Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Allgemeine Diskussionen zur Pilgerei und ihrer Geschichte
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Matt Merchant
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Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Matt Merchant » 9. Jan 2021, 12:13

Liebe Forums-FreundInnen,

bitte erlaubt mir, ein sehr sensibles, aber in meinen Augen wichtiges Gesprächsthema anzuschneiden: die Frage nach Tod und auch Bestattung in unserer PilgerInnen-Kultur. Als Theologiestudent sind Tod, Sterben und Abschiednahme meine aktuellen Semesterschwerpunkte und ich werde in der kommenden Woche in meiner Studiengruppe ein Impuls-Referat über Abschiedsriten halten.

Bei der Vorbereitung dazu musste ich oft an unsere PilgerInnen-Mentalität denken: denn der Jakobsweg ist doch kaum ohne Todes-Symbolik denkbar. So bewegen wir uns Schritt für Schritt zu einem (Apostel-)Grab - und dann weiter zur Costa da Morte. Esoterisch orientierte MitpilgerInnen wiederum erläuterten mir einst, der Weg bis Burgos stehe symbolisch für das alte Leben, die Meseta für den Tod und der Weg hinter Léon für das neue Leben...
Nicht zuletzt wird manchen Menschen der Film 'The Way' inspiriert haben, mit seinem berührenden Bestattungsritual, das in Muxía endet. Nicht weniger als zwei PilgerInnen traf ich auf meinen Wegen, die mit der Asche ihrer Eltern bzw. LebensgefährtIn unterwegs waren.

So komme ich zu meiner Frage, im Grunde sind es derer zwei: In welchem Bezug steht der Jakobsweg für Euch persönlich zum Thema Tod und Sterben? Und, konkreter: Wie sieht es bei uns PilgerInnen mit dem Wunsch aus, in Finisterre oder Muxía dem Meer übergeben zu werden; hat jemand von Euch womöglich diesen letzten Willen?

Es handelt sich um ein empfindliches Thema - und im letzten Jahr durften wir an manchem Schicksal von ForumskollegInnen teilhaben, die ihre Erfahrungen und Schmerzen von zwischenmenschlichen Verlusten mit uns teilen. Dafür bin ich sehr dankbar. Zugleich empfinde ich, dass der Tod aus unserer modernen Gesellschaft und unserer Diskussionskultur oft veschwunden ist. Daher wage ich den Versuch, dieses Thema hier offen anzusprechen, und würde mich über eine rege, vertrauliche und pietätvolle Diskussion sehr freuen.

Liebe Grüße,
Matthias
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Pater Norbert
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Pater Norbert » 9. Jan 2021, 13:54

Hallo Matthias,

im Jahr 2019 ging es uns sicher auch darum. Unsere Gruppe hatte 2018 ein Kreuz einer schwerkranken Frau übergeben bekommen, um es für sie nach Santiago zu bringen. Als wir dann 2019 auf dem Norte mit dem Kreuz aufbrachen, wussten wir schon von ihrem Tod.
Zwei Tage vor der Ankunft in Santiago besuchte uns ihr Ehemann und erzählte aus dem Leben seiner Frau, aus ihrer "Krankheitskarriere" und was es mit dem Kreuz auf sich hatte, das sie uns übergeben hatte.
Am Monte do Gozo erwartete er uns dann und ist mit uns die letzten Kilometer gegangen.

Den Begriff der Costa della Muerte gibt es aus zwei Gründen:
* Es gab ein Tankerunglück, das viel an Natur zerstört hat
* Es gab viele Schiffsunglücke mit verunglückten Menschen.

Zu deinem Gedanken des Todes und der Küste passt dann für mich eher das unterschiedliche Muster der Aran Pullover. Aran Islands ist eine Insel in der irischen See. Die Bewohner lebten auch vom Fischfang. Mancher Fischer ging bei entsprechendem Seegang über Bord und wurde manchmal auch erst spät an Land gespült. Dann wussten die Menschen aufgrund des Musters und der Farbe seines Pullovers, zu welcher Familie er gehörte.
Wer pilgert, wird von einem Virus infiziert, das nicht vergeht.

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Simsim » 9. Jan 2021, 16:17

Lieber Matthias,

ein sehr interessantes Thema, finde ich.

