Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

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Tinchen
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Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Tinchen » 3. Jun 2021, 15:31

Hallo,

ich (50 w.)möchte gerne im September oder nächstes Jahr April den portugisischen Küstenweg gehen. Das ist ein großer Traum von mir, da ich seit Kindesbeinen an viieeelll gewandert bin und auch noch heute sehr trainiert bin. Gepilgert bin ich definitiv noch nie und ich stelle mir das auch anders vor als normales Wandern.
Nun habe ich ein paar Behinderungen, weshalb ich auf einige Dinge achten muss. Vllt hat da der ein oder andere ein paar Erfahrungen mit und kann Hilfestellung leisten.
1. Zöliakie: Bekommt man glutenfreie Nahrungsmittel unterwegs gut eingekauft oder muss man sich etwas von zu Hause was mitbringen (Brot/Kekse/Müsliriegel). Da gehts dann ja wieder um das Gewicht des Rucksackes.
2. Unterarmprothese: Möglichst nicht fallen, sonst verliere ich die Hand, Hand kann noch grobe Bewegungen ausführen für die Stöcke. Auf was muss ich achten beim Pilgern? Was wird beansprucht?
3. Hemiparese: Ich bin gut zu Fuß, spüre mich li. nicht, habe das Laufen aber wieder über Spiegeln gelernt und benutze die Augen zum Ausgleich. Reicht das?
4. Diabetes (Gut eingestellt ohne Pumpe). Kann nichts finden, was daran störend ist, aber vllt. habt ihr noch Ideen?
5. Epilepsie (Anfallsfrei seit 4 Jahren): Wollte nur auf öffentlichen Wegen laufen, falls was passiert, damit ich gefunden werde (Ausweis dabei).

Ich möchte den Weg möglichst alleine gehen, so wie alle anderen Pilger/innen auch. Ohne Gepäcktransport, Organisation oder ähnliches. Im Notfall kann man einen Bus nehmen, wenns garnicht geht. Das beruhigt.

Viele Grüße
Tinchen

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Via2010
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Via2010 » 7. Jun 2021, 09:01

Hallo Tinchen,

glutenfreie Lebensmittel sind in Spanien ebenfalls erhältlich und vergleichbar gekennzeichnet ("sin gluten"). In Bars kannst Du z. B. auch schon zum Frühstück Kartoffeltortilla bekommen.

Bei Deinem Diabetes musst Du eine evtl. Unterzuckerung im Auge behalten, da durch die vermehrte Bewegung der Stoffwechsel anders reagiert.

Ansonsten sehe ich mit Deinen Handycaps auf dem Camino Francés keinerlei Problem. Wenn Du morgens zeitig startest und die Etappen so planst, dass Du nicht nach 15 Uhr ankommst, werden immer Pilger nach Dir unterwegs sein, die Dir im Notfall helfen können.

BC
Alexandra

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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Pilger OllO » 7. Jun 2021, 10:53

Hallo Tinchen,

ich hatte mit Zöliakie nichts am Hut, nicht mal gewusst was das ist, bis ich auf dem portugiesischem Weg eine Pilgerin kennen lernte, die dieses Problem auch hatte. Fakt ist, die Portugiesen und Spanier sind in ihren Supermärkten darauf eingerichtet und einige Herbergen auch. In kleineren Ortschaften eher nicht. Also deck dich vor Ort in grösseren Orten mit dem ein, was du brauchst, von zu Hause mitbringen ist nicht unbedingt notwendig. Den Diabetes habe ich selbst, da rate ich dir, darauf zu achten, dass du nicht unterzuckerst. Der Stoffwechsel stellt sich durch das Laufen um. Aber da denke ich, brauche ich dir nichts zu sagen, nimm immer etwas Traubenzucker und einen Energieriegel mit. Und wie Andrea schon schrieb, es sind genug Pilger unterwegs die dir Sicherheit geben und im Notfall auch behilflich sind. Ansonsten kenne ich nur den Inlandsweg in Portugall und habe den Weg dort als steinig erlebt. Also einfach aufpassen wo du hintrittst, dann passiert auch nichts. Freu dich auf die Portugiesen, die sind so lieb und hilfsbereit. Du wirst es lieben.

