Um 7:00 Uhr bin ich startklar, ich habe wunderbar im Zelt geschlafen, geerdet und ich weiß, dass ich heute einen langen Camino-Tag vor mir habe. Ich bin ein großer Freund von meinem X-Mid-1 Zelt geworden, in 2-3 min aufgebaut und fast genauso schnell wieder zusammengepackt. Easy, so wie das sein soll. Für mich ist das Freiheit, eine kleine Lodge mit 700 g, auf dem Rücken trag- und jederzeit entfaltbar.
Béziers möchte ich heute erreichen, weil ich morgen bereits im Zug nach Lourdes sitzen möchte und von dort, die mir noch fehlenden Etappen gehen werde. Im Frühling auf der Via de la Plata habe ich in einer Pilgerunterkunft eine Französin kennengelernt, die aus Béziers stammt und die mir die dortige Pilgerherberge empfohlen hat. Als ich letztes Jahr in Béziers startete, wusste ich nicht, dass es dort eine Pilgerherberge gibt und ich sollte nicht enttäuscht werden, soviel sei jetzt schon gesagt.
Da ist eine Magie und ein große Freude in mir diesen Weg zu gehen und ich denke an Tieck und sein Poem an Novalis. Die blaue Blume als Symbol der Wanderschaft.
So schrieb er (Tieck) denn:
Wer in den Blumen, Wäldern, Bergesreihen,
Im klaren Fluß, der sich mit Bäumen schmücket,
Nur Endliches, Vergängliches erblicket,
Der traure tief im hellsten Glanz des Maien.
Nur der kann sich der heil'gen Schöne freuen,
Den Blume, Wald und Strom zur Tief' entrücket,
Wo unvergänglich ihn die Blüt' entzücket,
Dem ew'gen Glanze keine Schatten dräuen.
Noch schöner deutet nach dem hohen Ziele
Des Menschen Blick, erhabene Gebärde,
Des Busens Ahnden, Sehnsucht nach dem Frieden.
Seit ich dich sah, vertraut' ich dem Gefühle;
Du mußtest von uns gehn und dieser Erde,
Du gingst!
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Kurz nach Loupian sehe ich die erste Camino - Muschel, und wie ich mich freue, ein Symbol für Heimat, Aufbruch, Bewegung und Ankunft. Ich bin jetzt wieder auf der Via Domitia, auf den Pfaden der Römer:
Ich lebe noch und ich lebe gerne und gehe vorbei an Weinreben, Felder, Wiesen, ich gehe und gehe und höre aus der Ferne immer wieder Schüsse und kann diese nicht zuordnen. Ein wenig irritiert bin ich da schon, weil sich mir erstmal nicht erschließt warum hier rund um die Weinreben Schüsse fallen. Auf einmal sehe ich einen kleinen Jungen mit seinem Vater und einer Schrotflinte in der Hand. Ich erfahre, dass hier wilde Kaninchen geschossen werden, weil diese die Weinreben zerstören.
Langsam komme ich in meinen mir liebgewonnenen Camino-Modus, Gedanken tauchen auf und verschwinden, eine Art Meditation und Kontemplation, schauen, gehen, Stille in mir, Stille im Außen, wenn nur die Schü... Manche Pilger lieben die Gruppen, die Geselligkeit in den Herbergen, die gemeinsamen Etappen. Für mich ist das nachvollziehbar und ein Austausch mit Mitpilgern ist sehr fruchtbar und Erfahrungen teilen ist wunderbar. Ich kann das genießen und trotzdem sind mir die schönsten Wege die ruhigen Wege, so wie jetzt, wie auf der Tolosana, Rhodana, Via de la Plata, Aragones ...
