Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Auf den Spuren des Franz von Assisi und auf anderen Wegen in die ewige Stadt
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Gertrudis
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Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Gertrudis »

Ganz frisch ist das jetzt schon nicht mehr, aber ich versuche, ein paar Eindrücke von unserer Wanderung auf dem Erzengel-Michael-Weg festzuhalten.
Der Weg ist ja im Buch von Angela Maria Seracchioli schön beschrieben, samt Geschichten und Wissenswertem über die Orte und Gegenden am Weg.
Wir konnten uns mithilfe von "Mapy.cz" und dem bei "Bergfex" von Reinhold Fresner erstellten Track, der dem Seracchioli-Weg sehr exakt folgt, bestens zurechtfinden. Auch die Markierung mit gelben Pfeilen und Wegweisern ist recht gut, mit Track bzw. Wegbeschreibung ist man allerdings auf der sichereren Seite. Einige Unterkünfte hatten wir vorab über booking.com gebucht (da haben wir ein paar günstige Ferienwohnungen ergattert, in denen wir selber kochen konnten), ansonsten hielten wir uns an die Unterkunftsliste von Angelas Webseite.

Dienstag, 14.5.24

Überpünktlich fährt der Öbb Nightjet in den Bahnhof Roma Termini ein, wir erwischen den nächsten Anschlusszug nach Terni, und nach einem ersten echten italienischen Kaffee in der Bahnhofshalle tuckern wir in einem kleinen, mit bunten Graffities verzierten Zirkuswagen- nein, Schienenbus durch eine vertraute Gegend: Marmore, Rieti… da drüben auf dem Hügel, da hatten wir doch das Kätzchen gefüttert, und dort oben in dem Kloster, da haben wir übernachtet, als wir vor drei Jahren hier auf dem Franziskusweg bis Poggio Bustone gepilgert sind!

Der Weg, den wir nun erkunden wollen, Angela Maria Seracchiolis „Erzengel-Michael-Weg“, ist die unmittelbare Fortsetzung dieses Cammino di San Francesco. Wir haben allerdings beschlossen, nicht gleich mit einer langen Etappe zu beginnen und lassen uns noch ein paar Stationen weiter bringen. In die Abruzzen hinein, durch Tunnels und Kehren schnauft das Bähnlein und wir ersparen uns schon mal einige Höhenmeter.
Am Bahnhof Rocca di Fondi steigen wir aus, außer dem mit drei Stockwerken vielleicht etwas überdimensionierten Bahnhofsgebäude ist keine Ansiedlung zu sehen. Wir gehen auf einem mit hohem Gras bewachsenen Pfad zur Straße, wer weiß, wann die letzten Fahrgäste an diesem Ort aus- oder zugestiegen sein mögen.

Vier Kilometer sind`s zum Dorf Rocca di Fondi, und das Dorf ist oben, auf der Spitze des Hügels. Ein hübsches Dorf. Die Häuser aus grauem Bruchstein, die meisten frisch renoviert, Blümchen davor, Rosenbüsche in üppiger Blüte, gemalte Namensschilder, Deko – nur: keine Menschen. Wir haben über Whatsapp vom Vermieter unserer Ferienwohnung einen Code für den Schlüssel bekommen, unser Domizil ist das höchste im Ort. Im Nachbarhaus sind tatsächlich Leute, die gerade ihre Geranien umtopfen – aber die eigentlichen Bewohner von Rocca di Fondi sind - Katzen. Die sind überall. An dem Platz neben der Kirche – deren Mauern zersprungen sind und für deren Renovierung nach dem Erdbeben sich kein Geld gefunden hat - haben die Katzen ein Haus ganz für sich, mit einer kleinen Tür. Sie gehen ihre Katzenwege, pflegen ihre Katzenfreundschaften und Rivalitäten, wollen nichts mit uns zu schaffen haben.
Die Ferienwohnung ähnelt einem Puppenhaus oder einem Schmugglerversteck, je nachdem. Wo die Sonne auf den Platz scheint, wärmt sie uns ein bisschen, später kommt Regen, wir frieren, bereiten unser Essen zu, das wir mitgebracht haben. Tortellini, Soße, Wein.
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Gertrudis »

Mittwoch, 15.5.24

Unser Startort liegt freilich nicht direkt am Erzengelweg, aber wir folgen heute gut markierten Wegen, meistens dem CNP - Cammino Naturale dei Parchi, und werden morgen irgendwann auf die Seracchioli-Route treffen.