Ich kann nur sagen, dass ich mir sowohl beim Pilgern als auch sonst sehr oft die Frage stelle:"wenn ich wüsste dass ich sehr bald sterbe, würde ich dann tun, was ich gerade tu?
Was ist unbedingt vorher noch abzuschließen? Wen würde ich sehen oder bei mir haben wollen?"

Auch den Tod an sich stelle ich mir oft vor, schon als Kind tat ich das.
Ich sah einige Menschen in ihren gestorbenen Körpern, habe einen Freund auf dem Weg bis zur Schwelle begleitet, ein Mensch starb in meinen Armen ganz plötzlich auf einem Spaziergang an Herzversagen.

Der Tod.....ich empfinde ihn nicht als einfach nur akzeptabel und natürlich...finde es schwer und sehr beunruhigend, ihn hinzunehmen. Aber in Gegenwart von Gestorbenen ist da immer so ein tiefer, sehr wundersamer Friede.

Rituale sind wichtig für uns, geben dem Unbegreiflichen Form und Namen, wie wir es auch mit Gott tun, wenn wir religiös sind.

Was mit meinem Körper geschieht, wenn ich gestorben bin, spielt keine große Rolle in meinem Denken. Gefallen tun mir die namenlosen Kreuze in den meisten Klöstern.

Mit dem Camino ist es umgekehrt. Ich werde euch anvertrauen was ich fühle:
Im Februar/Anfang März 2020 war ich auf der via de la Plata. Und nach vielen vielen Monaten in 10 Jahren auf den Wegen, hatte ich den Eindruck, der Weg verabschiedet sich von mir, für immer.
Ich machte an dem Abend ein kleines Ritual unter einem phantastischen Abendhimmel in allen Farben, in der Weite der Extremadura. Die Tränen strömten. Ich "wusste" etwas ist für immer zu Ende.....

Ja, ich glaube der Camino wird nie wieder sein, was er mal war. So viel wird sich stark verändern in der kommenden Zeit. Das kann man sich noch gar nicht vorstellen.
Aber das nur am Rande....

Herzlich grüßt Simone

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Pooh_der_baer » 10. Jan 2021, 08:42

Hallo Matthias,

meine Antwort hat mit deiner Frage indirekt zu tun.
Im Kassel gibt es ein Museum über Bestattungskulturen. www.sepulkralmuseum.de
Vielleicht findest du dort Infos Pilgern und Bestattung, jetzt hoffentlich im Internet.
Es gibt verschiedene Kulturen, in denen Menschen versuchen zu heiligen Stätten zu pilgern um dort zu sterben.
Wer sich nicht erinnert, den bestraft die Zukunft.

tsetse
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von tsetse » 10. Jan 2021, 10:23

Hallo Matthias,

das ist ein gutes Thema. Ja, die Endlichkeit des Lebens und die Frage, was danach kommt, gehören untrennbar zum Pilgern dazu.

Santiago, Finistere, Muxia haben mir bereits zu Lebzeiten viel gegeben. Ich habe keine Sehnsucht, als Tote dorthin zurückzukehren.

Trotzdem hat mir das Pilgern die Antwort auf eine Frage gebracht, die ich eigentlich noch gar nicht gestellt hatte, nämlich wo und wie ich beerdigt sein möchte. Meine Pilgerwege führten mich mehrmals durch Friedwälder oder an ihnen vorbei. Das erste Mal war es auf der Via Scandinavica kurz hinter Grömitz, und ich war ehrlich erschrocken und hätte gerne einen Weg außenrum genommen. Den gab es aber nicht. Zum Glück.
Das Waldstück war so licht und sanft und friedlich, es lag ein ganz besonderer Zauber über dem Versammlungsplatz auf der Klippe mit Blick übers Meer, und auf den breiten, sonnigen Wegen. Da wusste ich, dass ich an so einem Ort begraben sein möchte. Nein, nicht hoch im Norden :) , auch in Süddeutschland gibt es tolle Wälder.

Bisher kenne ich nur traditionelle christliche Begräbnisse. Und ohne das Pilgern hätte ich vielleicht nie die Offenheit gehabt, mich mit anderen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Für meine Angehörigen wird es die jahrelange Lust und Last der Grabpflege nicht geben. Wer einen Ort des Gedenkens sucht, kann zu "meinem" Baum kommen. Den Rest regelt die Natur. Das ist für mich ein wunderbar befreiender, fröhlich stimmender Gedanke.

