuklagen und doch war Unbehagen in mir, weil hier Kinder leiden mussten.

Nachtgedanken: Schatten und Licht, Anmut und Verfall, ein Text, ~ 2.000 Jahre alt: du trauerst wo kein Grund zur Trauer ist, und redest weise; doch wer weise ist, den drückt nicht Sorge um die Lebenden Noch um die Toten. - Denn nie war ich nicht, noch du, noch jene Menschen um uns her, und auch in fernster Zukunft werden wir, nie irgendwo beenden unser Sein. Wie unsre Kindheit und des Alters Leib, ein andrer Körper ist, und doch der Geist, in seiner Einheit ewig fortbesteht. - Nachdenken, einschlafen, etwas mulmig und ungewiss.
Benutzeravatar
Simsim
Beiträge: 3867
Registriert: 23. Okt 2019, 11:33

Re: Voie des Piémont-Pyrénées - GR78

Beitrag von Simsim »

Immer ganz unerwartet kommen in großen Abständen Deine schönen und tiefgehenden Berichte.
Vielen Dank einmal mehr!

Ich war übrigens auch ziemlich traurig über die Schließung der Ruche in Lourdes. Jean Louis war ein echter Pilgervater, aber schon viele Jahre sehr müde.. Dank sei Ihm für die lange Zeit am Camino!
Nur schade, dass niemand übernommen hat. Ich denk mal dass es schon Kandidaten gäbe, aber vielleicht will Jean Louis nicht.
Antworten