Ruta de la Lana

Weitere Pilgerwege auf der iberischen Halbinsel
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Pilger Franz
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Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 26. Jan 2021, 12:41

Der Wegverlauf von Burgos bis Valencia mit meinen Varianten Bild

In 2018 bin ich die Ruta in zwei Abschnitten von Alicante bis Burgos gelaufen. Dann habe ich mir überlegt, dass es doch spannend sein müsste, die Ruta in der Gegenrichtung zu gehen.
2019 war es dann so weit. Start war Burgos, Ziel Valencia (ein bisschen Abwechslung darf schon sein). Davon möchte ich hier berichten (und diese Pilgerwanderung nochmals nacherleben). Vielleicht macht es dem einen oder der anderen Lust...

Für diese Unternehmung habe ich mir über www.caminodelcid.org Informationen zum Camino del Cid besorgt, sowie den Salvoconducto, das Pendant zum Credencial für Jakobspilger. Das Handbuch (guia, www.encaminodesdealicante.org/otros-cam ... de-la-lana Dieser Führer hat den Stand 2017, die Wegeverläufe dürften noch stimmen, die Unterkünfte weniger, v. a. wegen vieler coronabedingter Schließungen; ob GRONZE das auffangen kann?) zur Ruta samt Dateien und mein Credencial habe ich ohnehin dabei.

Das Gemeinsame: Beide nutzen bereits vorhandene Wanderwege, daher verlaufen sie oft gemeinsam. Zumindest Teile der Ruta (von Burgos bis San Esteban de Gormaz und von Mandayona bis Sigüenza) decken sich mit dem Camino del Cid. Das scheint mir für die Gegenrichtung von Bedeutung, da die Ruta (vermutlich) nicht gesondert markiert ist. Auf die Erinnerung allein möchte ich mich da nicht verlassen...

Der Camino del Cid genießt eine starke staatliche Unterstützung, mit
- einem eigenen Organisationsbüro,
- detaillierten Karten,
- stabilen Wegmarkierungen (Pfosten und Blechschilder),
- Verzeichnissen von Übernachtungsmöglichkeiten und Stempelstellen.
Jeder Stempel wird sorgfältig mit Namen und Nummer des Salvoconducto registriert.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Camino del Cid ein groß angelegtes staatliches Binnen-Tourismusbelebungsprogramm darstellt.
Die Ruta dagegen lebt hauptsächlich von privatem Engagement und kommt viel schmächtiger daher, sichtbar an den oft händischen Wegmarkierungen und den vielen Pilgerherbergen mit teils arg begrenztem Komfort.
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 10. Feb 2021, 17:08, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 27. Jan 2021, 10:00

Anreise: Mittwoch 8. Mai 2019, Freiburg – Hendaye – Burgos

Alles klappt wie am Schnürchen: Früh auf, packen, los zur Bahn. Der TGV ist bei der Abfahrt in Freiburg fast leer, pünktlich, und fährt ohne Umsteigen bis Paris. TGV-Fahren ist für mich immer noch etwas Besonderes: Man sitzt auf dem Oberdeck, hat eine gute Aussicht, gleitet mit ca. 300 h/km fast geräuschlos dahin.

Der TGV nach Paris fährt neuerdings statt über Mulhouse die neue Strecke über Offenburg und Straßburg. Viele grüne und gelbe Felder. In Paris regnet es in Schauern – aber kein Problem für den Fußmarsch bis zur Gare de Montparnasse. Den ärgsten Guss sitze ich eh‘ in einem Café aus.

Unterwegs nach Hendaye erkenne ich etliche Orte und Landschaften wieder – schön. In Hendaye scheint die Sonne. Warten auf den Nachtzug, der diesmal von Hendaye abfährt. Über die Bucht hinweg grüßt der Jaizkibel, Beginn des Camino del Norte. Für den Sitzplatz zahle ich 26€ – eine Ermäßigung für die Tarjeta Dorada gibt es nicht, auch nicht für die Carte Senior+. Der Waggon und die Sitze machen einen abgewetzten Eindruck. Immerhin ist der Barwagen geöffnet.

Schöne Fahrt durch die Gebirgslandschaft, am Jaizkibel und an Pasaia vorbei, wo ich die „Herbergskapelle“ sehe – Erinnerungen an den Camino del Norte. Der Zug schafft sich von Meereshöhe allmählich auf 800 müM hinauf. Herrliche Ausblicke auf viele Berghänge mit blühenden Kirschbäumen, dann tiefgrüne Felder beiderseits der Bahnstrecke. Erst um ½ 10h versinkt die Sonne mit farbenstarkem Abendhimmel.

Ankunft in Burgos, dunkel, kühl und windig ist es beim Warten auf den Bus. Ich spreche ein Pilgerpaar an, das schon im Zug saß, Franzosen aus Lothringen. Sie gehen dann ihrer Wege und fahren mit einem anderen Bus zur Stadt.

An der Plaza España laufe ich vom Bus aus in die falsche Richtung und irre eine Weile in der Gegend umher. Als ich am nächsten Morgen den Weg nochmals laufe, bemerke ich, dass ich einmal an der Calle San Juan mit dem vorbestellten Hotel Jacobeo vorbeigelaufen bin. Naja, nach der langen Zugfahrt ein schöner Spaziergang.

