Ruta de la Lana

Weitere Pilgerwege auf der iberischen Halbinsel
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Pilger Franz
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 19. Feb 2021, 10:22

22. Tag: Samstag, 21. Sept. 2019, Paracuellos – Campillo de Altobuey, 16 km

Um 8h bin ich aufgewacht, der Regen hat aufgehört, dafür ist es neblig. Bild
Von den Sturzbächen die Straße runter ist außer ein paar Pfützen nichts mehr zu bemerken. Das Kaffeewasser für das Frühstück mache ich in der Mikrowelle heiß und frühstücke erstmal ausführlich. Dann räume ich noch auf und verlasse alles sauber und ordentlich um 9:15h.

Ich entscheide mich nach den ersten paar Kilometern auf der Landstraße, den ganzen Weg bis Campillo auf der Landstraße zu bleiben. Die Seitenwege sind vermutlich aufgeweicht und schwer zu gehen. Überall sind z. T. heftige Spuren des Starkregens sichtbar. Ein Schräghang mit einem großen Acker ist abgerutscht und liegt in Falten vor dem Abflussgraben. Da landet viel Krume im Mittelmeer. Die Sonne kommt raus, bleibt diesig verhangen. Auf der Passhöhe hole ich die Klarinette raus und blase ein paar Tonleitern. Ein Autofahrer hält an und fragt, ob ich evtl. mitfahren möchte. Nein, danke, alles in Ordnung. Er hat wohl gedacht, ich wäre wie er in Richtung Norden unterwegs.

Unterwegs probiere ich Weintrauben. Die Felder haben unter dem Regen gelitten, der Boden ist tief und schwer, fängt an, modrig zu stinken. Die Rebstöcke hängen voll – und das auf ca. 900 müM. Telefonate nach Campillo, nachdem ich mir den Abend in einem Bungalow - wie im Vorjahr - schon so schön ausgemalt hatte, aber – completo. Die Posada antwortet nicht, endlich die Casa Rural de la Higueira, zögerlich, aber bereit mich unterzubringen, falls ich nichts anderes finde. Sie kann mich ja nicht draußen stehen lassen! Schließlich, in Campillo angekommen, sehe ich von weitem einen Pilger, spreche ihn dann am Dorfplatz an. Er ist Belgier, allein unterwegs und sucht die kirchliche Herberge. Eine Verabredung kommt aber nicht zustande. Mal sehen, der Tag ist ja noch lang. Zuerst einkaufen. Cigarritos! Das gelingt kurz vor Ladenschluss (es ist Samstag), Glück gehabt.

Marie-Pilar von der Casa Rural hat inzwischen zurückgerufen. Ich habe es nicht gehört. Meine direkten Rückrufe funktionieren nicht, bis ich bemerke, dass ihr Anruf ohne die Landesvorwahl war. Endlich klappt es, mit Landesvorwahl von meinem deutschen Smartphone. Wir verabreden uns. Als ich schon vor der CR nahe dem Convento stehe, kommt Marie Pilar mit dem Auto und begrüßt mich mit besitos.
Bild
Sie schließt mir auf. Die CR ist riesengroß, für Gruppen bestimmt. Sie zeigt mir ein Zimmer mit allem Komfort, für 15€! Mehr will sie nicht annehmen. Danke! Ich habe das Haus – wieder mal – ganz für mich allein, sitze auf der Terrasse, esse etwas und schreibe. Gut geht es mir, tengo suerte!
Dann mache ich am Spätnachmittag einen Spaziergang ins Städtchen. Dort hat praktisch alles geschlossen – Samstag eben. Ich finde eine geöffnete Bar für einen CcL, später noch Bier und lémon. Den Belgier sehe ich nicht mehr. Na ja. Ich treffe dann per Zufall Marie-Pilar, die ihre alte Mutter im Rollstuhl betreut.
Bild
Im Garten am CR sitze ich da, nasche von den Trauben, schreibe, genieße noch ein bisschen Sonne. Morgen ist die Etappe nach Graja de Iniesta geplant, vorher Frühstück im Chicarro am Dorfplatz. Glockenläuten vom nahen Convento um 19:30h und lautes Vogelzwitschern, das bei Einbruch der Dämmerung schlagartig abbricht. Der SC Freiburg hat 1:1 gespielt, auch gut - Abendfrieden. Der Pilger ist glücklich.
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Pilger Franz
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 20. Feb 2021, 09:05

23. Tag: Sonntag, 22. Sept. 2019, Campillo de Altobuey – Graja de Iniesta, 22 km

Ab Campillo erkenne ich die Ruta in (weiten) Teilen wieder. Sich auskennen macht Spaß!

