Die Macht der Worte und die Gefahr der Schubladen

Allgemeine Diskussionen zur Pilgerei und ihrer Geschichte
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Pinie
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Die Macht der Worte und die Gefahr der Schubladen

Beitrag von Pinie » 28. Mär 2020, 08:01

Liebe Freunde des Pilgerforums,
Frau Holle hat gestern einen Thread geschlossen...und das ist gut so.
Ohne die dort angesprochene Thematik erneut aufgreifen zu wollen,hat mich erschrocken,welche Macht bestimmte Worte auf mich ausüben...auf mich,der ich meinen eigenen Blick auf die Welt habe.Geprägt von meinen Empfindungen und Gefühlen,meinen Erfahrungen und auch meiner Verletzlichkeit.
Bestimmte Worte,insbesondere ,wenn mit Vehemenz wiederholt,triggern mich,rufen den Willen zu Widerspruch hervor,ja teilweise sogar Wut....und Wut lässt mich leicht Schubladen öffnen,in die ich meinen „Meinungsgegner“ einsortiere,ohne ihn überhaupt tatsächlich zu kennen.
Wörter können scharfe Schwerter sein.Sie können tiefe Verletzungen hervorrufen,sofern ich mich aufgrund innerer Stärke (nicht aufgrund subjektiver Überlegenheit) nicht von davon distanzieren kann.Wörter können zum massiven Kontern reizen...der Weg zum Konfklikt ist geebnet, zumal die Versuchung, dem ersten Impuls zu folgen,oftmals groß ist.
Ich mag den Austausch im Forum.Bereits im“alten Forum“ habe ich wertvolle Unterstützung,Hilfe und positive Anregung erfahren.
Ich möcht diesen Austausch nicht verlieren.Deshalb meine BITTE an euch,dann,wenn die Emotionen hoch kochen,einmal einen Schritt von der Thematik Abstand zu nehmen,die eigenen Worte zu reflektieren und versuchen,die positive Absicht oder auch die Ängste der anderen zuerkennen,welche diesen so handeln lässt,wie er es gerade tut.
Es ist so schwer, verschlossene Schubladen wiederzu öffen !

BC Pinie

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Backgammon
Beiträge: 76
Registriert: 16. Jul 2019, 17:18

Re: Die Macht der Worte und die Gefahr der Schubladen

Beitrag von Backgammon » 28. Mär 2020, 12:15

Weise Worte.

Daumen ganz hoch.

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Marcel17
Beiträge: 37
Registriert: 27. Jul 2019, 18:24

Re: Die Macht der Worte und die Gefahr der Schubladen

Beitrag von Marcel17 » 28. Mär 2020, 20:08

Liebe Pinie,

Danke für die Worte!

In manchen Threads, besonders zur aktuellen Lage kochen hier die Emotionen bei einigen derart hoch, dass sie vergessen, welchen Schaden das geschriebene Wort anrichtet.
"Die Gefahr der Schubladen" - du hättest es nicht besser treffen können.

Meine bitte an diejenigen, die sich hier im Wort nicht beherrschen können: Eine Nacht darüber schlafen hilft.

Leider kann man hier keine Likes vergeben. Pinie, Du hättest heute zwei auf den Beitrag bekommen.

BC
Marcel
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Wer das Ziel kennt, findet einen Weg ...

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Iris
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Re: Die Macht der Worte und die Gefahr der Schubladen

Beitrag von Iris » 28. Mär 2020, 20:27

Hallo zusammen,

der geschlossene Thread ist mir sehr nachgegangen.