Das Hotel: So ein kleines Zimmer, sogar ohne Tisch und Stuhl, hatte ich schon lange nicht mehr. Dazu Fenster mit Riffelglas. Für eine Nacht wird es aber reichen. Der Pilger-Wagen (s. Foto) wird vom Personal sicher versorgt. Ich trinke noch ein Bier an der Bar und gehe dann zu Bett.
Bild Mein treuer Begleiter: Der Rucksackwagen https://www.wandamigo.de/epages/1776173 ... /Category1
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 28. Jan 2021, 10:58

1. Tag: Donnerstag 9. Mai 2019, Burgos (– Mecerreyes) – Covarrubias, 7 km

Den Vormittag verbringe ich mit Spazierengehen und Wiederentdecken der Stadt, auch des Busbahnhofs, nach einem Jahr. Das Verlaufen gestern Abend erlebe ich nach. Manches habe ich eben nicht mehr parat gehabt! Kühl ist es, sehr viele Pilger laufen herum. Ich bin froh, dass ich schon bald aus dem Getriebe draußen sein werde.

Ich verzichte auf die Ruta entlang der ehem. Bahnstrecke und dem Tunnel und fahre nach Mecerreyes. Der Bus bringt mich um 13h in flotter Fahrt hin. Dann folge ich dem Camino del Cid die Landstraße entlang. Ein bisschen Nieselregen, dann kommt kurz die Sonne raus, es wird wärmer. Angenehmes Laufen, um ½ 4h bin ich in Covarrubias.

Freundlicher Empfang und Einchecken in der Pension Galin am Marktplatz. Ich bekomme dasselbe Zimmer wie vor einem Jahr. Kurz ausruhen, dann Spaziergang zum Stadttor hinaus und kurz auf der mitgebrachten Klarinette gespielt, bis einsetzender Regen mich vertreibt. Die Lust zu spielen kommt offensichtlich wieder.

Abendessen um 21h – so spät? Es wird gut: Trucha de la Plancha (Forelle, ohne „Sättigungsbeilage“), davor Suppe und Brot, danach Flan, Wasser und ein Glas Wein dazu, alles für 12€. Ein angenehm leichtes Abendessen, wie ich später feststelle, als ich im Bett liege.

Fernsehen Chelsea gegen Frankfurt, tolles Spiel! Draußen wird es echt kühl: Ich befinde mich auf der Meseta auf 900 müM! Deshalb entscheide ich mich für den Schlafsack, rutsche später gar unter die Decke. Alles gut so, Hauptsache warm. Nachts höre ich draußen den Regen rauschen…
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 4. Feb 2021, 19:03, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 29. Jan 2021, 13:18

2. Tag: Freitag 10. Mai 2019, Covarrubias – Santo Domingo de Silos, 17 km

Bin früh wach, es regnet, ich höre das Dachkandel plätschern. In einer Regenpause gehe ich raus zum Morgenjog. Danach ein gutes Frühstück alleine in der Bar (heute ist Ruhetag). Los geht es um 9:30h, am Bäcker vorbei für Essbares. Über die Brücke, am Fluss entlang, dann langer Aufstieg auf einem Wirtschaftsweg, der vielleicht eine alte Römerstraße war. Der Himmel ist bedeckt, ab und zu nieselt es leicht. Abstieg nach Retuerta – alles erkenne ich wieder – und Pause. Die Bar Bombi gibt es noch, die große Scheune gegenüber nicht mehr. Die Ruhe-Bank steht nun ganz alleine da.

Weiterer Aufstieg mit Pausen. Teilweise geht es ganz schön steil aufwärts. Es wird wärmer, ich ziehe die lange Sportunterhose aus. Einzelne Schauer. Mit Zeitmanagement und Pausen schaffe ich es gut. Allmählich kommt die Sonne durch die Wolken. Gegen Mittag ist blauer Himmel mit Wolken. Herrlich. Der Wagen läuft gut mit, wenn ich die größeren Steine umfahre. Viele Stellen, nicht alle, erkenne ich auch hier wieder.

In Santo Domingo de Silos komme ich um ½ 5h an, genieße erstmal einen CcL*) und ein Eis. Die Wirtin liest den Alchimist von Coelho, bestaunt den Wagen und nennt mit Jefe. Knorrig ist sie.
Die Albergue in der Calle Santo Domingo Nr. 34 (!), gegenüber der Klostereinfahrt mit den beiden großen Kinderköpfen (s. Foto), öffnet mir der Pater, den ich auch schon vom vergangenen Jahr kenne. Ich richte mich ein, dann gehe ich einkaufen für 2-3 Tage/Wochenende und plane den nächsten Tag: Gehe ich den steilen Aufstieg - von hier aus sichtbar - direkt nach Peñacoba oder gemächlicher über die Landstraße? Oben weiter auf der Landstraße über Marmola oder direkt über den Berg?

Ich sitze mit einem Radler in der Sonne vor der Herberge, später im Klosterpark. Viele Besucher, vor allem ältere Leute, laufen vorbei. Morgen früh bin ich frei von einem festen Frühstückstermin und kann selbst bestimmen, wann ich aufbreche: abwarten, was das Wetter macht.