Kühl ist es morgens und sonnig. Abschied vom Convento. Frühstück im Chicarro an der Kirche am Dorfplatz. Blauer Himmel, ich gehe aus dem Ort, biege dann auf die Landstraße ein und gehe auf ihr weiter bergauf. Den markierten Weg lasse ich mal beiseite, er scheint zwar kürzer, aber steiler und steiniger zu sein. Allmählich bezieht sich der Himmel, nur Campillo liegt noch im gleißenden Morgenlicht.
Bild Bild
Oben angekommen, mache ich Rast, telefoniere mit dem Hotel Pepe. Jogger und Radler sind auch unterwegs. Sonntag halt.
Ich erinnere mich an die alte Teerstraße, unweit von ihr verläuft die neuen Autostraße. Ich kann sie ständig hören. Schließlich quere ich sie und gehe auf einem breiten Wirtschaftsweg bergab weiter. Schlammspuren überall.
Ich erkenne dann den weißen Herrensitz und danach die Mandelbaumallee wieder. Überall hängen die Trauben schwer an den Rebstöcken. Bild
Ich nasche. Unterwegs mache ich mir Gedanken zu Plänen im nächsten Jahr (Lusitana und Olavsweg).

Ein, zwei Regenschauer halte ich mit dem Schirm gut aus. Dann geht es auf ausgewaschenen Feldwegen weiter. Die Sonne kommt wieder raus. Einmal laufe ich zu weit und muss umkehren.

Erfahrung: Gelbe Pfeile auf dieser Ruta/in dieser Richtung sind eher rar. Sobald man doch einen findet, sollte man sofort prüfen, ob es einen plausiblen Grund dafür gibt, z. B. eine Richtungsänderung an einer Abzweigmöglichkeit. Nicht einfach weiterlaufen!!

Die letzten 5 bis 6 Kilometer sind mühsam. Auch hier erkenne ich unterwegs gewaltige Schwemmspuren in den leicht abschüssigen Feldern und Hängen. Endlich lange ich in Graja de Iniesta und beim Hostal Pepe an. Bild
Bin ziemlich erschöpft. Abends gibt es zum Abendessen Tortilla + Oliven + Radler. Früh zu Bett.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 21. Feb 2021, 09:56

24. Tag: Montag, 23. Sept. 2019, Graja de Iniesta – Villamalea, 24 km

Habe gut geschlafen und nur Angenehmes geträumt! Meine Sorge, der große Parkplatz mit den Lkws könnte sich ruhestörend bemerkbar machen, war nicht begründet. Um 6h auf, kurz raus zum Morgenlauf. Im Osten ist nur ein heller Streifen zu sehen. Frühstück, packen und um ½ 8h los. Schöner Weg auf die Höhe, über die Autobahn und die AVE-Stecke. Mich überholen Fahrzeuge mit Landarbeitern, die zur Weinlese fahren. Nach dem Anstieg mache ich eine Pause und bewundere die gleißende Morgensonne.
Es ist herrlich! Bild Bild Bild

Dann geht es auf Wirtschaftswegen immer leicht abwärts. Einmal biege ich mangels deutlicher Markierung (und ohne auf KOMOOT zu schauen) falsch ab, korrigiere das Versehen und treffe die Ruta wieder. Gute Orientierung :-) Es läuft sich angenehm bei Sonnenschein und Morgenkühle. Mir geht es richtig gut!
Das Land liegt flach vor mir, ich kann weit schauen: Weinfelder über Weinfelder. Bild Bild
Villarta Kaffeepause in der Gasse, alles außer der Bar und einem Bäcker hat geschlossen. Vor dem Verlassen des Städtchens raste ich nochmals in der Rambla – einem betonierten Bachlauf mit Bäumen und Bänken, offensichtlich für gelegentliche Sturzfluten ausgelegt.
El Herrumblar Es ist wärmer geworden. Kaffee + Eis in der Ortsmitte, eine längere Pause am Ortsausgang, im Schatten einer Kiefer neben dem Weg.
Villamalea Ich finde das Hostal El Bodegón nach kurzer Suche, checke ein. Der Wirtin zeige ich den Stempel vom vorigen Jahr, das freut sie. Schönes EZ mit Balkon im 2. OG mit Blick auf den kleinen Park gegenüber, die Bar und den Carrefour-Supermarkt. Die Stadt wirkt bei Sonne und Wärme viel zugänglicher als damals bei Regen und Kälte!

