Die Pilgermuschel

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PrinzKeksdose
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Die Pilgermuschel

Beitrag von PrinzKeksdose » 24. Okt 2020, 15:37

Die Pilgermuschel
Andenken – Erkennungszeichen – Legende – Wegweiser und vieles mehr

Eine Muschel werden die meisten von uns mit Sicherheit besitzen. Sie begleitet uns auf unseren Pilgerwegen und dient uns als Erkennungszeichen. Hier gibt es noch ein paar mehr Infos zur Muschel.

Legende
Um die Jakobsmuschel ranken sich gleich mehrere Legenden. Die erste erzählt von einem Jakobspilger auf dem Weg nach Santiago. Der Pilger war durstig und völlig entkräftet, als ihm der Teufel erschien und ihm anbot ihm eine Quelle zu zeigen, wenn er seine Pilgerreise beende. Der Pilger lehnte ab woraufhin der Teufel verschwand. An gleicher Stelle erschien dem Pilger der hl. Jakobus. Dieser zeigte ihm die Quelle und reichte ihm Wasser aus seiner Muschel.

Eine weitere Legende über die Jakobsmuschel erzählt die Geschichte eines Ritters.
Der Leichnam des hl. Jakobus wurde von zwei Freunden gestohlen und auf ein Schiff gebracht. Engel lenkten das Schiff an die Küste von Galizien. Dort legte das Schiff an. Ein heller Stern leuchtete auf den Leichnam. Am Ufer stand ein Ritter in Rüstung. Sein Pferd wurde von dem hellen Strahl so irritiert, dass es ins Wasser galoppierte und der Ritter in seiner Rüstung unterging. Wie durch ein Wunder tauchte er nach kurzer Zeit wieder auf. Seine Rüstung war vollständig mit Muscheln bedeckt.

Nachweis der Pilgerreise
Lange Zeit bevor es die Compostela gab galt die Jakobsmuschel als Beweis einer beendeten Pilgerreise. Nach der Ankunft in Santiago ging es weiter nach Finisterra. Dort suchten die Pilger Jakobsmuscheln am Strand und hatten damit einen Beweis, den Weg bis zum Ende durchgestanden zu haben.
Heute reicht es aus die letzten 100 Kilometer zu laufen und jeden Tag zwei Stempel in seinem Pilgerpass zu bekommen. Dann ist einem die Compostela sicher. Bei der Muschelsuche in Finisterra muss man ein bisschen Glück haben. Ich habe leider keine Muschel finden können.

Trinkgefäß
Neben dem Nachweis der Pilgerreise hatte die Muschel einen praktischen Nutzen. Durch ihre gewölbte Form wurde die Muschel als Trinkgefäß genutzt. Meine Muschel ist noch nicht als Trinkgefäß zum Einsatz gekommen und auch bei anderen Pilgern habe ich nicht gesehen, dass die Muschel zum als Trinkgefäß benutzt wurde.

Erkennungsmerkmal
Sichtbar außen am Rucksack befestigt, so erkennen sich Pilgernde gegenseitig. Auch für Nichtpilger ein Zeichen, dass man als Pilger unterwegs ist. Auf so manchen meiner Wanderungen wurde ich auf die Muschel angesprochen.

Wegweiser
Wohin kämen Pilger ohne die Muschel als Wegweiser? Wahrscheinlich nicht allzu weit. In diesem Sinne hier ein Dank an all diejenigen die sich ehrenamtlich um die Beschilderung und Markierung der Wege kümmern. Die am besten markierten Wege hatte ich in Frankreich. Klar, eindeutig, gut erkennbar und in beide Richtungen waren die Wege ausgewiesen.

Jakobsmuschel für Genießer
Gebrachten, gedünstet oder roh. Es gibt Menschen die schwören drauf. Ich konnte mich bis jetzt noch dazu überwinden sie zu probieren. Mal abgesehen von Backfisch und Fischstäbchen mache ich um alles was aus dem Meer kommt einen großen Bogen.