Allzeit buen camino
Christine

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Frau Holle » 10. Jan 2021, 11:31

tsetse hat geschrieben:
10. Jan 2021, 10:23

Meine Pilgerwege führten mich mehrmals durch Friedwälder oder an ihnen vorbei. Das erste Mal war es auf der Via Scandinavica kurz hinter Grömitz, und ich war ehrlich erschrocken und hätte gerne einen Weg außenrum genommen. Den gab es aber nicht. Zum Glück.
Das Waldstück war so licht und sanft und friedlich, es lag ein ganz besonderer Zauber über dem Versammlungsplatz auf der Klippe mit Blick übers Meer, und auf den breiten, sonnigen Wegen. Da wusste ich, dass ich an so einem Ort begraben sein möchte. Nein, nicht hoch im Norden :) , auch in Süddeutschland gibt es tolle Wälder.
Da bist du durch "meinen Ruheforst" gelaufen 🙂
(Einen Weg außenherum gibt es zwar, aber das wäre auch ein ziemlicher Umweg gewesen)

Du bist vorher am Campingplatz in Bliesdorf vorbeigepilgert, auf dem wir Dauercamper waren. Ich habe also gefühlt meine halbe Kindheit dort verbracht und der Wald hieß immer nur "der große Wald" und ich kenne ich ihn sehr gut. Als er 2008 zum Ruheforst wurde habe ich auch zum ersten Mal davon gehört und gleich beschlossen, dass ich dort (nach aktuellem Stand) meine letzte Ruhe finden möchte.
Dort muss niemand ein Grab pflegen und wenn mich jemand besuchen möchte dann macht er gleich noch einen Spaziergang durch einen tollen Wald an der Ostseeküste. Den Gedanken finde ich richtig schön.
Juhuu, das Forum ist wieder da!

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Uti » 10. Jan 2021, 11:39

Vielen Dank für deinen Beitrag Matthias, finde es ebenfalls ein interessantes Thema.

Ich selber hatte noch nie Probleme damit, mich mit dem Thema Tod und auch meinem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Er macht mir grundsätzlich keine Angst, allenfalls die Frage, ob und wie meine Angehörigen danach zurecht kommen und es ihnen gut geht.

Über deine Frage, in welchem Bezug der Jakobsweg für mich persönlich zum Thema Tod und Sterben steht, musste ich ehrlich gesagt selber erst einmal nachdenken. Ich glaube eigentlich nicht in einer Direkten, da für mich immer irgendwie eher Aufbruch und etwas neues im Vordergrund steht. Aber natürlich beschäftigt man sich (zumindest ich), beim Pilgern mit allen möglichen Sinnfragen des Lebens und Sterbens, somit ist das Thema Tod, sei es von geliebten Menschen, aber auch mein eigener Tod, dort schon auf etlichen Kilometern Teil meiner Gedanken gewesen.
Den Gedanken, den Weg in drei Phasen (altes Leben, Tod, neues Leben) einzuteilen, finde ich irgendwie schön, besonders für den ersten Pilgerweg. Auch wenn das sicher nicht für jeden so zutrifft.

Bei der Frage, ob ich gerne in Finisterre oder Muxia meine letzte Ruhestätte finden möchte, bin ich ganz bei simsim. Mir persönlich ist es ziemlich egal, was nach meinem Tod mit meinen sterblichen Überresten passiert. Ich glaube nicht, dass das dann noch eine Rolle für mich spielt. Das Bestattungsritual, in welcher Form auch immer, ist für mich eher für die Angehörigen da.Ich wünsche mir, dass meine Angehörigen mit dem, was sie auswählen, für sich einen guten Weg des Abschieds finden. Und wenn es Ihnen gefällt, meine Asche in Finisterre ins Meer zu streuen, dürfen Sie das gerne tun.

Die von Christine erwähnten Friedwälder finde ich übrigens auch wirklich schön. Wir haben vor einigen Jahren meine Schwiegermutter auf ihren Wunsch in so einem Wald beigesetzt und es war eine sehr schöne Trauerfeier dort mitten im Wald. Gehe dort viel lieber hin zum Baum, als auf einen normalen Friedhof.
Jedes Gehen auf unvertrauten Wegen ist eine Reise ins Vertrauen.