*) Café con leche
Diese Plastik steht ganz neu hier. Bild
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 30. Jan 2021, 13:22, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 30. Jan 2021, 13:11

3. Tag: Samstag 11. Mai 2019, Santo Domingo de Silos – Huerta de Rey, 22 km

Ich stehe um ½ 8h auf, länger hält es mich nicht. Draußen ist es recht kühl im Schatten der Berge, doch der blaue Himmel kündet Gutes. Ich laufe als Morgenjog runter bis zum Ende der Klostermauer und sehe, dass der Wanderweg von der Straße weg runter zum Bach führt. Ich mache gemütlich mit dem Frühstück und gehe um 9:30h los – nicht den steilen Aufstieg, sondern den Weg am Bach entlang.

Schöner Wiesenweg bis zur Landstraße nahe der Yecla-Schlucht. Den Steig runter und durch die wildromantische Klamm gehe ich mit dem Wagen mal nicht, sondern bleibe auf der Straße durch zwei Tunnel. So schöne Felsen! Hinter den Tunneln sehe ich den Ausstieg aus der Klamm. An der Abzweigung kurz danach mache ich eine Pause unter Bäumen.

Die Straße nach Peñacoba steigt allmählich an – es zieht sich, ist aber sicherlich weniger anstrengend als der direkte Aufstieg mit den felsigen Streckenteilen, dafür +3 km. Peñacoba taucht dann unvermutet auf. Pause am Dorfplatz und die Entscheidung, über den Berg zu gehen. Beide Routen sind je 15 km, da ziehe ich den Berg vor. Der Weg ist zwar, vor allem in den karstigen Abschnitten, mit dem Wagen beschwerlich. Dafür genieße ich die Landschaft!! Höhepunkt ist bei 1.220 müM, da mache ich Mittagspause. Es geht dann lange abwärts durch den Wald. An einer besonders garstigen Stelle mit großen Felsbrocken muss ich den Wagen losmachen und ihn vor mir her den Abhang hinunterlassen. Mit Geduld und Geschick gelingt mir das gut.

Schließlich komme ich auf der Straße kurz vor Pinarejos raus. Pause an der Försterei. Ab da bleibe ich auf der Straße. Der Wagen rollt nun besonders gut. Um ½ 6h bin ich in Huerta de Rey am Casa La Tejera Haus-Nr. 28(!). Der Chef kommt auf meinen Anruf eine Viertelstunde später und schließt mir auf. Ich bin sehr müde, die Höhe, der Berg…

Nach einer kurzen Erholung mache ich mich auf zu einem Spaziergang durch das Städtchen mit Einkauf von Bier und Limo und einem Mandeleis. Wieder zuhause hole ich mir ein Glas und aus dem Kühlschrank Bier und Limo und genieße das angenehme Wetter am Rio Arandillo, auf einer Bank hinter dem Haus. Jugendliche, die am Rio chillen, kommen immer wieder neugierig vorbei. Gestern haben Bier + Limo das Abendessen ersetzt, heute geht das ebenso. Dann TV, duschen, früh zu Bett. Es ist noch lange hell. Das Zimmer geht zur Straße raus, hoffentlich gibt es nachts nicht viel zu hören.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 31. Jan 2021, 11:25

4. Tag: Sonntag 12. Mai 2019, Huerta de Rey – Alcubilla de Avellaneda, 17 km

Sehr gut habe ich geschlafen, als ich um ½ 8h aufwache, von Verkehrslärm keine Spur. Ist halt Wochenende. Wieder kündigt sich herrliches Wetter an, kühl ist es und dabei sonnig. Frühstück gibt es nur aus eigenen Beständen, dann los um 9h. An der nächsten Bar gönne ich mir ein CcL und einen Cigarillo und lasse mir die Stempel ins Credencial und in den El Cid-Pass geben. Beim Losgehen lasse ich meine Sitz- und Liegematte liegen, merke es nach ¼ Stunde, laufe zurück und finde sie unberührt. Glück gehabt! (+ 2 km).

Den Weg nach Quintanarraya kenne ich schon, die Aussicht voraus ist mir neu. So hat der Rück-Weg seinen eigenen Reiz. In Quintanarraya hat die Bar noch geschlossen. Ich rauche den letzten Cigarillo mit Genuss und stelle mich auf ein bis zwei rauchfreie Tage ein. Wird schon gehen.

Mittagspause in Hinojar del Rey. Auch hier ist die Bar/das Centro Social geschlossen. Ist nix mit CcL.
Schöner sanfter Aufstieg auf einem Feldweg mit Liegepause unterwegs. Die Luft ist trotz Dauersonne angenehme. Und so still ist es!! Ich genieße…
Auf der Höhe stoße ich auf eine sehr breite Forststraße und frage mich, wozu diese Dimension?! An den Ruinen eines Bauernhofs raste ich und hole auch die Klarinette raus, nicht sehr lange, aber mit Freude.

Langer, teils steiler Abstieg auf der Forststraße nach Alcubilla. Der Hotelier der Casa Rural Marquesa de Tavira empfängt mich schon auf der Straße, an der Bar, erkennt mich wieder und weist mir gleich das Zimmer zu. Es ist komfortabler als das ‚Pilgerzimmer‘ vom vergangenen Jahr. Bin der einzige Gast im Hause.