Bom caminho

Olaf

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CyrusField
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von CyrusField » 7. Jun 2021, 14:15

Pilger OllO hat geschrieben:
7. Jun 2021, 10:53
Ansonsten kenne ich nur den Inlandsweg in Portugall und habe den Weg dort als steinig erlebt. Also einfach aufpassen wo du hin trittst, dann passiert auch nichts.
Hallo Tinchen,

da du ja schon Wandererfahrung hast, ist der Caminho Portugûes im Vergleich mit manchem Steig (Eifel-, Rhein-, Mosel-, etc.pp.) zu 95% Kindergeburtstag. Auf dem Central ist mMn das einzig wirklich "schlimme" Stück hinter Labruja, vor und hinter dem Cruz dos Franceses. Da geht es etwa 2km über Stock und Stein und recht steil nach oben. Ohne Eile und mit ein bisschen Achtsamkeit sollte das aber kein Problem sein. Auch da gibt es im Zweifel Pilger, die Dir helfen können. Ansonsten sind es öfter mal Feldwege, die aber nicht unbedingt anspruchsvoll sind.

In allen Bereichen geht sich der Weg auch prima ohne Stöcke, wobei ich natürlich nicht weiß, ob Du auf sie wg. der Hemiparese angewiesen bist. Aber Pilgern ist ja nicht so viel anders, als Wandern, vielleicht sogar ein bisschen gemütlicher. Hinsichtlich der Beanspruchungen gibt es da keine großen Unterschiede.

Den Rest haben Olaf und Alexandra ja schon ausführlich erklärt ;)

Bom Caminho
Stefan
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...und ich jage die gelbe Muschel. :geek:

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Pilgerbär
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Pilgerbär » 7. Jun 2021, 15:32

Tinchen hat geschrieben:
3. Jun 2021, 15:31
Hallo,

ich (50 w.)möchte gerne im September oder nächstes Jahr April den portugisischen Küstenweg gehen. Das ist ein großer Traum von mir, da ich seit Kindesbeinen an viieeelll gewandert bin und auch noch heute sehr trainiert bin. Gepilgert bin ich definitiv noch nie und ich stelle mir das auch anders vor als normales Wandern.
Nun habe ich ein paar Behinderungen, weshalb ich auf einige Dinge achten muss. Vllt hat da der ein oder andere ein paar Erfahrungen mit und kann Hilfestellung leisten.
1. Zöliakie: Bekommt man glutenfreie Nahrungsmittel unterwegs gut eingekauft oder muss man sich etwas von zu Hause was mitbringen (Brot/Kekse/Müsliriegel). Da gehts dann ja wieder um das Gewicht des Rucksackes.
2. Unterarmprothese: Möglichst nicht fallen, sonst verliere ich die Hand, Hand kann noch grobe Bewegungen ausführen für die Stöcke. Auf was muss ich achten beim Pilgern? Was wird beansprucht?
3. Hemiparese: Ich bin gut zu Fuß, spüre mich li. nicht, habe das Laufen aber wieder über Spiegeln gelernt und benutze die Augen zum Ausgleich. Reicht das?
4. Diabetes (Gut eingestellt ohne Pumpe). Kann nichts finden, was daran störend ist, aber vllt. habt ihr noch Ideen?
5. Epilepsie (Anfallsfrei seit 4 Jahren): Wollte nur auf öffentlichen Wegen laufen, falls was passiert, damit ich gefunden werde (Ausweis dabei).