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Superfrauandrea » 10. Jan 2021, 13:08

eure Antworten habe ich sehr gerne gelesen und bin etwas nachdenklich geworden.
Danke für eure Inputs....... das gibt mir Grund darüber nachzudenken.
BC Andrea

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Pater Norbert
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Pater Norbert » 10. Jan 2021, 13:13

Meine Ruhestätte wird der Klosterfriedhof sein.
Lange dachte ich Freiburg, jetzt ist es Essen.

Wo ich dann bin, wird sich zeigen.

Ich weiß nur, welche Stola ich im Sarg tragen werde.
Wer pilgert, wird von einem Virus infiziert, das nicht vergeht.

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Pooh_der_baer » 10. Jan 2021, 13:27

Hallo,

hier in Frankfurt kann man auf öffentlichen Friedhöfen verschiedene Weise beerdigt werden.
a) das wohlbekannte Saarggrab
b) ein Urnengrab mit Stein
c) anonymes Urnen auf einem Grabfeld
d) Trauerwald nicht zu verwechseln mit Friedwald
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donjohannes
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von donjohannes » 10. Jan 2021, 14:34

Bei mir wird es hoffentlich ein christliches Begräbnis sein (auch wenn ich noch nicht weiß, mit welchem Messgewand). Bestattungskultur ist zwar immer ein bisschen im Wandel, aber der Friedhof als Ort des Gebetes, als liturgisches Ziel von Prozessionen (Allerseelen), als geweihter "Gottesacker" wo der Christ, der ja an die Auferstehung des Leibes glaubt, auf die selbe harrt, hat schon etwas sehr schönes - besonders schön, wenn der Friedhof noch um die Kirche ist (wie ja in Österreich seit dem Josephinismus nur mehr selten). So war es an meiner ersten Pfarrstelle. Dann versieht man auch vom Grabe her noch für die Lebenden und Kirchbesucher einen kleinen Dienst als memento mori (Eram quod es, eris quod sum: Ich war, was du bist und du wirst sein was ich bin). Denn der Tod scheint mir ohnehin schon zu weit aus dem Leben verdrängt. Es muss zwar vielleicht nicht ganz so barock zugehen wie bei den Kapuzinern in Palermo, aber ich denke Bruder Tod (hl. Franziskus - auf Italienisch natürlich Schwester Tod), vor dem wir alle gleich sind, sollte sichtbar in unserer Mitte bleiben. Es würde den Christen vielleicht helfen "gut" zu sterben.

Aus dem Sonnengesang von Franziskus (jene Strophe die Franziskus kurz vor seinem Tod gedichtet hat und in seiner eigenen Todesstunde von ein paar Brüdern singen ließ - so Celano):
Laudato si' mi' Signore per sora nostra morte corporale,
da la quale nullu homo vivente pò scappare:
guai a quelli che morrano ne le peccata mortali;
beati quelli che trovarà ne le tue santissime voluntati,
ka la morte secunda no 'l farrà male.

Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Habe unlängst das neue Buch von Nicolas Diat dazu gelesen "Heimkehr - Die letzten Tage im Leben der Mönche" (finde den franz. Originaltitel aber fast schöner: Un temps pour mourir). Ungeschönt und (doch) berührend. Es erinnert indirekt, warum man einst Werke über die ars moriendi (die Kunst zu sterben) geschrieben hat.
Österreich -Santiago 1998
Liechtenstein - Jerusalem und zurück 2013-14 (http://www.4kmh.com/neo)
Triest - Cannes (Via Alpina Sacra) 2018 ( http://www.4kmh.com/vas )
Aktuell: Erde - Himmel (Hindernislauf): begonnen 1978 - Ziel noch in weiter Ferne

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Matt Merchant
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Matt Merchant » 12. Jan 2021, 13:55

Liebe MitpilgerInnen,

habt meinen größten Dank für diese ausführlichen, offenen und so verschiedenartigen Stellungnahmen und auch Vertraulichkeiten, die mich sowohl hier im Form um als auch via PN erreichen. Diesen ehrlichen und unverkrampften Umgang mit unserer Vergänglichkeit finde ich einfach schön, ermutigend und im eigentlichen Sinne lebensbejahend.