Heute bewegen wir uns in fast völliger Einsamkeit, aber in paradiesischer, parkähnlicher Gegend. Die einzige Menschenbegegnung dieses Tages ereignet sich nach dem ersten herzhaften Anstieg am Rifugio Romolo de Angelis, einer offenen Hütte, die unbewirtschaftet ist, aber in recht passablem Zustand. Zwei Mountainbiker sind da nach ihrer Rast gerade wieder am Aufbrechen, und so haben wir den Tisch vor der Hütte für uns und unsere Brotzeit.
Ringsumher Hügelketten, von ferneren Gipfeln glänzen noch Schneefelder. Später wird die Landschaft sanfter, weiter, Laubwäldchen in hellem Frühlingsgrün umrahmen Bergwiesen, wir schreiten über kostbare Teppiche aus tausenden bunter Blüten, durchqueren mehrere Hochebenen und dabei mehrere Jahreszeiten an einem einzigen Tag.

Bereits heute früh fand ich eine Nachricht auf Whatsapp, auf deutsch. Alberto, bei dem wir morgen Quartier beziehen wollten, ließ fragen, ob wir auch sicher kämen, und hatte eine Deutsche als Dolmetscherin gefunden. Später wollte er wissen, ob wir auch essen wollten. Noch mehr Fragen hatte er, und so kam es, dass sich während des Gehens ein umfangreicher Dialog mit einer mir gänzlich unbekannten Veronika entspann, welche ich bei Alberto verortete, bis sich herausstellte, dass sie in Deutschland lebte und wir uns gar nicht begegnen würden.

Am Nachmittag blicken wir auf den Altopiano di Rascino hinunter, auf den zipfeligen See und die verstreuten Gehöfte. Es soll da drei „Restaurants“ geben, und mindestens eines, so verkündet es Google, sei geöffnet. Nun, im August vielleicht? Da ist dann da eine richtige Ranch, sogar mit Pferden! Jetzt keine Menschenseele, immerhin aber eine Veranda mit Tischen und Stühlen, und wir haben ja in weiser Voraussicht genügend Essen eingepackt.

Wir möchten bis zum Sonnenuntergang noch ein gutes Stück voran kommen und dann an einem schönen Platz unser kleines rotes Zelt aufbauen, und so wandern wir durch goldene Hahnenfußwiesen, schöpfen an wasserreichen Brunnen, im Tal werfen die Hügel schon Schatten, Wälder, Auen, Vogelgezwitscher, Grillengezirp. Dann erspäht der Fritz einen Hügel, ein freundlicher Weg führt da hinauf – oben ist der perfekte Schlafplatz: Aussicht, Blümchen, und Sonne am Abend und am Morgen. Das mit dem Zelt ist eine Premiere – es könnte keine bessere Bühne dafür geben und keine gelungenere Kulisse!

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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Gertrudis »

Donnerstag, 16.5.24

Vogelgebrüll. Unglaublich, aber das laute Durcheinander, das die gefiederten Gesellen da draußen in der Morgendämmerung veranstalten, hat nichts mit dem wohligen, melodischen Tönen zu tun, dem wir tagsüber mit Entzücken lauschen. In der Nacht war das laute Atmen eines großen Tieres zu vernehmen gewesen, ganz nah. Dann wärmt uns die Sonne, trocknet unser Zelt, wir lassen uns Zeit. Kalter Pulvercappuccino, köstlich.

Die ersten Kilometer spazieren wir weiter das liebliche Tal entlang, Wiesen, Auen, Bächlein, dann Wald, Buchenwald. Zauberhafte Lichtungen voller Blumen. Die Vögel singen nun wieder normal.
Auf den Pass, der schließlich zu überqueren ist, geht es sehr steil hinauf und ebenso steil wieder hinab, auf schottrigem Pfad. Die Wanderstecken helfen mir beim Auf-, dem Fritz beim Abstieg, so genügt uns ein Paar. Unten, in der Nähe von Castiglione, treffen wir auf eine Teerstraße und auf einen gelben Pfeil – ab jetzt sind wir auf Kurs zum Erzengel!

Eine Gruppe von Mulis und Pferden schleppt Holzstämme aus dem Bergwald. Brav trotten die beladenen Tiere am Straßenrand entlang zu einem Holzlagerplatz, das Öffnen eines einzigen Knotens befreit sie mit Gepolter von ihrer Last. Für den weiteren Transport kommt ein Lastwagen zum Einsatz.