CcL in der Bar, dann setze ich mich am Kinderspielplatz hin, schreibe Tagebuch und plane die nächsten Tage. Abendessen um 19:30h in der Bar, die vom Hotelier betrieben wird. Vereinbarung für das Frühstück auf 8h – ich will möglichst früh los. Duschen und noch im Hellen zu Bett, im Schlafsack, schön warm.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 2. Feb 2021, 13:03

5. Tag: Montag 13. Mai 2019, Alcubilla de Avellaneda – Langa de Duero, 22 km

Nachts um 5h wache ich auf und wälze die Entscheidung zwischen 22 km Ruta nach San Esteban überwiegend auf der Landstraße oder 22 km Camino del Cid auf Wirtschaftswegen nach Langa de Duero. Ich ziehe dann den Camino vor (weniger Teerstraße). Frühstück um 8h in der Bar, alleine wie immer, los um ¾ 9h. Sonne, kühler Wind.

Der Weg führt über die Hügel, durch Zayas de Torre, ein Dorf mit vielen Gebäuden aus ungebrannten Lehmziegeln. Viele Gebäude sind verfallen, die Lehmziegel durch Regen allmählich verwaschen. Imposant thront die Kirche über dem Dorf. Weiter geht es mit sanften Anstiegen bis zum Infopunkt „Römerstraße von Clunia nach Soria“. Die Römer haben die Halbinsel sehr intensiv für ihre Zwecke kultiviert.

Wahnwitzig breite Waldstraßen, total unromantisch, wohl als Brandschutzschneisen angelegt, jedoch gut für den Wagen. Pause auf der Höhe, kurz vor dem steilen Abstieg ins Flusstal. Lange geht es dann wieder eben dahin, sehr angenehm. Es wird wärmer, die Sonne brennt. Dann folgt der steile Aufstieg nach Alcozar, dahinter der einzelne Kirchturm ganz oben auf dem Felsen. Eindrucksvoll der Talkessel nach Alcozar. Hier entscheide ich mich für die Straße, die zwischen zwei Hügeln hindurch und dann bis Langa de Duero praktisch flach verläuft. Der eine Kilometer mehr ist es mir wert, um den absehbaren Aufstieg zu meiden.

Pause an einer Auto-Raststätte mit prima CcL + Eis, jedoch ohne Tabakwaren. Ich halte das (noch ;-)) gut aus. In Langa komme ich um 16h an, alles ist geschlossen, auch das Hotel und das Casa rural in der Nähe! Da höre ich französische Laute und sehe einen Lieferwagen mit französischer Aufschrift. Auf dem Bürgersteig im Schatten sitzt ein Paar, ich spreche es an wegen Hotel und so. Sie outen sich als Radfahrer aus Lyon, die auf dem Camino den Versorgungswagen fahren. Sie warten auf die Gruppe von zwanzig Radlern, die im Hotel unterkommen. Aha, das einzige geöffnete Hotel ist also schon belegt?! Na super.

Ich gehe erstmal auf eine Pause in die nächste Bar El Carrascal und frage dort - auf Verdacht - nach einer Unterkunft. Glück! Ich bekomme ein Zimmer (20€) in der Pension, die auch noch zum Hotel gehört. Nun bin ich sehr erleichtert. Den Plan B, abends mit dem Bus nach San Esteban zu fahren, kann ich gut aufgeben.

Um 16:30h hat endlich auch das Tabacos geöffnet und ich bekomme die ersehnten Cigares Café Crème. Spaziergang durch den Ort – nix los. Ausruhen im Zimmer, dann cerveza con limón an der Bar, draußen, und Tagebuch schreiben. Der Plan für morgen: 22 km auf einem Wanderweg direkt am Duero entlang nach San Esteban. Später werden 19 km daraus, auf einer Straße auf der anderen Flussseite. Beide Routen verlaufen topfeben.

Die Franzosen, die den Camino del Cid auf Ebikes befahren, trudeln allmählich ein. Abendessen gemeinsam. Es wird ein luschtiger Abend. Ich genieße meine Sprachkompetenz 😊, neben ein bisschen Spanisch auch Französisch zu können. Spät zu Bett. Schlafsack. Nachts spüre ich die (zu vielen) Cigares.
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 4. Feb 2021, 19:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 3. Feb 2021, 13:39

6. Tag: Dienstag 14. Mai 2019, Langa de Duero – San Esteban de Gormaz, 19 km

Wieder ist blauer Himmel. Morgensonne, einige Franzosen laufen schon herum und strömen dann zum Frühstück in die Bar. Da halte ich mich lieber zurück, bin doch menschen- und mengenscheu… Erst um ½ 9h gehe ich zum Frühstück. Der Supermercado für Brot usw. macht auch erst um ½ 10h auf. Als ich dann dort bin, marschbereit, ist immer noch nicht geöffnet. In einem kleinen Geschäft mit frischem Fisch und Obst kaufe ich Bananen und Pud-ding für den Tag und gehe um ¾ 10h los, runter zum Fluss.