Die Friedwaldkultur, wie sie Birte und Christine so wunderbar schildern, scheint in der Tat ein Trend zu sein, der Tradition, Innovation und tatsächlich auch Pilger-Attitüde sehr nahe kommt. Auch auf dem Lahn-Camino, zwischen Runkel und Limburg, führt der Camino durch einen solchen hindurch. Zugleich höre ich manch etablierte PfarrerInnen seufzen, da sich der Erfolg solcher alternativen Bestattungspraktiken darin niederschlägt, dass die Friedhöfe nicht mehr ausgelastet sind, mithin den Kirchen bzw. Kommunen eine bislang konstante Einnahmequelle wegbricht. Manche klugen Träger der Friedhöfe beginnen bereits umzudenken, sich den innovativen Trends anzuschließen und beispielsweise auch in Friedwälder zu investieren und die Friedhöfe umzugestalten... Da ist sicher vieles im Wandel.

Bezeichnenderweise hat bislang noch kaum jemand hier den Wunsch formuliert, seine irdische Pilgerreise tatsächlich mit einer Bestattung in Finisterre oder Muxía beenden zu wollen. Ich selbst gebe zu, dass mir dieser Gedanke in mancher Stunde, sozusagen im Halbschlaf, sympathisch erscheint:
Eigentlich liegt mir der Gedanke an eine klassische Erdbestattung näher; ich bin Ritualmensch und die uralte Tradition, auf dem letzen Weg meines Körpers getragen und von FreundInnen und Verwandten begleitet zu werden, womöglich gekleidet in den Talar, den ich mir in diesem Jahr schneidern lasse, finde ich einfach wunderschön: Man geht Milionen Wege im Leben - und auf den letzten Metern wir man geleitet, im wahrsten Sinne 'getragen'...
Und doch, manchmal juckt es mich: Wie wäre es wohl, in mein Testament zu schreiben: 'Ihr Lieben, haltet Euch fest: bitte plündert mein Sterbegeldkonto und fliegt gemeinsam nach Muxía; dort kauft ihr im Tante-Emma-Laden fünf Flaschen Bierzo sowie zwei Kisten San Miguel, streut mich abends in den Atlantik, trinkt die Vorräte leer und singt gemeinsam 'Ultreia' in den Sonnenuntergang.'
So wird es gewiss nicht sein - aber der Romantiker in mir findet den Gedanken irgendwie schön... Zumal Galicien mit seinen morbiden Friedhöfen, den schroffen Wetterwechseln sowie seiner knorrigen Vegetation mir immer wie ein verzaubertes Totenreich vorkam...

Nun denn - lebenslustige Grüße von
Matthias (der, so Gott es will, hoffentlich noch eine ganze Weile auf dieser schönen Welt pilgern darf!)
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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Hobbypilger » 13. Jan 2021, 13:20

Matt Merchant hat geschrieben:
12. Jan 2021, 13:55


Bezeichnenderweise hat bislang noch kaum jemand hier den Wunsch formuliert, seine irdische Pilgerreise tatsächlich mit einer Bestattung in Finisterre oder Muxía beenden zu wollen.
Hallo Mat Merchant,

wäre es nicht besser sich mit seinen Angehörigen bzw. Nächsten zu besprechen und sie zu bitten ihre Wünsche zu äußern.

Ist man gläubig, geht es einem nach dem Tod doch gut, ist man nicht gläubig sind die Umstände eher für die Angehörigen zu bedenken.

Ich unternehme mit Nahestehenden lieber zu meiner und deren Lebenszeit etwas gemeinsam.

Oder meinst du Pharaonen die sich Pyramiden bauen ließen hatten Vorteile nach ihrem Tod?

Sorry für mein so nüchternes Denken.

Ciao
Detlef
Sept. 2018 Camino Francés (SJPdP - Santiago)
März 2020 Camino del Norte (Bilbao - Santander, Abbruch wegen fehlender Übernachtungsmöglichkeiten bis Santiago)

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von CyrusField » 13. Jan 2021, 14:05

Matt Merchant hat geschrieben:
12. Jan 2021, 13:55
Bezeichnenderweise hat bislang noch kaum jemand hier den Wunsch formuliert, seine irdische Pilgerreise tatsächlich mit einer Bestattung in Finisterre oder Muxía beenden zu wollen.
Da das Thema Tod bei mir in der Familie leider im Moment nur allzu aktuell ist, habe ich in den vergangenen Tagen mehr als mir lieb ist über dieses Thema nachgedacht.