Wir nehmen die von Angela Maria vorgeschlagenen Abkürzungen, die zweite bringt uns gnadenlos über Schotterbrocken auf direkteste Weise ins Tal. Eines der Dörfer, auf die wir schon lange von oben hinabblicken, ist unser Ziel – aber die Teerstraße bis dahin zieht sich. Die Kirche in Villagrande mit den angepriesenen Fresken ist geschlossen, aber die Bar ist offen und freundlich, eine letzte Stärkung, bevor wir drei Kilometer weiter in Piagge unsere Unterkunft erreichen.

Bei Alberto und seiner Frau, betagten Leuten, und deren Tochter sind wir zu Gast am Familientisch. Alberto würde gerne plaudern, das spürt man, aber er traut sich nicht recht, weil er keine Fremdsprache kann. Seine Frau kann das auch nicht, aber die hat weniger Skrupel, und erzählt mir auf italienisch. Sie kommt auf die Geschichte vom Haus der Maria, das von Engeln nach Loreto gebracht wurde, ganz genau weiß sie alles darüber. Der Raum ist mit Familienfotos geschmückt und mit Bildern von Pater Pio. Die Tochter serviert das Mahl, die Vorspeise aus Melone mit Schinken, die Pasta mit Tomatensoße, die ausladenden panierten Schnitzel mit Salat. Sie wirkt in sich zurückgezogen, ernst, als habe das Schicksal ihr etwas Schweres zugemutet… Aber wir sind nur Fremde, die vorüberziehen, und können keinen Anteil nehmen…
Ein getigertes Schmusekätzchen hat schnell das Bett in unserem Zimmer erobert.

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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Shabanna »

Grade entdeckt, deine Berichte, Gertrudis.

Herrlich!

Bitte weitermachen :)

LG,
Andrea
No creo en casi nada que no salga del corazón.
(Fito Páez)

http://und-die-haare-im-wind.blogspot.com
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Simsim »

Shabanna hat geschrieben: 9. Jul 2024, 09:09 Grade entdeckt, deine Berichte, Gertrudis.

Herrlich!

Bitte weitermachen :)

LG,
Andrea
Da kann ich mich nur anschließen!! Vielen Dank für die bilderreiche Erzählung! So schön!
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FredMario
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von FredMario »

Gute Idee, in Rocca di Fondi zu starten. Vielleicht mache ich das beim nächsten Mal auch so. Danke für deinen tollen Bericht.

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Gertrudis hat geschrieben: 9. Jul 2024, 01:18 Bei Alberto und seiner Frau, betagten Leuten, und deren Tochter sind wir zu Gast am Familientisch.
Alberto ist jetzt acht Jahre älter...

Mario
“The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes, but in having new eyes.” - Marcel Proust (À la Recherche du Temps Perdu, Vol. 5, La Prisonnière)
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Fermate »

Ach, wie schön, dass Du wieder etwas schreibst, Gertrudis! Seit unserem Telefonat hatte ich schon immer mal hoffnungsvoll geguckt, weil Du mich, nach der Ruta de la Lana, schon wieder auf dumme Gedanken gebracht hast...
Seit ein paar Wochen lerne ich fleißig mit einer App Italienisch ("Das Kaninchen mag lieber Äpfel als Birnen und trägt eine elegante gelbe Jacke" - damit dürfte ich für fast jede Pilgersituation gerüstet sein-!), und heute habe ich für nächstes Jahr drei Monate unbezahlten Urlaub eingereicht. Italien kann kommen - oder umgekehrt!
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FredMario
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von FredMario »

“The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes, but in having new eyes.” - Marcel Proust (À la Recherche du Temps Perdu, Vol. 5, La Prisonnière)
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Gertrudis
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Re: Auf dem Erzengel-Michael-Weg im Mai 2024

Beitrag von Gertrudis »

Oh...da muss ich mich wohl ranhalten...
(Musste mich nur gerade um andere Sachen kümmern)
Ja, das Kaninchen mit der gelben Jacke wird Dir ganz sicher nützlich sein, liebe Fermate :lol:
Drei Monate Urlaub - klingt verlockend! ( Ich habe gerade meine Rente beantragt. Aber da ich in meinem lottrigen Künstlerleben immer von der Hand in den Mund gelebt habe, werde ich das wohl noch die nächsten Jahre so weiter machen... immerhin, meine Schulferien sind auch schon was)
Liebe Grüße!
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