Ich habe entdeckt, dass ich mich gerne mit Mitpilgern austausche, aber nicht tagelang zusammen mit anderen Pilgern gehen möchte, das bringt mich aus der Balance bzw. da bin ich Gruppendynamiken ausgesetzt, die mir nicht gut tuen. Mich lenkt das von meinem Innern ab, von Tiefgang und der Verbindung mit der Natur, ich spüre mich nicht, sehe nicht mehr den Weg, die Natur, die Blumen, Felder, Wolken und Berge, sondern Worte und Schall übertönen die wahre die Essenz, die ich nicht im Außen, sondern nur in mir selbst finden kann. Gut zu wissen, wie ich so ticke und was ich möchte und was nicht. Und das muss nicht das Andere ausschließen, sondern kann verbinden, nur eben so wie jeder das möchte und leben kann.
Ich bin jetzt fast 5 Stunden unterwegs, meine Vorräte sind aufgebraucht und ich habe einen Riesenhunger. Gut, dass in Saint-Thibéry ein Vival Mini supermarche bis 12:30 Uhr geöffnet hat, naja, zumindest steht's so im Netz.
Auf geht's zum Supermarkt plündern, riesengroße Fromage Blanc Yoghurts, Baguettes und Coke warten auf Steven, yeah:
12:15 Uhr:
Hmmm, schwer zu beschreiben wie ich mich bei dem großartigen Anblick gefühlt habe.
In Saint-Thibery gibt es eine alte Benediktiner-Abtei und Kirche im Herzen des Dorfes:
Wie schade, dass die meisten Kirchen in (Süd-)Frankreich fast immer geschlossen sind und nicht betretbar für Pilger, außer zu Gottesdiensten.
Die Zeit drängt: Ich habe allerdings noch rund 25 km vor mir und mache mich nach einem Double Espresso gestärkt auf den Weg und genieße das nun aufhellende Wetter und die schöne Natur um mich herum:
Ich bin wieder im Flow und selbst überrascht wie schnell die Stunden vergehen und schon ist der Canal du Midi in Sichtweite und ich stehe staunend am Ufer:
Béziers ist nicht mehr weit entfernt, in der ersten Boulangerie seit langem schnappt mir eine Familie vor mir das letzte Baguette weg. Ich hatte es schon anvisiert, den Geschmack im Mund und wieder die Befürchtung, Achtung, die Familie... wech isses. So what, weitergehen, ich mag die Wege entlang ds Canal du Midi und ich mag Béziers mit der alten Jakobskirche, der Kathedrale Saint-Nazaire, Pont Vieux und die wunderbare Aussicht auf die Natur, den Fluss Orb und die Geschichte der Katharer, wenngleich diese auch tragisch endete.
Heute ist Sonntag und ich finde einen Supermarkt, der noch geöffnet hat und decke mich reichlich ein, leider ist das ein Umweg insgesamt 4 km zur Pilgerherbe gewesen (2 km hin - 2 km zurück) und ich sehne mich nach einer Erholung, einfach nur sitzen oder liegen. Dem Gefühl des Ankommens.
Was mich tief berührt ist die leuchtende Brücke Pont Vieux :
und die Kathedrale Saint-Nazaire:
Schlegel hat mal geschrieben: Tiefer sinket schon die Sonne und es atmet alles Ruhe, Tage Arbeit ist vollendet .. Ja, so ist es, ich bin dankbar als ich vor der Pilgerherbe stehe:
Anruf beim hiesigen Pilgerverein, Code eingegeben und eine wunderbare Herberge erwartet mich. Ein großes Haus mit 2 Etagen, super ausgestattet, tolles Wohnzimmer, Küche, Camino-Unterlagen, Literatur, Plakate. Wunderbar 10/10. Mit sehr viel Liebe eingerichtet. Donativo.
Stempel Credencial du Pèlerin:
Ich schreibe meiner Freundin und esse etwas leckeres in der Küche, lege mich eine bequeme Couch, herrlich. Danke Danke Danke.
Nachtgedanken: Kurz nach Loupian habe ich kurz auf der linken Seite das Mittelmeer gesehen und rechte Seite die glitzernden Gipfel der Pyrenäen und da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Kurs bin; Frieden, Durchatmen.