So sehr Finisterre oder Muxia Sehnsuchtsorte sind, so möchte ich doch - wenn es denn eines (hoffentlich) fernen Tages bei mir so weit ist - in meiner Heimat begraben werden.

Mein Vater liegt derzeit im Sterben. Wir wissen von ihm, dass er in jedem Fall anonym beerdigt werden möchte, diesen Wunsch werden wir ihm natürlich erfüllen. Auch wenn es ein anonymes Grab sein wird, so weiß die Familie aber dennoch, an welchem Ort er bestattet ist. Gerade im Fall einer Baum- oder Waldbestattung finde ich es tröstlich, dass die Verstorbenen Teil der Natur um einen herum sind, wenn man diesen Ort besucht - und dieser Ort ist dann eben nicht 1.000 km weit weg, sondern in der Gegend verankert, wo man Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen hat(te), die so sie denn wollen auch spontan an diesen Ort kommen können.

Zu der Zeit, als meine Großeltern innerhalb von wenigen Jahren verstorben sind, fand ich die Idee einer anonymen Bestattung irgendwie befremdlich. Als Kind gab es bei uns nur (Familien-)Grab plus Grabstein. Eine Einäscherung war da schon die Ausnahme. Aber mit einigem zeitlichen Abstand habe ich festgestellt, dass ein Grabstein, eine Stele oder eine Plakette auf einem Friedhof mir persönlich nichts geben, meinen Verwandten geht es da ähnlich.

Also anonym in jedem Fall. Ob Urne oder verstreut wäre mir ziemlich egal. Aber es sollte in der Nähe meiner Wurzeln sein. Auf dass ich Teil dieser Wurzeln werde.


Nachdenkliche Grüße
Stefan
Harrison Ford hat den verlorenen Schatz gejagt,
Michael Douglas den grünen Diamanten und das Juwel vom Nil,
Wallace und Gromit das Riesenkaninchen.
...und ich jage die gelbe Muschel. :geek:

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Re: Letzte Ruhe am Ende der Welt... - Tod und Bestattung in der PilgerInnenkultur

Beitrag von Matt Merchant » 13. Jan 2021, 17:08

Lieber Detlef,
hab' Dank für Deine ehrliche Argumentation; sie tendiert ja in eine ähnliche Richtung wie die von Simone und Uti geäußerten Gedanken, dass das Ich nach dem Tod gewiss keine solchen irdischen Sorgen mehr haben wird... Das glaube und hoffe ich auch (wobei ich übrigens dieser Tage gelesen habe, dass nach islamischem Glauben auch die Seele des Verstorbenen bis zum Jüngsten Tag im Grab ausharren müsse - was dazu führt, dass die Begräbnisrituale der muslimischen Welt sehr sorgfältig, detailverliebt und sakral sind... Dies nur als Nebengedanke).
Ich selbst finde den Gedanken einfach sehr tröstlich, im Idealfall zu meinem irdischen Ende hin meine Belange sortiert zu haben: so, dass Wirtschaft und Beziehungen wohlgeordnet sind. Dieser 'reine Tisch' ist auch einer der zentralen Ansprüche der mittelalterlichen 'ars moriendi', von der Don Johannes sprach. Da war das finale Ordnen des irdischen Spielfelds ein ganz wichtiges Element zwischen dem Sterbenden und seinen Mitmenschen. Da war, in jener Zeit von Pest und Kriegen, aber der Tod auch noch allgegenwärtig.
Das ist vielleicht auch der Unterschied zu den Pharaonen: Bei der Frage, ob deren aufwändige Bestattungspraxis irgendeinen Vorteil im Jenseits hatte, bin ich ganz bei Dir und würde es natürlich verneinen. Was uns die Ägypter allerdings doch voraus hatten war, dass der Tod bei ihnen Teil des Lebens, Teil des Alltags war und nicht, wie heutzutage, aus dem Leben klammheimlich verschwindet...


Lieber Stefan,
Dir wünsche ich für die bevorstehende Zeit der Abschiednahme alles erdenklich Gute und viel Kraft!
Danke für Deine Offenheit, dies mit uns zu teilen.


Alles Liebe,
Matthias
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