Ich sehe den Wanderweg abzweigen, der den Windungen des Flusses folgt. Ich bleibe aber lieber auf der Straße über die Römerbrücke ans andere Ufer. Angenehmer Wind und pralle Sonne. Bald kommt ein Wasserkanal zum Vorschein, welcher neben der Straße verläuft. Unterwegs treffe ich den ersten (Fahrrad-)Pilger, ein Spanier, und spreche mit ihm. Von ihm erfahre ich, dass es in Gormaz eine ganz neue Pilgerherberge gibt. Meine Spanisch-kenntnisse freuen mich mal wieder! Nach einer Liegepause abseits der Straße unter hohen Weiden wechsle ich auf einen Treidelweg, der direkt am Kanal entlangführt. Es wird wärmer und wärmer, der Wind lässt nach, ich hole den Sonnenschirm heraus. Kurz vor Soto de San Esteban biege ich wieder auf die Landstraße, spare einen Kilometer. Warm!! Dann überholen mich zwei Radwanderer, einer hat einen Lastenwagen. Bei einer Pause im Grünen bewährt sich das neue Moskitonetz.

In San Esteban laufe ich über die alte, lange Römerbrücke, finde das Hotel La Ribera de Duero (dasselbe wie im vorigen Jahr) ohne Probleme und checke gleich ein. Der Chef begrüßt mich überschwänglich, er ist selbst Pilger. Der Preis am Tresen ist 45€, booking bietet es für 59€ an – ich finde den Preisunterschied nicht berechtig (der Chef übrigens auch). Klar, ich bekomme einen Service und booking will auch leben. Mein Tipp: Anrufen oder gleich selbst vorsprechen.

Ich bin recht müde, die Hitze setzt mir arg zu! In der Bar nebenan nehme ich ein Radler zu mir, im Hotel Alquerque am Fuße des großen ockerfarbenen Felsens eine zweites und genieße die tolle Aussicht auf den Felsen mit den Grotten und Hütten. Ich spüre meine Beinmuskeln und denke über einen Ruhetag nach. Warum nicht hier? Morgen soll es noch wärmer werden…

Ich habe mir eine Straßenkarte von Spanien und Portugal gekauft und freue mich darauf, alle Orte und Flüsse zu kennzeichnen, die ich schon mal besucht/kennengelernt habe.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Gertrudis » 3. Feb 2021, 23:28

Lieber Franz, danke für die Berichte, die so schöne Erinnerungen hervorrufen!
Freilich bringt es mich ein bisschen durcheinender, dass Du in die umgekehrte Pichtung pilgerst :?
Beim Lesen des 6. Tages hab ich zuerst gedacht, es gäbe endlich die neue Herberge in San Esteban de Gormaz, von der ja schon 2017 gesprochen wurde... Aber dann war klar, Du hast Gormaz gemeint.
Aber die Ruta de la Lana geht doch gar nicht durch Gormaz - nur der Camino del Cid... Pilgerherberge? Haben die Spanier den Cid Campeador jetzt heilig gesprochen, dass man auf seinem Weg pilgert :shock: ...Oder hat man die Wegführung der Ruta de la Lana geändert...aber was ist dann mit Caracena?
Bin gespannt. Wird ja bald zu lesen sein in Deinem nächsten Kapitel!

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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 4. Feb 2021, 09:58

Guten Morgen liebe Gertrudis,

ja, du hast recht. Manchmal war ich selbst verwirrt, habe das aber als Herausforderung aufgefasst, findig zu werden und mir neue Wege zu erschließen. Wege mit durchgängigen Markierungen sind eben ein bisschen einfacher als ohne welche. Einige Etappen wollte ich möglichst umgehen, weil ich sie von der Hin-Tour als wenig attraktiv (Alcubilla - San Esteban und San-Esteban - Caracena: zu viel auf Teerstraßen) oder zu anstrengend in Erinnerung hatte. Die Caracena-Schlucht musste ich umgehen, die schmalen Pfade hätte ich mit dem Rucksackwagen nicht gepackt. Daher der weite Umweg über Gormaz, auf dem Camino del Cid, der besser markiert und strukturiert ist als die Ruta. (Da bin ich ganz pragmatisch ;-)).

Die Herberge in Gormaz, einem Kaff mit 17 Einwohnern, firmiert als Pilgerherberge und trägt groß die Muschel (s. Bild auf
https://elmirondesoria.es/provincia/not ... -en-gormaz
Diaspora in der Pampa, einen markierten Jakobsweg habe ich nicht gefunden. Für Ruta-Radpilger sicher eine Alternative zur Bergroute über Caracena.

El Cid? Heilig gesprochen? Vom spanischen Fremdenverkehrsminister? Sicher!!
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 4. Feb 2021, 14:29, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 4. Feb 2021, 11:11

7. Tag: Mittwoch 15. Mai 2019, San Esteban de Gormaz, Ruhetag

Morgens bin ich schon vor 8h draußen. Beim Laufen, wie immer in der schimmernden Morgensonne, schmerzen die Oberschenkel, und die Entscheidung für den Ruhetag HEUTE fällt mir leicht. Gleich nach dem Frühstück buche ich eine zweite Nacht in/mit weißen Tüchern...