Spaziergang durch das Städtchen, Einkäufe im Carrefour (das heißt wirklich so, gehört zu einer französischen Kette) und einem kleinen Geschäft, das sowohl kleine Packungen Taschentücher als auch große Sicherheitsnadeln führt. Schwatz mit dem Inhaber u. a. über Gütermann in Gutach (bei Freiburg), dessen Garne er führt. Ein Schnupfen kündigt sich an. Radler + ein Tabakgeschäft für MOODS gefunden. Habe gleich zwei Packungen gekauft, erst eine, dann die zweite. Man weiß ja nie…

Auf den Plätzen tummeln sich Alt und Jung. Laut ist es. Gemütlich auf einer Bank sitzend genieße ich das Leben drumherum. Es waren heute 24 km, die ich kaum spüre, vermutlich der zunehmenden Fitness zu verdanken. Seit Cuenca war dies der sechste Tag. Anderen Pilgern auf dem Weg bin ich bisher nicht begegnet.
Abends dann schön geduscht und früh zu Bett. Es wird tatsächlich schon um ½ 9h dunkel.
Das Fenster hält den Lärm von der Bar gegenüber und den Autos gut fern. Wenn man es tagsüber ruhig hat, dann möchte das auch nachts so haben.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 22. Feb 2021, 09:23

25. Tag: Dienstag, 24. Sept. 2019, Villamalea – Casas Ibañez, 15 km

Nachts treten Schluckbeschwerden auf: Also ist die Erkältung da!
Ich lasse mir Zeit, gehe nach dem Joggen einen CcL trinken und esse dann das Müsli, das ich gestern im Carrefour gekauft habe. Weil ich keine Schale habe, nehme ich die Plastik-Geschirrbox als Ersatz. Los um 10h, die Wirtin verabschiedet mich freundlich. Kühler Wind, Sonne, blauer Himmel. Auf breiten Wirtschaftswegen geht es aus der Stadt hinaus und durch die Weinfelder. Heute sind viele Pflücker und Fahrzeuge unterwegs. Es wird geherbstet!

Der Wind kommt kühl von hinten, schiebt ganz schön, ist auch stärker geworden. Heute fällt mir das Laufen nicht so leicht wie gewohnt. Häufige Pausen bis Casas Ibañez. So macht sich die Erkältung bemerkbar. Das einzige highlight sind die zwei Amphoren an der Straße, wo die Ruta kreuzt.Bild

Nach einem weitgehend ereignislosen Weg erreiche ich Casas Ibañez. Am Platz vor der Kirche raste ich bei einem CcL, im Schatten, und gehe erst dann zum Hostal San Jorge. Einchecken und ein Schwatz mit der Chefin über den Camino „a vuelta“.

Schönes Zimmer, ruhig. Ausruhen, dann was essen. Beim Chinesen gegenüber kaufe ich eine Müslischale für morgen. Spaziergang zur Bushaltestelle. An ihr vorbei lärmt der Verkehr der Durchgangsstraße. Ich sitze auf einer Parkbank, schreibe Tagebuch, tue nix. In dem Städtchen habe ich bisher auch nichts Sehenswertes gefunden. Einzelne Stiche an den Beinen jucken. Wo habe ich mir die geholt? Nachts oder beim Liegen im Freien?

Zurück im Zimmer ist dann Duschen angesagt und früh zu Bett. Aaaah! Auch hier schließt das Fenster prima.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 23. Feb 2021, 10:46

26. Tag: Mittwoch, 25. Sept. 2019, Casas Ibañez – Alcalá de Júcar, 14 km

Ich lasse mir viel Zeit beim Aufstehen, ist heute nur eine kurze Etappe. Schnief, rotz, hust. Kurzer Lauf an die Kirche, dann Müsli aus der neuen Schale. Der bewölkte Himmel öffnet sich, Sonne, blau, kühler Wind. Bevor ich die Stadt verlasse, lese ich im Hotel Aro den PAIS bei einem CcL. Hauptnachrichten: Umbettung von Franco, Pleite bei Thomas Cook, Neues von D. Trump. Ob es ihm diesmal ernsthaft ans Leder geht?! (Später: Ging es nicht.)