Ich möchte den Weg möglichst alleine gehen, so wie alle anderen Pilger/innen auch. Ohne Gepäcktransport, Organisation oder ähnliches. Im Notfall kann man einen Bus nehmen, wenns garnicht geht. Das beruhigt.

Viele Grüße
Tinchen
Hallo Tinchen,
mich würde es sehr freuen wenn du über deine Erfahrungen im Nachgang berichten würdest. Ich wünsche dir einen guten Weg und immer einen Engel an deiner Seite.
Ultreya, euer Pilgerbär

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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Tinchen » 8. Jun 2021, 18:50

Hallo,

vielen vielen Dank für die liebevoll unterstützenden Tipps von euch!
Das hilft wirklich weiter einige Aspekte besser zu berücksichtigen.
@ Alexandra: Das mit dem "Vorlaufen" und dass mich zu Not einer hinter mir findet, ist brilliant!
Ich habe auch einen Brustbeutel, wo gross drauf steht in Spanisch und Englisch, welche Erkrankungen ich habe und wo welches Notfallmedikament im Rucksack (Leicht zugänglich für andere und mich) zu finden ist.

Beim Rucksackkauf war ich auch "kleinlich", sprich ich habe "nur" einen Deuter Futura 30 (Liter), der mir absolut reicht, auch bepackt. Bei einer Größe von nur 1,60m brauche ich tatsächlich nicht viel und schaffe den mit 5 kg gut packen und zu tragen. Dies erleichtert auch für die Hemiparese/Stolpern.

Stefan: Du sagst auf dem CF sind steilere Pfade mit Gesteinen. Ich wollte mir Stöcke besorgen, weiss aber garnicht ob das für kleine Personen wie mich gibt. Habt ihr da Erfahrungen?

Kann man in jeder Herberge kochen oder und nur in einigen? Wg der Zöliakie, dann könnte ich mich selbstverpflegen.

Und Ja Pilgerbär, ich werde berichten. ;)

Viele dankende Grüße
Tinchen

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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Pooh_der_baer » 8. Jun 2021, 19:59

Tinchen,

falls du dir Stöcke zulegen möchtest, nehme welche die du in der Höhe verstellen kannst.
Im FAchhandel ausprobieren.
Sind auch im Rucksack beim Flug verstaubar.
Bei Stöcken mit fester Größe kann evt. extra Kosten als Fracht notwendig sein.

Es gibt nur wenige Strecken, die vom Boden her für dich den Einsatz von Stöcken aus meiner
Sicht ratsam sind. Aber sicher ist sicher. Besser geschleppt als gefallen.
Wer sich nicht erinnert, den bestraft die Zukunft.

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CyrusField
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von CyrusField » 8. Jun 2021, 21:24

Ich habe selbst Teleskopstöcke, eben um sie zwischendurch auch schnell am Rucksack verstauen zu können. Ob sie als Handgepäck im Flieger durchgehen, ist aber wegen der "Spitze" abhängig von der Tagesform der Flughafensicherheit (aber ich gebe meinen Rucksack inzwischen eh auf).
Jedenfalls sind die komplett zusammengesteckt auch für Menschen mit etwa 50cm Körpergröße geeignet, komplett ausgezogen auch für 2m-Riesen. Da sollte zwischendrin für jede(n) etwas dabei sein :lol:
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von CyrusField » 10. Jun 2021, 08:26

Ich habe irgendwie überlesen, dass Du ja die Küstenvariante des Português gehen möchtest - da ist der steinige Abschnitt zum Franzosenkreuz ja gar nicht dabei!
Die Küstenvariante kenne ich bisher selbst nur aus Erzählungen bzw. Bildern von anderen - aber was ich da gehört habe ist, dass diese Variante wohl keinerlei Hindernisse aufbietet.