Spaziergang durch die Altstadt (eigentlich ist hier alles Altstadt) zum Café Alquerque an dem schönen Rondell mit Blick auf den ockerfarbenen Berg mit den Grotten und Häuschen https://www.gronze.com/castilla-y-leon/ ... ban-gormaz, Rumsitzen in der milden Morgensonne. Der äußerliche Eindruck der Untätigkeit täuscht: Ich erwäge die nächsten Etappen und neige dazu, noch drei Tagesetappen auf bzw. neben dem CdC (El Burgo de Osma, Gormaz, Berlanga de Duero) und dann abends per Taxi und Bahn über Almazán nach Sigüenza zu fahren. Der Taxipreis lt. Rom2rio sieht manierlich aus. Die vielfältigen Ausnahmen bei den Bussen je nach Wochentagen usw. nerven, die Bahn dagegen fährt regelmäßig, auch an Sams- und Sonntagen. Dieser Reiseplan erspart mir zwei sehr lange Strecken über die Berge bzw. durch die Caracena-Schlucht nach Retortillo und weiter nach Atienza/Sigüenza. Da ich die Route durch den tollen, aber anstrengenden Cañon de Caracena schon vom vergangenen Jahr kenne, entgeht mir nix.

Spaziergang zum Duero, Sitzen im Schatten von Bäumen, Kreuzworträtsel, Rauchen, Tagebuch schreiben, Planen. Warm ist es, im Schatten noch gut auszuhalten, in der Sonne ist es arg heiß. Der Himmel zieht allmählich zu. Später besorge ich Postkarten und erledige Einkäufe. So verplätschert der Tag.

Abendspaziergang zur Kirche am Convent und stilles Gedenken meiner Situation + Dank für mein gutes Leben. Ja, auch das hat seine Zeit. Die Kirche hat einen schlichten, goldfreien Innenraum, was mir gut gefällt. Längeres Telefonat mit daheim auf dem Mäuerchen vor der Kirche.
Zwei kleine Rotweine in der Bar am Convent, in der Abendmilde, zwar nah an der Durchgangsstraße, aber mir gelingt es recht gut, den Umgebungslärm beim Schreiben der Postkarten auszublenden. Die fertigen Postkarten bringe ich gleich zur Post – und tschüss!

Abendessen im Hotelrestaurant mit weiterem Rotwein. Das mache ich nicht so oft, ein wenig Luxus darf schon sein :-) Ich gehe spät zu Bett, schlafe aber nicht gut. Habe wohl doch zu viel gegessen und getrunken. Zwischendurch schaue ich eine halbe Stunde TV, bis ich merke, dass das gezeigte Tennismatch eine Wiederholung ist. Das Original habe ich ein paar Tage davor schon gesehen. Ein gutes Schlafmittel…
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 5. Feb 2021, 09:45, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 4. Feb 2021, 11:23

Ich habe den Zeitungstext von 2019 durchgelesen. Dort steht: "... el espacio era homologable para formar parte de la red de albergues de peregrinos de los Caminos de Santiago, uno de los cuales, el camino de la lana, transcurre al lado de Gormaz"
übersetzt: Das Anwesen ist dazu gedacht (und in der Lage), Teil des Herbergenetzes für Jakobspilger zu sein; ein Jakobsweg, der Camino de la Lana, verläuft in der Nähe von Gormaz.
Naja, in der Nähe... Ich fände eine Variante z. B. für Ruta-Radpilger, von Retortillo nach San Esteban, eine gute Idee. Was der japanische Minister damit zu tun hat? Vornehmlich persönliche Gründe. Ihm gefällt es dort.
Auf GRONZE findet man sie nicht. Habe jetzt (endlich) Gronze informiert, mal sehen.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 5. Feb 2021, 10:01

8. Tag: Donnerstag 16. Mai 2019, San Esteban de Gormaz – El Burgo de Osma, 15 km

Wie schon angemerkt, habe ich nicht gut geschlafen, am Hotel lag es aber nicht. Bin schon vor 7h wach, gehe raus zum Laufen und dann gleich zum Frühstück. Blauer Himmel wie üblich, morgenkühl, wie üblich, d. h. wie im vergangenen Jahr. Um ½ 9h bin ich marschfertig und laufe nach Norden aus der Stadt hinaus. Am Ortsausgang besuche ich die Iglesia de la Virgen del Rivero mit dem wunderbaren Portico, überquere dann die alte Bahnstrecke. Zur rechten Hand sehe ich den Bahntunnel (ob man da auch durchlaufen kann?) und raste am Friedhof oberhalb der Stadt.

Mohnblumen, viele Gewächse wie Glyzinien und Weinstöcke stehen noch in den Startlöchern - meseta halt. Schöne Fernsicht nach Westen über das Duerotal. In Portugal wird der Duero zum Douro. Dann biege ich nach Osten ab, verlasse die Ruta.

Pause vor dem Dorf Quintana, das auf dem Hügel thront, dann vorbei an vielen Erdhöhlen und Gebäuden, durch das Dorf, zur Kirche. Auch hier, von erhöhter Warte, schöne weite Ausblicke auf das Tal des Duero. Die ersten fünf Kilometer sind geschafft, dann geht es einen herrlichen Wiesen- und Waldweg allmählich aufwärts durch Eichenwald, Ginster, Lein, Mohnblumen. Es riecht allerorten nach tomillo (Thymian). Ich habe heute viel Zeit für die restlichen zehn Kilometer. Auf roterdigen Fahrwegen geht es hinauf bis 1000 müM!