Sitzpause auf der Anhöhe mit Blick über die Schnellstraße hinweg auf die Stadt und die Berge in der Ferne. Alles so friedlich hier. Ich fühle mich durch die Erkältung etwas eingeschränkt, sowohl physisch als auch psychisch. Ich wehre mich gegen die Schwächegefühle, indem ich sie ignoriere – mit Erfolg :-) Ich finde nach etwas Herumsuchen schließlich die markierte Ruta. Ich schlappe mehr, als dass ich marschiere. Pausen, Sonne, kühler Wind, flaches Land. Ich denke über einen Ruhetag nach.

Endlich begegnet mir ein Pilger! Ein Koreaner, der seit Alicante den achten Tag alleine unterwegs ist nach Burgos. Er hat erstaunlich wenig Gepäck. Wie machen Asiaten das!? Ich erinnere mich an einen jungen Japaner kurz vor Moissac, mit einem wahren Rucksäckle. Keine Ahnung, was sie alles nicht dabei haben…

Endlich! erreiche ich, kurz vor dem Flusstal des Júcar, die Bar in Las Eras am Wasserturm. Die Bar ist gut besetzt, allgemeines Mampfen. CcL + Eis richten mich wieder auf. Weiter zum Felsenpfad, die Steilwand entlang.Bild Bild Schöne Aussicht ins Tal und auf die tollen Felsformationen hinter und neben mir. Gut, dass es abwärts geht. Ich hatte den Pfad etwas offener in Erinnerung. An manchen Stellen ist er ziemlich zugewachsen, es ist hart durchzukommen, aber: Ich schaffe das! Bild Bild Endlich! (schon wieder) bin ich an der Zufahrt zur Burg . Gleich die Zufahrtsstraße zu gehen wäre bestimmt einfacher zu gehen gewesen. Ein starker Wind geht da oben! Außer ein paar Touristen und Bauarbeitern ist alles leer und verschlossen.

Ich bewege mich dann abwärts, meist rollend, manchmal über Treppen. Autos müssen draußen bleiben. Auch an Fahrzeuge wie Rentner-Einkaufswagen oder meinen Rucksackwagen wurde in dieser Steillage nicht gedacht. Hotel Pelayo, ohne irgendeinen Pilgerrabatt und ohne Balkon. Die receptionista bleibt hart. Das Zimmer wirkt etwas kahl, ohne eine Tür zur Terrasse davor, und man blickt auf eine Mauer. Ich räume es um, damit ich wenigstens vom Bett aus die Felswand und den Himmel sehen kann.

Erfahrung: Wie im Mai in Madrid sollte ich vor dem Einchecken – ganz proaktiv - zuerst booking.com prüfen. Hier hätte ich dasselbe Zimmer etwas günstiger bekommen, ein viel besseres mit französischem Balkon gar zum gleichen Preis.

Für morgen habe ich mit Hilfe der receptionista ein Taxi bestellt, das mich zur Umgehung des Höhenunterschieds nach Casas del Cerro bringen wird. Jetzt sitze ich in einer Gartenbar mit zwei Radlern (nacheinander). Da kommen zwei echte Radler, Radpilger, herzu. Plausch. Sie ziehen dann weiter. Buen camino!

Den Gedanken an einen Ruhetag hier beende ich. Dafür werde ich nachher die Badewanne aus-nut-zen! Schönes Vollbad (gut + entmüdend vor allem für die Beine) mit Radler und Zeitung. Im Bett liege ich um 20h. Von dort aus sehe ich bis zum Einschlafen der großen Felswand zu, wie der Sonnenschein nach oben wandert und allmählich verlischt.
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 25. Feb 2021, 18:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 25. Feb 2021, 12:50

27. Tag: Donnerstag, 26. Sept. 2019, Alcalá de Júcar – Casas del Cerro – Alatoz,17 km

Habe lange geschlafen und immer wieder nur gedöst und dabei die Felswand angesehen. Dort ist es nie ganz dunkel. Woher kommt das Licht? Vom Mond wohl nicht, denn es ist fast Neumond.

