Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Von St. Jean Pied de Port auf dem navarrischen oder vom Somportpass auf dem aragonischen Weg nach Santiago
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Matt Merchant
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Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Matt Merchant »

Ihr Lieben,

länger habe ich mich hier nicht mehr aktiv beteiligt und bitte dafür um Eure Nachsicht;
Schuld war meine theologische Examensphase, die ich vor zwei Wochen endlich erfolgreich hinter mich bringen konnte, die mich aber viel Zeit und Nerven gekostet hat. Aber nun ist’s überstanden, auch der Umzug nach München, wo ich ab September an St. Markus meinen Dienst als Vikar versehe…

Und kurz davor rief mich halsüberkopf der Camino…! 😳 Obgleich mich die Trias von Flug- Hitze- und Corona-Chaos eigentlich hätte abschrecken müssen, krachte ich vergangenen Mittwoch nachgerade unvorbereitet und wie bei einem Anfänger mit viel zuviel sinnfreiem Rucksackgepäck in Logroño auf unseren Weg… Und habe nun knapp drei Wochen, soweit mich die Füße tragen… Noch weiß ich wirklich nicht, welche Seite meiner Seele mich ausgerechnet hierher gestuppst hat, aber ich hoffe, es zu ergründen. Generell gibt es nun, zwischen Examen und Pfarramt, einiges zu reflektieren, zu entknoten, und für den Lieben Gott nach der ganzen Theorie ganz unprätentiös Zeit zu finden…

Gerade sitze, nein: liege ich in der eher geistlosen munizipalen Herberge von Cardeñuela Riopico knapp vor Burgos (über einer vulgären Dorfbar, die alle Gassen nonstop mit Beach-Autotune-Musik beschallt; kein Tipp). Bislang schaffte ich 35 Kilometer pro Tag, aber ab Morgen droht für die kommenden Tage die neue Hitzewalze. Das wird neu und ich bin gespannt, wie (und ob) es weiterläuft… Allemal ist Besonnenheit geboten, denn es soll schon Todesfälle gegeben haben (erst vorige Woche verstarb ein Pilger in den Pyrenäen) und laufend müssen Hospitaleros/as dehydrierte Pilger*innen mit Salzbädern etc. zusammenflicken…

In diesem Sinne: Ich berichte. Unregelmäßig und skizzenhaft, aber mit Freude.

Alles Liebe derweil!
Ultreia!

Matthias
"Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch." (Rut 1,16)
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Matt Merchant
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Matt Merchant »

Hier noch, ganz skizzenhaft, die allerersten Eindrücke:

- Es ist dieser Tage erstaunlich wenig los. Ich diskutierte das bereits mit Holle und die hielt entgegen, es gäbe ganz im Gegenteil aktuell Rekordzahlen bei der Ausstellung der Compostela… Ich besprach das zudem mit der rührigen deutschen Hospitalera von Belorado (wo wir zu sechst waren!). Die bestätigte, es werde gerade im Vergleich zur Vorwoche ein statistischer Einbruch gerade auch aus Roncesvalles gemeldet. Grund sind neben dem Flug-Chaos angeblich viele spontane Wechsel auf den Nordweg aus Angst vor der Hitze. Der del Norte sei voll…

- Hitzetrend Nr. 1 laut Hospitalera: um 4 Uhr loszulaufen, um gegen 9 vor der Herberge zu stehen. Vorige Woche war man da schon ‚completo‘…

- Der Weg bleibt bei Asiat*innen beliebt, gefühlt steigt er sogar weiter im Kurs: Ich habe selten so viele Mitpilger*innen aus Asien erlebt. Das ist großartig. Ich liebe den interkulturellen Austausch. Nur an das Detail, dass Schmatzen und Schlürfen bei Tisch dort zum guten Stil gehört,wenn‘s gut schmeckt, daran gewöhne ich mich immernoch nicht…

- Spanien hat die Pandemie praktisch ‚abgeschafft‘‚ derzeit erlebt man praktisch keine Masken- oder Abstandsregeln in Herbergen oder Supermärkten. Darüber gehen die Meinungen hier in Forum bekanntlich auseinander. Ich persönlich finde das neue Laissez-faire eher gruselig. Allemal sollte man es im Kopf haben, wenn man diesen Weg erwägt.

- Die Dorfherberge von Cardeñuela Riopico ist wirklich sauschlecht. Unter mir tobt der Provinz-Ballermann…
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Simsim
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Simsim »

Danke Matthias, für die Live-Eindrücke!

Du warst weder in Grañon, noch bei José Luis in Tosantos??? Kaum zu glauben....

Aber dann kann ich Dich nur ermutigen, in San Anton zu halten!
Und in San Nicolas natürlich....

Wie Ihr das mit der Hitze macht, ist mir völlig schleierhaft. Der Tipp, nachts zu laufen, na gut, aber darf man denn am Morgen schon in die Herbergen? Und wie aufgeheizt sind die? Kann man da schlafen tagsüber?

Mir ist ja schon ab 18 Grad zu heiß zum Rucksack schleppen :lol: Meine Wohlfühltemperatur zum Laufen liegt bei 12 Grad.

Ein kleiner Tipp: Klatschnasse Klamotten halten eine Weile kühl.

