einfach losgehen

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chrisbee
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einfach losgehen

Beitrag von chrisbee » 28. Okt 2020, 08:30

Die ja oft wohlmeinende Rede von der Chance in der Krise/Krankheit kann ich eigentlich nicht gut ab, sie kommt mir viel zu zynisch und herzlos vor. Was aber nichts an Wahrheiten ändert, etwa im Sinne von Gewohnheiten, die jetzt gar nicht mal schlecht sein müssen, aber einfach sind wie sie sind, weil ja ohne Gewohnheiten gar nichts ginge und wir ja verrückt werden müssten, wenn wir vor jedem Schritt, vor jedem Gedanken, vor jedem Handgriff fragen müssten, ob das jetzt die richtige Richtung ist. Das sind Muster, Habitualisierungen, und so selbstverständlich sie sind, so träge sind sie aber auch und verhindern, dass man sich vielleicht einfach mal im Kreis dreht und umsieht. Selbst bei allen guten Absichten. Ich denke da etwa an die Klimafrage, bei der sich wohl alle die Bewahrung der Schöpfung wünschen, aber dann doch fix in den Flieger springen, weil etwa Porto nicht eben um die Ecke liegt. Und natürlich an den inzwischen völlig ungewohnten Effekt, anlässlich von Seuchenschutzmaßnahmen vor einer mehr oder weniger geschlossenen Landesgrenze zu stehen. War ja alles so offen und einfach und selbstverständlich geworden. Und konnte ja alles nur besser werden - aber...

Vermutlich deshalb war wohl in diesem Frühsommer der Spaziergangswissenschaftler Bertram Weißhaar viel gefragt und gab in den Medien etliche Interviews (die links lasse ich hier weg, sie führen oft auf Bezahlseiten). Er kann diese Themen nämlich deshalb recht schmerz- und stressfrei angehen, weil er sich professionell umsieht. Weisshaar liest Landschaften wie andere Leute Bücher lesen. Und das kann man nur zu Fuß. Sein Anliegen ist nicht spirituell, sondern dem echten Leben zugewandt, er sucht nach den besten Möglichkeiten, den (Landschafts-)Raum, in dem wir leben, auch zu verstehen. Damit kreuzt er manchmal die Wege der Kunst, wenn er bei Exkursionen zu Mitteln greift, die wir früher als Happenings bezeichnet haben, was oft zu kuriosen Geschichten führt. Er hat auch den „Denkweg“ entwickelt (und ein Buch darüber gemacht) - er nennt ihn „einen (um)weltlichen Pilgerweg quer durch das Land von Aachen nach Zittau“. Eigene Wege zu finden, auch jenseits der bekannten Wanderwege, hält er für eine Kunst, er empfiehlt grundsätzlich, zu Hause loszugehen und ist ein Freund der Etappen, die man bekanntlich immer weiter in die Ferne fortsetzen kann.

Ich empfehle sein letztes Buch hier deshalb, weil uns allen ein ungemütlicher und beengender Winter ins Haus steht, der (siehe oben) somit auch die Chance bietet, sich etwas lockerer zu machen. Ich liebe es selbst einfach loszugehen. Jeder Tag: ein Stimmungshoch. Aber auch immer wieder ein Gefühl von Dankbarkeit für dieses Privileg. Ein netter Satz noch aus einem der Interviews: Ein Spaziergang unter den gegebenen Bedingungen ist wie „sich bewusst frei zu nehmen.“

Bertram Weisshaar: Einfach losgehen - vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen, Eichborn im Bastei-Lübbe-Verlag 2018, 20 Euro

Gruß chrisbee

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