Frühstück im anderen Hotel. Einkauf Brot. Bargeld. Der Taximann ist schon vor der vereinbarten Zeit da.... tranquilo… Schöne Fahrt ü durch die Nebenschlucht hinauf nach Casas del Cerro. Toller Blick zurück auf Alcalá und die tiefe Schlucht: https://meinspanien.com/alcala-del-jucar Schöner breiter Weg, bezeichnet mit Camino de Vera Cruz und Ruta de la Lana, der von der Straße nach Süden abgeht, allmählich ansteigend. Es wird warm, Sonne, blauer Himmel, fast windstill. Pistazienbäume am Weg, eine Schafherde. Am Horizont gegen Norden steht ein bleigrauer Streifen – Smog?! Ungewohnt starkes Schwitzen - Erkältungsausklang?!

Häufige Pausen, schwitzen und pausieren, bis ich abgekühlt bin. Dann verpasse ich einen Abzweig und lande an der Landstraße nach Alatoz. Ich laufe auf ihr weiter bis zum Abzweig über die Felder. Hier steht die Stele, sichtbar auf dem Bild zu meinem Profil. Kurz vorher fährt der Taximann vorbei, hupt und winkt herüber. Alles so anstrengend heute. Zum Schluss packe ich es mit „Einfach weiter“ und Pausieren, wo immer sich ein Platz im Schatten bietet.

In Alatoz ist die Bar OVI geschlossen, dafür hat die Taberna Romana offen. Dann draußen CcL + Radler, während ich auf jemanden warte, der den Schlüssel für das Refugio bringen soll. Endlich bringt mich jemand zum OVI, wo ein anderer Peregrino inkognito schon länger sitzt. Er saß da ohne Gepäck, drum habe ich ihn nicht angesprochen. Es ist der junge Italiener, von dem die beiden Radpilger in Alcalá erzählt haben (Radio camino). Nach etwas Hin und Her (er traut mir wohl nicht ;-)), kriege ich die Schlüssel von ihm und gehe rauf. Alles bekannt.

Schöner Sommerabend. Als ich zum Abendessen auf der Steinbank vor dem Refugio sitze, kommt er hinzu. Später dann eine lange, freundliche Unterhaltung. Fabio ist schön länger unterwegs, spricht gut Spanisch und will über Burgos und Logroño nach Loyola. Er ist sehr auf Harmonie bedacht, angenehm. Ich lege mich schon früh hin und schlafe auch gut.
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 27. Feb 2021, 08:21, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 26. Feb 2021, 10:02

28. Tag: Freitag, 27. Sept. 2019, Alatoz – Alpera, 26 km

Fabios Wecker geht um 6:30h, ist mir recht. Früh raus im Dunkeln: So ein toller Sternenhimmel! Gemeinsames Frühstück, gemeinsam gehen Fabio und ich um 8h zur OVI-Bar auf einen Kaffee. Dann adios und BC!

Die Steigung rauf zum Pass ist mäßig, guter Weg. Kühl, die Sonne ist schon da, aber teils noch hinter dem Berg. Ich komme gut voran. Oben stehen eine Menge Windräder.
Bild
Rundum müssen es mindestens hundert sein. Danach geht es ständig sanft abwärts.
Bild In einem weiten Tal treffe ich an einer Kreuzung auf den Camino Levante.
Ab jetzt, bis Almansa, laufe ich also auf beiden. Zu Teilen laufe ich auf der neugebauten Landstraße, die Ruta verläuft irgendwo parallel, mache dann einen Abstecher, um sie wieder zu treffen, die über die Hügel geht, finde sie und verliere sie wieder. Verwirrende und mangelhafte Kennzeichnung, zumindest in meiner Laufrichtung :-). Weiter unten ein neuer Versuch. Als Alpera in Sicht ist, ist es sonnig und sehr warm geworden. Gut, dass ich den Sonnenschirm habe!

Am Ortseingang gehe ich lange die Rambla runter, an einer riesenlangen Schlange von Traubenlastern vorbei, bis zum Cazador. An der Haustür hängen Hinweise für Pilger und am Haus eine große Muschel. Auf meinen Telefonanruf hin kommt der Chef auf dem Rennrad und lässt mich rein. Das Zimmer geht nach Osten raus, auf die Berge. Ich packe kurz aus und gehe dann zur nächsten Eckkneipe SACHA. 2x cerveza con lemón und einen cigarito auf der Bank im Schatten vor der Bar.