Hab eine gute Zeit und ich freue mich auf weitere Eindrücke aus dem Glutofen 🥵!

P.s. im nächsten Riopico, wenige Kilometer weiter, ist eine fast identisch ausgestattete, aber deutlich nettere Herberge (als Info für Mitleser).
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Bernie
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Bernie »

Schön, daß die Spanier wieder zur Normalität zurückkehren. Die sind schlauer als die Germanen, die trotz (oder wegen) aller Maßnahmen und Impferei Höchstzahlen in der Inzidenz und im Krankenstand vorweisen müssen..... ;)
Immerhin kann ich so langsam - nach meinem ersten und bisher einzigen Camino (Portugues) im Juli 2019 - wieder einmal zumindest darüber nachdenken....

Bei solchen Temperaturen muß man für reichlich Flüssigkeit und Mineralsalze sorgen. Und sich gelegentlich mit Wasser zu übergießen macht viel aus. Und weil der Körper je Zeiteinheit nur eine bestimmte Menge Flüssigkeit aufnehmen kann, sollte man häufiger kleine Mengen trinken.
Wer schnell Sonnenbrand bekommt, ist übrigens mit leichter Bekleidung und langen Ärmeln und Hosenbeinen besser bedient als mit Sonnencreme. Einerseits ist so eine Lotion reichlich Gewicht im Rucksack, andererseits verursachen Öle und Fette auf der Haut einen Hitzestau.
Auf der zweiten Etappe des Portugues 7/2019 hatte ich nicht nur die längste Distanz mit 43 km, sondern auch eine Höchsttemperatur von 36 Grad. Wo wir hier am Niederrhein zu diesem Zeitpunkt stolze 40 Grad hatten. Dabei habe ich meinen Rucksack (Osprey Stratos) lieben gelernt, hat er doch ein Gestell und Netzgewebe im Rücken. Das möchte ich nicht mehr missen, auch wenn es leichtere Rucksäcke gibt.
Aber morgens um 4 Uhr loslaufen?
Nee!
Der früheste Zeitpunkt war 5:15 Uhr. Und da war es noch dunkel und ging ein Stück durch den Wald.
Und Dunkelheit mag ich nun wirklich nicht.
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Pilgerbär
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Pilgerbär »

Erstmal Glückwunsch zum Erfolgreichen Abschluss. Möge unser Herr dein Wirken stets wohlwollend begleiten.

Von einem Hospilatero habe ich den Tipp bekommen, alle 15 -20 Minuten einen Schluck Wasser zu trinken. War ein guter Hinweis. Ansonsten sei einfach vorsichtig, höre auf deinen Körper und pass auf dich auf .

Dir einen guten Weg!
Ultreya, euer Pilgerbär
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Matt Merchant
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Matt Merchant »

Simsim hat geschrieben: 30. Jul 2022, 22:09 Du warst weder in Grañon, noch bei José Luis in Tosantos??? Kaum zu glauben....
Du hast natürlich Recht; ich bin zweier sträflicher Unterlassungssünden überführt… :?
Wobei: In Grañon habe ich eine intensive runde Pausenstunde auf meiner geliebten Kirchenempore verbracht… Und für die 42 km nach Tosantos fehlte am zweiten Tag schlichtweg die Energie, nachdem ich bereits auf allen Vieren in Belorado ankroch…
Allerdings mag ich es auch, Etappen und Herbergen bewusst zu variieren, um nicht in die ‚Remake-Falle‘ zu tappen…

Heute übrigens noch keine Hitze, sondern kühlender Wind. Ließ mich prompt 42 km aus der Hüfte schießen…
So schalte ich den Handy-Suchtknochen jetzt mal aus und widme mich dem neuen baumlosen Spirit von San Bol (ohne zugedröhnte Hospitalero-Hippies mit deren Alkohol- und Sex-Eskapaden wie anno 2007. Hier kocht jetzt ein liebes älteres Ehepaar, Persons of Color; 180 Grad anders als damals… Uff.)
"Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch." (Rut 1,16)
Camping_Camino
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Re: Hitze-Camino im Selbstversuch - Matt ist auf dem Francés

Beitrag von Camping_Camino »

Viel Spaß beim Sommer-Francés!

Ich bin da derzeit auch unterwegs. Finde die Hitze eigentlich nicht so schlimm, aber bin ja auch schon länger durch diverse Hitzewellen unterwegs und mache momentan auch eher kurze Tage. Wichtig ist nicht nur aufs Wasser zu achten, sondern auch auf die Elektrolyte. Kann man kleine Tütchen oder Brausetabletten in der Apotheke kaufen. Nüsse, Trockenfrüchte, Obst, salzige Snacks ect. tun es aber auch.

Ich erlebe den Weg momentan als ziemlich leer. Manche Herbergen haben kurzfristig zugemacht weil sie keine Reservierungen hatten. Wenn doch mal eine voll ist, hat die nebenan noch massig Platz. Kaum einer reserviert.

Ich habe interessanter Weise bislang nur sehr wenige Koreaner gesehen dieses Jahr, aber Unmengen an Italienern und auch recht viele Franzosen. Letztere sind ja sonst in Spanien eher nicht so oft anzutreffen und bleiben eher im Heimatland. Scheinen etwas unterschiedliche "Wellen" zu sein offenbar!

Buen Camino :-)
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