Es wird in der Sonne immer wärmer, trotz leichtem Wind. Einmal verpasse ich den Abzweig und muss mich mit KOMOOTs Hilfe zurechtfinden. Das gelingt auch gut. Endlich der Übergang über die Autobahn und der Ortsrand von Osma del Duero. Ich fühle mich erschöpft, keine Ahnung wieso. Ich stoße auf eine Bar mit Hotel und gönne mir einen CcL und ein Eis. Langsam bekrabble ich mich wieder - eine durchaus angenehme Erfahrung, dass auf Erschöpfung verlässlich Erholung folgt. Dann frage nach einem Zimmer. Leider ist keins frei und ich muss weiterziehen.

Nach etwa einem Kilometer treffe ich auf das Hotel Rio Ucer und werde freundlich empfangen. Freundlicher Schnack an der Rezeption (wie gewohnt: 45€ direkt statt 59€ über Booking) und ein schönes helles Zimmer im 3. Stock, mit Balkon und großen Glasfenstern. Während ich mich einrichte und etwas ausruhe, zieht der Himmel bedrohlich zu und ein stärkerer Wind kommt auf.

Ich sitze ab 17h im Außenbereich vor dem Hotel, mit Blick auf die Kathedrale. https://imgs-akamai.mnstatic.com/85/a6/ ... height=880 Die Wärme bzw. Hitze setzt mir zu und macht mich schlapp. So ziehe ich es vor, untätig zu sein und rumzusitzen oder –liegen. Morgen soll es deutlich kühler und mit der körperlichen Fitness deutlich besser werden. Nach Gormaz werde ich auf jeden Fall auf einem verkürzten Weg laufen.

Spaziergang um und durch den weitläufigen Klosterbereich – sehr schön alles und viele Besucher. Die Anzeige am Hauptplatz zeigt jetzt am Abend 24°C an, ein böiger Wind weht um die Ecken. Im Osten hinter den Hügeln blitzt es aus schwarzen Wolken. Das sieht bedrohlich aus, bleibt aber fern. Auf dem Rückweg kaufe ich ein, für das Abendessen auf dem Zimmer und genügend Bier danach. Was evtl. übrig bleibt, trägt am nächsten Tag mein burrito. Das war eine gute Entscheidung mit dem Rucksackwagen!

Ich sitze wieder im Außenbereich des Hotels und habe mir ein Glas frisch gezapftes Bier geholt. Das Glas nehme ich – schlau ;-) - anschließend mit aufs Zimmer - Trinken aus Dosen ist nur ein Notbehelf. Abendessen: Ein paar Kekse und ein cerveza con limón reichen mir. Kreuzworträtsel, TV, duschen. Draußen blitzt es wieder. Um 22h sehe ich Tropfen am Balkonfenster. Der Wind ist sehr stark geworden, dicke Wolken verdunkeln den Himmel. Hier oben bin ich aber sicher. Dann bis morgen!
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 6. Feb 2021, 10:59

9. Tag: Freitag 17. Mai 2019, El Burgo de Osma – Gormaz, 17 km

Habe gut geschlafen trotz der vielen Straßenlampen, die ins Zimmer scheinen und trotz des stürmischen Winds. Es ist kühl geworden. Um 8h gehe ich runter, raus und dann zum Frühstück. Touristengruppen, auch eine deutsche, dominieren den Frühstückssaal. Für den (m. E. happigen) Preis von 6,90€ sacke ich noch etwas für unterwegs ein. Los um 10h. Es regnet nicht mehr, der starke Wind schiebt mich am Ufer des Rio Ucero entlang, der eine tiefe/hohe Schlucht durch den Hügel gefräst hat. Über mir thronen die riesige Festung links und ein Wachtturm (‚Atalaya‘) rechts. Vor der letzten Brücke mit einer Fischtreppe raste ich und lasse noch eine riesengroße Schafherde vorbeiziehen.

Nach der Brücke führt der GR 14 "Senda de Duero" von der Straße weg auf einen schönen Feldweg. Er geht ganz eben dahin bis La Olmeda und durch das Dorf hindurch. Am Brunnen habe ich noch einen Schwatz mit einer älteren Frau. KOMOOT hat die Fortsetzung des Wegs über die Felder ‚verweigert‘, da es eine Unterbrechung des Wegs vorsieht, und schlägt einen gehörigen Umweg vor. Das würde ich gerne selbst sehen: Ich gehe einfach weiter und schaue selbst – nix Unterbrechung, der Feldweg führt einfach weiter! Statt 2 bis 3 Kilometer Landstraße geht es herrlich durch Felder und leicht hügelig über eine Art Heide. Überall riecht es wunderbar nach Thymian. Selbstgespräche verkürzen mir die Zeit. Der Himmel hellt auf, die Sonne scheint ein bisschen. In der Ferne taucht die Festung von Gormaz auf. Toll! https://de.wikipedia.org/wiki/Gormaz_(Soria) (auf das Wiki-Bild klicken, dann geht es richtig auf).