Meine Pilgermuschel habe ich bei den Dominikanern in St. Andreas, Düsseldorf im Pilgergottesdienst inklusive des Pilgersegens erhalten. Sowohl bei meiner ersten Pilgerreise als auch bei allen weiteren hatte ich sie immer sichtbar am Rucksack hängen. Einige Macken hat sie leider abbekommen aber nie so schlimm, als dass ich sie hätte austauschen müssen. Wenn ich gerade nicht pilger liegt sie sichtbar im Regal neben diversen anderen Erinnerungsstücken. Die Muschel ist mir in den Jahren ans Herz gewachsen. Mit ihr verbinde viele Erlebnisse der vergangenen Pilgerreisen. Wenn ich meinen Rucksack packe ist die letzte Handlung immer die Muschel außen, sichtbar an den Rucksack zu hängen und wenn nach einer Pilgerreise der Rucksack ausgepackt wird, kommt die Muschel wieder ins Regal zurück. Meist mit dem Gedanken: bis zum nächsten Camino.

Wo habt ihr Eure Muscheln her, seid Ihr noch mit Eurer ersten unterwegs und gibt es vielleicht besondere Erinnerungen? Freue mich Eure Muschelgeschichten hier zu lesen!

tsetse
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von tsetse » 25. Okt 2020, 07:44

Schöne Idee :P

Ich war drei Pilgerjahre ohne Muschel unterwegs. Mehrmals wollte ich mir eine kaufen, aber ich fand nur weiße, symmetrische, zerbrechlich wirkende, sie passten nicht zu mir. Ich mag es lieber krumm als gerade.
In Aumont-Aubrac in der gite „Les sentiers fleuris“ hing dann links neben der Rezeption MEINE Muschel! Orange-braun mit weißen Kalkflecken von kleinen Schnecken, und mit ausgefranstem Rand. Perfekt! Ich hab sie sofort entdeckt, als ich den Raum betrat, und hab dem Herbergsvater ganz aufgeregt erklärt, dass das MEINE Muschel sei, dass sie Agnes heißt und dass ich sie SOFORT haben muss. Er war genauso aufgeregt, weil ich so spät angekommen war. Das Aligot stand schon auf dem Tisch, daher solle ich mich sofort zu den anderen setzen, es sei keine Zeit für Formalitäten.
Es hat ein bissl gedauert, bis ich den Herbergsvater lautstark überzeugen konnte, dass sein Aligot schneller erkaltet als meine Sehnsucht nach der Muschel ;)

Agnes ist an einer bunten Kette befestigt, an der sich im Lauf der Zeit Kreuzchen, Medaillons, Erinnerungsstückchen ansammelten. Zu Hause hängt sie neben meinem Bett. Beim Pilgern steckt sie im Rucksacknetz, so dass eine Ecke rauslugen kann. Auf einsamen Wegstücken hole ich sie gerne ganz aus dem Netz raus. Sie hüpft dann auf meinem Rücken und singt ein Lied mit ihrer Kette.

Die Muschel ist für mich nicht austausch- oder ersetzbar, es hängen zu viele Erinnerungen dran. Verlieren kann ich sie (hoffentlich) nicht, da sie ja entweder im Netz ist, oder singt. Sollte sie zerbrechen, werde ich wohl mit den Einzelteilen weiterpilgern.

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PrinzKeksdose
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von PrinzKeksdose » 25. Okt 2020, 08:54

Oh ja das mit dem nicht austausch- oder ersetzbar kenne ich. Auf meinem Camino in Frankreich habe ich die Muschel einmal in der Herberge vergessen. Gemerkt habe ich es erst als ich bereits eine Stunde unterwegs war. Ich habe gleich kehrt gemacht und bin zur Herberge zurück. Die Hospitalera hatte sie bereits gefunden und wusste gleich warum ich zurück gekommen bin. An dem Tag sind es dann ein paar Kilometer mehr als geplant geworden aber das war mir meine Muschel wert.