Spaziergang zur Bushaltestelle an der Rambla und zur albergue (Plaza de Ayuntamiento Nr.17). Kein Pilger da. Einkehr in der Bar, in der man Abendessen bekommt nebst TV. So allmählich erhole ich mich – es waren doch ungewöhnliche 26 km -, gehe um 20h nach Hause, duschen und zu Bett. Die Traubenfahrzeuge sind noch lange zu hören.

Der Plan für morgen + übermorgen:
Samstag: „Ruhetag“, per Bus um 14:30h nach Almansa
Sonntag: Um 10h per Zug nach La Encina + 11km nach La Font der Figuera, von dort weiter auf dem Camino de Levante.
Zuletzt geändert von Pilger Franz am 27. Feb 2021, 08:18, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 27. Feb 2021, 08:18

29. Tag: Samstag 28. Sept. 2019, Alpera – Almansa

Nachts wache ich mal auf und schaue auf’s Handy. Ich kann nur mit Anstrengung scharf sehen. Am Morgen sehe ich dann: Das linke Augenlid hängt nach unten. Oje, sowas kann ich nicht gebrauchen! Um 8h werde ich wach, gehe kurz laufen und sehe noch einen Wanderer Richtung Norden davongehen. Da war ich doch nicht allein im Cazador. Er sieht etwas verzottelt aus und hat keine Muschel am Rucksack. Frühstück in der Cazador Bar.

Mit Bepanthen Augentropfen und Kühlung wird wird das Scharfsehen allmählich besser. Da das Lid immer noch hängt, setze ich die Sonnenbrille auf. Ich vermute als Ursache eine allergische Reaktion oder zu viel Sonne gestern oder eine Folge der Erkältung (hust + rotz noch immer). Auch beim Gehen habe ich leichte Schlagseite. Mich zieht diese Einschränkung runter, also heißt die Devise: Gaaaanz langsam machen. Ich suche nach einer Möglichkeit zur Augenbehandlung. Heute, Samstag, bleibt wohl nur das Hospital in Almansa. Mal sehen…

Gemütlich packen. Um 11h nehme ich noch einen CcL und trolle mich zur Rambla/Avenida in den Schatten. Dort prüfe ich meine Optionen und entscheide mich für den Bus um 14:30h nach Almansa. Morgen fahre ich dann mit dem Zug weiter nach La Encina. Dabei kann ich sicher Teile meines Fußwegs vom vergangenen Jahr sehen! Einkauf Brot + bollo. Lange Sitzpause an der Kirche. Auf dem Weg zur Bushaltestelle (nach Süden) hält der Chef vom Cazador sein Auto an und fragt besorgt, ob ich vielleicht den Weg aus der Stadt (üblicherweise nach Norden) nicht finde. So ein Mitgefühl! Ich danke ihm herzlich, es sei alles in Ordnung.

Die Busfahrt ist rasant und OK. Bin froh, dass ich nicht gelaufen bin, es wäre doch eine ziemlich lange und anstrengende Strecke gewesen, die 26 km von gestern spüre ich noch. Ausstieg am Bahnhof.
Bild Hier am Bahnhof kann ich sehen, was ich seit Cuenca (946 müM lt. Wikipedia) schon an Höhenmetern "abgebaut" habe.
Längerer Spaziergang zum Hotel Estudio, werde dort jedoch abgewiesen. Dann also Albergue. Die Adresse, im Führer angegeben, hat sich geändert. Das erfahre ich erst auf mehrmaliges Anrufen bei den Amigos del Camino. Das Haus des Convento De Las Religiosas Esclavas De Maria ("Marias gläubige Sklavinnen" - du meine Güte!) residiert jetzt in der Calle Cervantes Nr. 7. Das Haus weist keinerlei Kennzeichnung auf, aber auf mein Klingeln erfolgt Einlass. Die Verwalterin, eine Kolumbianerin, keine Nonne, empfängt mich und nimmt gleich alles auf und die Gebühr entgegen. Einen Schlüssel gibt es nicht, ich soll jeweils klingeln. Vorsicht oder Misstrauen? Letztlich ist es mir egal.