Was ich so oder so nur empfehlen kann, ist bis Vila do Conde den Weg direkt an der Atlantikküste zu gehen (Senda Litoral). Bretteben und was fürs Auge. Der eigentliche Küstenweg geht von Porto aus sinnigerweise nicht direkt am Wasser lang und soll auch nicht so schön sein (Gewerbegebiete, Flughafen, viel Beton).
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von WoM » 11. Jun 2021, 17:37

Hola Tinchen,
super, dass du den Camino unter die Füße nehmen willst!

Mit deiner hemiparese wurde ich dir zu Stöcken raten, da es doch etwas mehr Sicherheit bedeutet, vor allem wenn man ermattet ist.
Mit einem Attest des Arztes kommst du damit problemlos durch den Sicherheitscheck am Flughafen.

Lebensmittelunverträglichkeit ist immer so ein Thema: es gibt Ausweichsangebote und ich habe schon Pilger getroffen, die unterwegs Dinge gegessen haben, die Zuhause nicht möglich waren ... musst du testen.

Einen Diabetiker habe ich kennengelernt, der über Scanner seinen Blutzuckerwert immer aktuell auf der SmartWatch hatte und durch gezieltes Essen kaum Insulin benötigt hat.

Es sind die erstaunlichsten Menschen unterwegs - eine "Pilgeroma" mit zwei künstlichen Kniegelenken und das nicht zum ersten mal, Koreaner mit Sauerstoffgabe in der Nacht usw. Man ist immer noch in der Zivilisation und es gibt mehr Hilfe als man denkt.

Nur Mut!

Grüßle Wolfgang
Nach dem Camino ist vor dem Camino 8-)

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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Tinchen » 14. Jun 2021, 16:40

Danke nochmal für die vielen hilfreichen Rückmeldungen!

Am 4.8. werde ich nach Porto fliegen und möchte direkt vom Flughafen aus lospilgern, sprich die 1-2 Tage in Porto Besichtigung auslassen. Gibt es bereits am Flughafen gelbe Pfeile? Wenn nicht, wie komme ich nach Porto zur Kathedrale (Da gehts ja normal los.) und muss ich da schon den ersten Stempel haben?
Desweiteren wird überall erwähnt, dass man den Küstenweg lieber geht, das möchte ich auch. Wo kann ich rechtzeitig die Abgabelung finden?
Muss man die öffentlichen und/oder privaten Herbergen vorbuchen via Booking.com oder reicht Gronze aus? Bzw. es wird ja beides angezeigt bei Gronze.
Wo finde ich eine App die mir Supermärkte anzeigt? Wg der Ernährung muss/möchte ich ja extra ein wenig einkaufen.

Insiderwissen ist gefragt: Wenn ich unterwegs irgendwo mal in der Wildnis plötzlich Durchmarsch im darm habe, wie löst ihr das Problem am Küstenweg?
Tipps für umherstreunende Hunde? Wie ansprechen/reagieren/ignorieren?

Entschuldigung wenn ich so viel frage, ich habe mich rauf und runter gelesen, möchte aber alleine in Ruhe den Weg geniessen.

Liebe Grüße von einer vor Freude platzenden
Tinchen

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Pater Norbert
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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Pater Norbert » 14. Jun 2021, 19:33

Hallo Tinchen,

Wir kamen spät an, haben daher am Flughafen übernachtet und sind von dort in Richtung Moreira gegangen (etwa 2 km) und hatten dann die Pfeile in Richtung Vila do Conde.
Wer pilgert, wird von einem Virus infiziert, das nicht vergeht.

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Re: Pilgern mit Mehrfach-Behinderungen

Beitrag von Pater Norbert » 14. Jun 2021, 19:40

Was den Stempel angeht: Du musst keinen Stempel von der Kathedrale haben. Es ist "nur" schön.

Was das MUSS angeht: Wenn du die Compostela haben willst, muss der Stempel von km 100 vor Santiago dabei sein.
Auf dem Central ist es Tui, auf dem Küstenweg weiß ich nichts.
Wer pilgert, wird von einem Virus infiziert, das nicht vergeht.

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