Simsim
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von Simsim » 25. Okt 2020, 09:59

Ja, auch für meine Muschel gibt es keinen Ersatz :) , denn für meinen allerersten Camino bekam ich die kleine, feine, wunderschöne, braun-weiße von einer lieben Freundin geschenkt. Jetzt hängt sie schon seit 11 Jahren an meinem Rucksack, auch wenn ich nicht pilgere. Irgendwie denk ich, wenn sie mal verloren geht, hör ich auf mit Pilgern....aber wer weiß... :D .

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Pilgerbär
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von Pilgerbär » 25. Okt 2020, 14:44

Hola!


Ich hatte einen älteren Kollegen (hatte weil er schon einige Jahre Rentner ist) er hat mich immer beneidet wenn ich wieder einmal zum Pilgern aufgebrochen bin. Er hat mir immer ganz liebe Segenswünsche mit auf dem Weg gegeben. Kontakt haben wir fast nur über E-Mail, da er etliche Kilometer weit weg wohnt. Er währe gerne auch mal diesen Weg gegangen, dies ist ihm aber aus gesundheitlichen Gründen definitiv nicht möglich. Auch hat der Kollege keine Familie und aufgrund seiner eingeschränkten Mobilität einen eher übersichtlichen Freundeskreis, was schade ist da er ein feiner alter Kerl ist. Ich habe ihn letztes Jahr zu meinem 50ten Geburtstag eingeladen und ihm dort meine Muschel mit einer Widmung geschenkt. Die Tränen in seinen Augen sagten mehr als es Worte könnten. Angeblich hängt die Muschel jetzt in seinem Schlafzimmer, somit ist sie nach seinen Angaben jeweils das erste und das letzte was er sieht... ich habe jetzt eine neue Muschel, Ersetzbarkeit ist also immer relativ.

da fällt mir auf, ich sollte ihn mal wieder anschreiben, haben länger nichts voneinander gehört...
Ultreya, euer Pilgerbär

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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von altbrummi » 25. Okt 2020, 21:18

Als wir das erste mal in Finistera angekommen sind waren wir auch am Strand vor Finistera. da lag der ganze Strand voll von Muscheln und wir haben uns unsere Muschel ausgesucht. Dabei konnten wir uns nicht einigen welche am schönsten ist und wir haben gleich mehrere mitgenommen die jetzt im Schrank liegen bei den anderen Jakobsandenken. Übrigens als wir das 2. mal in Finistera waren war keine einzige zu finden an dem Strand und wir waren froh dass es damals so viele gab. Alfred

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Gerhard2020
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von Gerhard2020 » 29. Okt 2020, 16:00

Jahre bevor ich das erste Mal eine Pilgereise angetreten habe, war ich mit meiner Frau drei Mal in Andalusien an der Costa de la Luz.
Vom Strand habe ich mir einige schöne Jakobsmuscheln mit nach Hause genommen. Mit diesen Jakobsmuscheln gehe ich sehr sorgsam um. Ohne es zu wissen, haben diese Muscheln bereits vor der ersten Pilgerreise eine ihrer Bedeutungen erhalten. Meine Pilgermuschel werde ich eines Tages am Strand von Kap Finisterre dem Meer zuückgeben und dafür eine neue Jakobsmuschel mit nach Hause nehmen. :P

Ultreia...

Gerhard
Trier - Le Puy 2019
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Kruemel
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Re: Die Pilgermuschel

Beitrag von Kruemel » 29. Okt 2020, 18:24

Gerhard2020 hat geschrieben:
29. Okt 2020, 16:00
... Meine Pilgermuschel werde ich eines Tages am Strand von Kap Finisterre dem Meer zuückgeben und dafür eine neue Jakobsmuschel mit nach Hause nehmen. :P

Ultreia...

Gerhard
Solche Symbolik finde ich immer schön. Das Leben ist ein Geben und Nehmen. Und "eines Tages" hat sowas von Träumerei und unerfüllten Zielen. :)

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