In Gormaz bin ich um ½ 4h, viel früher als am Telefon und per email angekündigt. Ich raste erstmal im Windschatten der Bar (geschlossen) am Ortsrand und esse zu Mittag. Dann telefoniere ich, dass ich schon da bin. Der hospitalero reagiert brummig, kommt dann aber und nimmt die Einweisung in die Herberge vor, pingelig genau, taut dann aber doch merklich auf. Tolle neue Herberge mit Partyspuren im Innenhof (s.o. Notiz vom 4.2.21). Ich mach mir einen Kaffee und schreibe. Ich bin vorläufig allein hier. Überlegung, ob ich morgen 26 km von hier/Gormaz über die Landstraße nach Retortillo laufe oder zuerst nach Berlanga de Duero und übermorgen von dort nach Retortillo, ebenfalls ca. 26 km. Ich fühle mich stark für Beides, das kühle Wetter hilft.

Abends kommt die Sonne richtig heraus! Ich hole mir von den Partyresten im Innenhof eine (angebrochene) Flasche Rotwein Duero 2018 – nicht schlecht. Dann hätte ich es gerne etwas wärmer in der Herberge, suche akribisch nach dem Schaltknopf der Heizungsanlage, finde ihn, und es wird mollig. Weiters räume ich als "Hausarbeit" noch den Stolperteppich um (nachdem ich selbst mehrmals darüber gestolpert bin) und befestige die Muschel am Rucksack neu. Abends TV. Tolle Unterkunft.
BC
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 7. Feb 2021, 10:10

10. Tag: Samstag 18. Mai 2019, Gormaz – Berlanga de Duero (– Sigüenza), 16 km

Kühl ist es am Morgen. Der hospitalero schaut kurz vorbei und wirkt wie verwandelt, so freundlich. Frühstück und los um 9h.
Es geht zunächst über einen Pfad bergab zum Duero, steinig-holperig, also gut aufpassen. Im Talgrund laufe ich auf einer langen Brücke über den Fluss – der Camino del Cid kommt von rechts – und gleich danach links über die Felder, stets in Flussnähe bleibend. Wolken, ab und zu, dann kommen immer mehr Sonnenlöcher. Die Festung über Gormaz wirkt immer noch machtvoller, je weiter man sich von ihr entfernt. https://www.turismo-prerromanico.com/mo ... 714130022/ Ich sehe sie dann aus ca. 10 km Entfernung noch dort oben thronen.

Das Laufen fällt mir mitunter schwer, die Beine, dann geht es wieder: Der Wein von gestern Abend!! Im Ort Aguilera taucht plötzlich ein einsamer Wanderer auf, ein Baske, der allerdings kurz angebunden scheint und gleich weitergeht. Ich sehe ihm nach und ihn dann nie wieder. Den letzten Anstieg vor Berlanga packe ich in einem Zug, angeschoben vom kräftigen Wind, dabei kühl. Schöne Wolkenbilder.

Die Burg von Berlanga taucht überraschend hinter der Hügelkante auf. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... ngular.jpg Der Weg senkt sich lange abwärts. Um 15:30h trete ich durch das Stadttor. Die Stadt hat 780 EW und liegt bereits im Wochenenddämmerschlaf. Leider hat auch das Tabacos schon zu. Schwatz mit einem Herrn am Weg, dann ein CcL am Hauptplatz und eine Unterhaltung mit dem Taxidienst. Eine Fahrt um 17h nach Almazán Bhf vereinbart, sprachlich fast kein Problem! Zwischendurch regnet es immer mal wieder, kühl und windig und eher ungemütlich ist es hier. Ich suche erneut eine Bar auf und ziehe die lange Unterhose an. Da geht es mir gleich wieder besser.

Um 17h treffen Taxi und ich zusammen. Nette Fahrerin, begleitet von ihrem Mann, und nette Unterhaltung auf der Fahrt. Um ½ 6h sind wir am Ziel, 37€, das ist mir die Tour wert. In Almazán habe ich noch zwei Stunden Zeit. Alle Läden haben geschlossen, nur ein Kramladen hat geöffnet. Hier kaufe ich einen Beutel Kekse und bekomme ich einen Stadtplan sowie Hinweise auf Supermärkte, die evtl. noch geöffnet haben. Langer Spaziergang durch die Stadt. Außer gelangweilten Jugendlichen ist kaum jemand zu sehen. Als ich schon umkehren will, an einer Ausfallstraße, sehe ich ganz am Ende eine REPSOL-Tankstelle. Sie hat – oh Wunder – auch Tabakwaren. Endlich wieder Café Crème! Pilger können zwar auf alles Mögliche verzichten, freuen sich aber auch, wenn der Verzicht endet.

Endlich kommt die Sonne dauerhaft raus. Telefonat mit Mandayona, die Casa rural hat aber am Sonntag geschlossen, also Reservierung in Aragosa (75€), nicht billig, aber das gönne ich mir nach der preisgünstigen Herberge in Gormaz. Schließlich sitze ich im Zug nach Sigüenza, einem modernen Fahrzeug, und pünktlich ist er auch. Fahrt durch die Meseta castellana, bei schönster Abendsonne.

In Sigüenza orientiere ich mich erstmal, laufe herum und "besichtige" ein bisschen. Dann suche ich nach einem Hotel. Endlich finde ich im Hostal Laberinta ein Zimmer (36€). Noch ein Bier in der Bar am Park gegenüber, dann duschen und Heia. Trotz des abendlichen und nächtlichen Treibens draußen schlafe ich sehr gut!
BC
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