Und hat heute endlich dazu gefuehrt, dass ich mal den Tippelbruder, Penner, Schmarozer ???? in unserem Park angesprochen habe. Ich glaube der hat sich sehr gefreut, dass wir ein Weilchen miteinander geredet haben. Gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden, angesprochen zu werden das hat mir so gut getan auf meinem Pilgerweg im Herbst. Das jemand ein bisschen Anteil nimmt an meinem Leben, meinem Weg. Ein Laecheln in Richtung des Hundes, ein froehlich gegroeltes Buen Camino vom vorbeizischenden Radfahrer, einen liebevollen Salat nur fuer mich ausserhalb der Kuechenzeiten, die Frage eines Pfarrers im Kloster, wie geht es Dir auf dem Weg, ein Apotheker der ernsthaft besorgt meinen Sonnebrand im November angeschaut hat ..... .
Und siehe da, der Mann war nicht betrunken, hat nicht gebettelt und als ich ihn gefragt habe, ob ich ihm morgen etwas mitbringen soll, hat er gesagt Papier. In diesen wahnsinnigen Coronazeiten habe ich "natuerlich" gleich an Klopapier gedacht. Er ist in den 1990 aus Jugoslawien geflohen und staatenlos. Er meinte Ausweisdokumente. Die Fledermaeuse zerfressen seine Plastiktueten, wenn er nachts auf der Parkbank schlaeft. Auch da wollte er keine neuen. Es gibt eine Anlaufstelle fuer Migration in Ostbelgien, die auch juristischen Rat anbieten. Da werde ich mich mal erkundigen. Klar, da haette er sich auch schon seit 30 Jahren drum kuemmern koennen -hat er wahrscheinlich auch gemacht, das ist aber nicht einfach-. Aber weiss ich was ihm wiederfahren ist, weiss ich welchen Weg er seit damals gegangen ist? Mich haben auch einige Worte getriggert, wieder ein bisschen wachgeruettelt, ein ganz klein wenig besser die Menschen um mich herum zu sehen und ein ganz klein wenig zu versuchen der Hueter meines Bruders zu sein. Und wenn mein netter Mitmensch aus dem Park und ich nur hin und wieder ein Schwaetzchen halten.

Und erschreckt hat mich die Angst vor Corona, die ich aus einigen Beitraegen herausgelesen habe. Und was sie macht mit Menschen. Wenn ich das Weltgeschehen einigermassen richtig mitbekomme, versuchen doch alle gerade verzweifelt einen Weg zu finden solidarisch zu sein mit den besonders gefaehrdeten aelteren und vorerkrankten Menschen. Viele Laender machen dicht, um zum Schutze dieser Gruppen eine zu rasche Ausbreitung zu verhindern. Und keiner schaltet leichtfertig einfach Maschinen ab und laesst Menschen verekken. Jedenfalls nicht in den meisten Laendern in Mitteleuropa. Ja das Alles macht Angst und Sorge und einen guten Rat gibt es nicht.

Aber ich glaube fest daran, dass es nicht einfacher wird, wenn wir mit dem Finger auf Andere zeigen. Bei sich selber bleiben hat auch mir heute wieder geholfen. Die eigenen Versaumnisse anschauen und ueberwinden. Mal oefter mit dem Tippelbruder um die Ecke reden.

Noch ein letzter Gedanke zu Schluss: ich tausche mich zur Zeit taeglich aus mit einer Freundin, die mich auch auf meinem Pilgerweg per whatsapp begleitet hat. Wir Pilgern gerade gemeinsam in aehnlichen Familienkostelationen durch diese Coronazeit. Nur fuer heute und vom Morgen zum Abend. Um mehr muss ich mich heute nicht kuemmern. Und trotz aller Sorge ist so viel Schoenes da. Ich merke erst jetzt und eigentlich immer staerker wie unfassbar wertvoll meine 4 Wochen alleine auf dem Ignatiusweg waren. Danke, dass einige von euch mitgeholfen haben, dass dieser Weg gelungen ist und ich nicht verloren gegangen bin.

Und obwohl ich dachte ich bin fertig mit dem Thema Pilgern, bleibe ich immer wieder hier im Forum haengen und habe Sehnsucht mich irgendwann noch einmal auf einen Weg zu machen.

Passt auf euch auf und seid behuetet, Iris

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