Einzelzimmer mit Nasszelle, alles etwas ältlich, jedoch brauchbar, mit Oberlichtfenstern und einem Schrank davor, der das Fenster verdunkelt. Das mag ich ja gar nicht! Deshalb „gestalte“ ich das Zimmer für mich um: Den Schrank rücke ich zur Seite, ziehe den Vorhang auf. Siehe da: Der Blick geht in einen begrünten Innenhof. Herinnen wird es gleich heller. Na also. An der Küche, die es auch gibt, ändere ich lieber nichts ;-)

Spaziergang zum Parque Reyes Catolicos, CcL + Eis, dann weiter auf der Suche nach Einkauf + Castillo, finde beides. Bild
Zum Schluss kriege ich Appetit auf Fleisch mit Tomatensauce, finde endlich ein Café am Teatro Regio. Leckere albondigas + cerveza con lemón. Ich sitze, schreibe und schaue. Die Gasse belebt sich (wieder), viele flanierende Familien. Drüben sammeln sich Theaterbesucher.
Das Lid hängt noch sichtbar, doch dem linken Auge geht es wieder besser.

Das war heute ein richtiger Ruhetag.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 28. Feb 2021, 08:45

30. Tag: Sonntag 29. Sept. 2019, (Almansa –) Moixent – Canals, 22 km

Abends wurde im Haus noch bis 22h rumort, dann ging das Flurlicht aus und Ruhe war – bis 7h, da ging es wieder los. Auf um 8h, die Haustür blockiert und gejoggt. Angenehme Morgenkühle. Zum Frühstück habe ich alles selbst mitgebracht. Dann gehe ich zum Bahnhof. Beim Kauf der Fahrkarte heißt es: kein Zug nach La Encina, nahe Caudete. Bustransfer, wegen Schäden an der Eisenbahn, ohne weitere Erläuterung. Also deswegen steht vor dem Bahnhofsgebäude ein Bus mit laufendem Motor! Er wird nach Valencia fahren, wartet aber noch auf den Zug aus dem Norden, der außerplanmäßig hier endet.

Es dauert, bis alle Fahrgäste im Bus versorgt sind. Schöne Fahrt über die Autobahn, erster Halt in Moixent, nicht in La Font. Wüste Spuren der letzten Überschwemmung sind noch zu sehen – Gota fría, das Riesenunwetter, ist zwei Wochen her. (Wieder daheim sehe ich Bildberichte von Pilgern, die dort hineingeraten sind: Matsch, Matsch, tiefer Matsch, und von Überschwemmungen, welche ganze Bahnlinien weggerissen haben – so auch bei Almansa. https://www.rnd.de/panorama/gota-fria-h ... AJUFM.html) Ich marschiere vom Bahnhof bergab über die Brücke ins Städtchen, wo was los ist: Musikkapellen marschieren von der Plaza Mayor los, Absperrungen sichern den Umzug. Viele Leute sind unterwegs, Sonntagslaune. Ich orientiere mich bei einem CcL, dann entscheide ich mich für weiter, nach Canals. Los um 12h, Sonne, warm ist es geworden.

In Vallada mache ich Pause. Weiter geht es am Rio Canyoles entlang, am Rande von Orangenhainen. Unterwegs wird mir klar, dass ich auf der Via Augusta laufe, die von Cadiz über Valencia bis Barcelona und den Pyrenäen verläuft. Alte Römerstraße, in Teilen noch gut erkennbar und von Säulen (geformt wie Meilensteine) flankiert. Bild
Sie verläuft stets ein Stück oberhalb des Flusses. So ist sie bei dem Unwetter unbeschädigt geblieben. Und ohne nennenswerte Steigungen - das haben die Römer gut gemacht :-). Den Rio Canyoles kreuze ich mehrmals. Schwere Verwüstungen überall. Einmal muss ich durch seichtes Wasser gehen. Die entsprechende Fahrbahnunterquerung ist verstopft oder es gibt sie nicht mehr. Bild

Die Sierra Grossa begleitet mich zur Rechten. Auf der anderen Flussseite grüßt die Burg von Montesa. Endlich erreiche ich Canals. Viele, viele Menschen auf den Straßen, schön so. Umständliches Einchecken auf der Polizeiwache. Auch hier gibt es keinen Schlüssel für den Pilger. Dafür eskortieren mich zwei(!) Polizisten zur Albergue im Mercat Municipal. Alles brauchbar, Kühlschrank, zwei Schlafräume mit je zwei Betten, die Betten sind neu, sogar Bettwäsche liegt bereit. Wenn ich rausgehe, soll ich alle Türen zuziehen und bei der Rückkehr bei der Polizei anrufen. Die kommt dann und schließt mir wieder auf.

Ich beziehe das Bett, räume etwas um (muss halt sein) und ruhe mich aus. Dann beschließe ich, gegen die polizeiliche Anordnung zu verstoßen, blockiere die Außentür und hole mir zwei Flaschen Radler beim Dönermann, ich schätze, er ist Inder oder Pakistani. Lange sitze ich auf der Balkonterrasse unter dem Dach, habe es mir gemütlich gemacht, genieße ein Feuerwerk und die kühlen Radler, brauche nichts zu essen. Auf der Straße unten geht es noch recht laut zu.

Duschen und zu Bett um ½ 22h, im Seidenschlafsack, bei weit geöffnetem Fenster. Den Daunenschlafsack lege ich neben mich, falls es kühl wird. Den Straßenlärm höre ich nur gedämpft, sehe direkt in den Nachthimmel. Happiness.
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Re: Ruta de la Lana

Beitrag von Pilger Franz » 1. Mär 2021, 08:57

31. Tag: Montag 30. Sept. 2019, Canals – Xativa, 8 km

Einmal wache ich nachts auf und sehe den wunderbaren Sternenhimmel vom Bett aus. Der Gürtel des Orion/Schützen sehe ich deutlich, auch wie er allmählich weiterzieht. Auf um 8h, Morgengymnastik auf dem langen Balkon. Habe keinen Muskelkater, mein Körper macht offensichtlich alles gut mit. Packen – Ameisen in der Küche und in meinen Esssachen! – und los um 9h zum nächsten Café. Pan tostado, CcL, Orangensaft. Heute schaue ich Canals näher an, erst dann laufe ich nach Xativa. Das reicht, und morgen evtl. bis Carcaixent oder Alzira. Schön, so viel Zeit zu haben… Am Flüsschen entlang laufe ich zum Torre de Borja, wo Papst Calixt III geboren wurde. Lange Sitzpause auf dem Platz der Borgias und Tagebuch schreiben.

Dann zurück in die Stadt, angenehmer Gegenwind bei 25°. Weiter nach Osten aus der Stadt raus. Kurz vor der Ermita am Weg kommen mir zwei ältere Pilger, ein Paar aus Frankfurt/M., entgegen. Plausch. Von Ayacor nach Anahuir geht es tief runter zum Rio Canyoles. Auch hier Spuren der Verwüstung. Drüben geht es bis Novetlé wieder hinauf. Pause am Kreisel hinter Novetlé. Diese Art von (privilegierter) Landstreicherei gefällt mir!

Nun ist es 15h geworden. Es geht wieder ein Stück der Via Augusta oberhalb der Autofahrstraße entlang. In Xativa biege ich ab und gönne mir am Pl. de la Bassa unter Bäumen CcL + Eis. Erstmal ankommen. Dann suche und finde ich das Hotel Vernisa, checke ein - es gibt keinen Pilgerrabatt!. Dafür „schwatze“ ich ein Zimmer mit Balkon „heraus“, mit Wifi und Aircondition. Ausruhen bei laufender Kühlung, auspacken, vor dem Hotel eine deutsche Zeitung für die Costa Blanca gekauft und auf dem Balkon gelesen, wo ich dem Verkehrslärm trotze. Hauptthemen: Gota fría + Folgen, Thomas-Cook-Pleite, große und kleine Verbrechen, viele Senioren (auch deutsche), die hier alleine leben und oft auch alleine sterben. Der Tenor: Der Staat sollte sich mehr um sie kümmern. Ich finde, sie sollten sich statt fremder Hilfe vor allem selbst organisieren!

Spaziergang durch das Städtchen, zunächst ohne Ziel, dann Suche nach meinen gewohnten Cigares und welche gefunden! Einkauf cerveza con lemón + Gurke für’s Abendessen. Die Salate im Supermarkt lasse ich lieber stehen – ich möchte mir keine Darminfektion einhandeln.

Jetzt (19h) sitze ich auf meinem Balkon und süffle das Radler, löse ein ECKSTEIN-Rätsel, höre den Verkehr drunten, den ich gut „weghören“ kann, und bin zufrieden mit mir und meiner Umgebung. Abendstimmung, angenehme Temperatur. Nach den kostenfreien Albergues in Almansa und Canals habe ich mir dieses Hotel einfach gegönnt. Morgen: mal sehen, ob ich dann Lust auf km habe. Die Wetter-App sagt 34° voraus!!
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